Nach seinem Einstieg als Geschäftsführer im vergangenen September hat Jörg Lohr bei Jolt Energy eine umfassende Bestandsaufnahme vorgenommen. Im Interview mit Electrive beschreibt er ein Unternehmen mit grundsätzlich stimmigem Ansatz, das jedoch in der Vergangenheit zu wenig konsequent umgesetzt habe, was strategisch angelegt war. Jolt sei sehr früh mit dem Konzept des innerstädtischen Hochleistungsladens gestartet – ein Thema, das erst seit rund einem halben Jahr stärker im öffentlichen Fokus stehe. Entscheidend sei nun, aus dieser frühen Position auch nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg zu entwickeln.
Lohr benennt dabei offen Schