Die Debatte um Elektromobilität dreht sich häufig um Reichweite und Ladegeschwindigkeit. Dabei gerät ein anderer Aspekt leicht aus dem Blick: die Rolle des E-Autos als flexibler Bestandteil eines vernetzten Energiesystems. Christoph Erni, CEO und Gründer des Schweizer Ladeinfrastruktur-Unternehmens Juice Technology, sieht in dieser Verbindung eine der größten ungenutzten Chancen der Mobilitätswende. Im Gespräch mit Moneycab.com bezieht er klar Position – auch gegen Aussagen aus der Verkehrspolitik.
Dass der weltweite E-Auto-Absatz in diesem Jahr neue Dimensionen erreichen könnte, ist laut Erni kein Zufall, aber auch nicht allein auf die geopolitische Lage zurückzuführen. Die Blockade der Straße von Hormus und die damit verbundenen Ölpreissteigerungen infolge des Iran-Konflikts beschleunigen eine Entwicklung, die ohnehin im Gange war. „Die Folgen des Irankriegs beschleunigen dies lediglich„, sagt Erni. Treiber seien vielmehr sinkende Batteriepreise, günstigere Fahrzeugmodelle vor allem chinesischer Hersteller, strengere CO2-Vorgaben sowie der Ausbau der Ladeinfrastruktur. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet für 2026 einen globalen Marktanteil von rund 30 Prozent für Elektroautos.
Hinzu kommt ein verändertes Kaufverhalten. Lange war der höhere Anschaffungspreis das meistgenannte Gegenargument. Inzwischen rechnen mehr Käufer:innen mit den Gesamtbetriebskosten über die gesamte Nutzungsdauer. „Es gibt nun wirklich absolut kein Argument mehr gegen ein E-Auto“, so Erni, „nicht einmal, wenn es ausschließlich an öffentlichen Ladestationen geladen werden muss.“
Heimladen nicht als Komfort, sondern als Systembaustein
Genau an dieser Stelle setzt Erni einen anderen Akzent als Teile der Verkehrspolitik. ASTRA-Direktor Jürg Röthlisberger hatte zuletzt in der „Bilanz“ argumentiert, dass das Laden zu Hause mit steigenden Reichweiten und schnellerer Schnellladeinfrastruktur an Bedeutung verlieren könnte. Erni widerspricht dieser Einschätzung deutlich. „Das ist viel zu isoliert gedacht“, sagt er. Röthlisberger betrachte E-Mobilität losgelöst vom Energiesystem, ohne Themen wie Netzentlastung, Integration erneuerbarer Energien und Lastflexibilität mitzudenken.
Für Erni ist Heimladen kein Auslaufmodell, sondern ein zentraler Hebel der Energiewende. Ein E-Auto, das über Nacht oder am Arbeitsplatz ans Netz angeschlossen ist, kann seinen Strombezug über mehrere Stunden verteilen und gezielt dann laden, wenn Solar- oder Windstrom im Überfluss verfügbar ist. Das entlastet die Netze, reduziert Lastspitzen und verbessert die Integration erneuerbarer Energien. Langfristig, so Erni, könnte Heimladen für die Energiewende sogar wichtiger werden als der bloße Ersatz des Verbrennungsmotors.
Die Alternative sieht er kritisch: Wenn Millionen Fahrende abends gleichzeitig an öffentliche Schnellladestationen fahren, entstehen massive Lastspitzen, die das Stromnetz vor erhebliche Herausforderungen stellen. Gleichzeitig verweist er auf ein ökonomisches Argument: Zum Preis einer einzigen DC-Schnellladestation ließen sich rund 50 Parkplätze mit AC-Ladestationen ausrüsten, die ebenfalls zwischen 50 und 150 Kilometer Reichweite pro Stunde in den Akku laden.
Lastmanagement heute, Vehicle-to-Grid morgen
Bei den Technologien, die in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werden, nennt Erni vor allem zwei. Lastmanagement ist aus seiner Sicht bereits heute unverzichtbar, insbesondere in Mehrfamilienhäusern, Tiefgaragen und auf Firmenparkplätzen. Es verhindert kostspielige Netzanschlüsse und ermöglicht, dass viele Fahrzeuge gleichzeitig laden, ohne das Stromnetz zu überlasten. Vehicle-to-Grid (V2G) sieht er langfristig als wertvolle Flexibilitätsressource, erwartet aber einen langsameren Markthochlauf, da neben der Fahrzeug- und Ladetechnik auch regulatorische Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Anreize geschaffen werden müssen.
Das „Recht auf Laden“ bewertet Erni in diesem Zusammenhang nicht nur als Komfortfrage, sondern als systemrelevante Voraussetzung. Je mehr Menschen zu Hause laden können, desto größer das Potenzial, erneuerbare Energien effizient zu integrieren und die Netzstabilität zu unterstützen. Zudem erhöhe lokale Energieerzeugung und -nutzung die Versorgungssicherheit und mache Länder wie die Schweiz unabhängiger von internationalen Lieferketten und Konflikten.
Den größten Fehler, den die Schweiz bei der Umsetzung ihrer E-Mobilitätsziele machen könnte, benennt Erni klar: den Fokus einseitig auf Reichweite, Ladegeschwindigkeit und den Ausbau öffentlicher Schnellladeinfrastruktur zu legen. „Die Schweiz hat die Chance, Elektromobilität nicht nur als Ersatz für den Verbrennungsmotor zu nutzen, sondern als wichtigen Baustein eines modernen, erneuerbaren und resilienten Energiesystems.“
Quelle: Moneycab – Christoph Erni, CEO und Gründer Juice Technology, im Interview









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