Schnellladen dort, wo das Stromnetz eigentlich nicht mitspielt: Für viele Unternehmen, Kommunen und Ladepunktbetreiber ist das längst keine Zukunftsvision mehr, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Ausbau von Netzanschlüssen ist teuer, langwierig und an vielen Standorten, etwa mitten in der Stadt, aus Platzgründen schlicht nicht möglich. Batteriegepufferte Schnelllader versprechen einen Ausweg, indem sie Ladeleistung dort bereitstellen, wo das Netz allein dafür nicht ausreichen würde.
Über die praktische Umsetzung, aktuelle Rahmenbedingungen in Deutschland und die Frage, wie sich solche Systeme wirtschaftlich rechnen, sprach Vision Mobility mit Thomas Speidel, Gründer und CEO von ADS-TEC Energy. Das Unternehmen entwickelt und produziert Ladeinfrastruktur und Batteriespeicherlösungen vollständig in Deutschland und hat nach eigenen Angaben weltweit bereits mehr als 3700 Ladepunkte ausgeliefert.
Bestelleingang für Ladepunkte mit Pufferspeicher zieht spürbar an
Nach der Nachfrage befragt, bestätigt Speidel, dass sich der Bestelleingang positiv entwickelt. Kund:innen würden Energie heute deutlich flexibler nutzen als noch vor wenigen Jahren, allerdings gehe es in seinem Marktumfeld selten um die reine Elektrifizierung eines Fuhrparks. Vielmehr verlangten die Projekte ein Gesamtpaket: Lastspitzen reduzieren, den Strombezug flexibilisieren und ihn auf günstige Einkaufszeiten legen, selbst erzeugte Photovoltaik-Energie besser nutzen und im Idealfall zusätzliche Erlöse am Energiemarkt erzielen.
Diese Entwicklung betreffe mittlerweile weit mehr als die reine Hardware, so Speidel, und aus der Erfahrung seines Unternehmens sei am Ende das Gesamtsystem entscheidend. „Wer begleitet seine Kunden langfristig, hält die Systeme auch bei regulatorischen Änderungen am Laufen und beherrscht die Software?“, fragt er und verweist damit auf Service, jahrzehntelange Erfahrung und Know-how als die eigentlichen Faktoren, die eine Investition langfristig rentabel machten.
Auf die Frage nach regulatorischen Rahmenbedingungen reagiert Speidel unmissverständlich und räumt ein, grundsätzlich nichts gegen Gesetze, Kennzeichnungen oder saubere Abrechnungsmodelle zu haben. Was ein in Deutschland ansässiges Unternehmen jedoch insgesamt an Vorschriften zu beachten habe, benachteilige es im globalen Wettbewerb enorm und koste vor allem Zeit und Geld für aus seiner Sicht unproduktive Dinge.
Konkret nach dem Befund gefragt, ob nicht gerade innovative Gründungen wie ADS-TEC Energy in Deutschland eigentlich gewünscht seien, antwortet Speidel offen: „Ich würde unter den aktuellen Bedingungen heute nicht mehr in Deutschland gründen.“ Als Gründe nennt er hohe Energie- und Lohnnebenkosten sowie einen ausbleibenden Bürokratieabbau, und das, obwohl die ADS-TEC-Gruppe Entwicklung, Produktion, Leistungselektronik, Software und IT-Sicherheit vollständig im eigenen Haus in Deutschland hält.
320 Kilowatt Ladeleistung ohne teuren Netzausbau
Im Zentrum des Produktportfolios steht die ChargeBox, deren integrierter Batteriespeicher laut Speidel wie eine virtuelle Netzanschlusserweiterung wirkt und Ladeleistungen bis zu 320 kW bereitstellt, ohne dass ein kostspieliger Netzausbau nötig wird. Das spare Unternehmen nicht nur Zeit, sondern, wie er im Gespräch mehrfach betont, auch viele Nerven, zumal an vielen Orten ein Netzausbau aus Platzgründen ohnehin nicht möglich sei. Weil die beiden Ladepunkte vom übrigen System getrennt sind und einen kleinen Footprint aufweisen, lasse sich das System zudem sehr flexibel aufstellen.
Angesprochen auf chinesische Pkw-Hersteller, die inzwischen mit Ladeleistungen jenseits von 500 kW oder gar Megawattladen werben, relativiert Speidel die Bedeutung solcher Spitzenwerte für den Alltag: Für derart hohe Leistungen brauche es entweder ein sehr starkes Netz oder extrem viel Puffer, und die 320 kW müssten die Fahrzeuge selbst erst einmal flächendeckend erreichen. Bei vielen Kunden genüge ohnehin deutlich weniger Ladeleistung, da die Fahrzeuge dort länger als zehn Minuten stünden.
Speicherlösungen für unterschiedliche Einsatzzwecke
Für öffentlich zugängliche Standorte mit Kundenverkehr, etwa Einzelhandel oder Tankstellen, verweist Speidel auf den ChargePost mit integriertem bidirektionalem Speicher, der neben dem batteriegestützten Schnellladen zusätzliche wirtschaftliche Potenziale eröffne, etwa durch intelligente Energienutzung, Energiehandel oder optional integrierte Digital-out-of-Home-Werbung.
Beim Thema Bidirektionalität insgesamt, das die Autoindustrie seit Jahren propagiere, ohne recht in die Gänge zu kommen, sieht Speidel abermals eine Regulatorik-Geschichte, verweist aber gleichzeitig auf die wachsende Bedeutung des Themas. Je nach Anwendungsfall und vorhandener Infrastruktur bietet ADS-TEC Energy dafür unterschiedlich dimensionierte Speicherlösungen an: Der BESS760, ein skalierbarer Großspeicher mit 760 kWh Kapazität, richtet sich an Gewerbe- und Industrieunternehmen, die Lastspitzen reduzieren, den Eigenverbrauch ihrer Photovoltaikanlage optimieren oder Flexibilität wirtschaftlich nutzen möchten. Für Energieversorger, Stadtwerke und größere Speicherprojekte wurde dagegen der BESS5000 mit 5 MWh Kapazität entwickelt, der bis in den Gigawatt-Bereich skalierbar ist und Anwendungen wie Arbitrage, Flexibilitätsvermarktung oder Netzdienstleistungen ermöglicht.
Entscheidend sei dabei jedoch nie allein die Speichergröße, sondern die intelligente Einbindung in das Gesamtsystem, wie er betont: Selbst die Großspeicher ließen sich mit Schnellladern verbinden, mehrere ChargePosts könnten zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt werden, und auch ganze Ladeparks auf Basis der eigenen Ladestationen habe man bereits mehrfach umgesetzt.
Ob sich derart komplexe Systeme nicht schnell zu teuer entwickeln, will Vision Mobility im Gespräch wissen. Speidel entgegnet, dass sich die Wirtschaftlichkeit gerade durch die Kombination mehrerer Anwendungsfälle ergebe, etwa Lastspitzenmanagement, Eigenverbrauchsoptimierung, Energiehandel und Schnellladen, und dass genau diese Multi-Use-Konzepte heute über den wirtschaftlichen Erfolg eines Projekts entschieden. Deshalb rechne ADS-TEC Energy gemeinsam mit seinen Kund:innen vorab genau durch, welche Lösung wirtschaftlich sinnvoll sei.
Auf eine konkrete Hausnummer zur Amortisation angesprochen, nennt Speidel eine Spanne von rund fünf Jahren, betont zugleich aber, dass die Ergebnisse von Projekt zu Projekt stark variieren.
Quelle: Vision Mobility – Thomas Speidel, Gründer und CEO von ADS-TEC Energy: „Wir könnten beim bidirektionalen Laden schon viel weiter sein!“









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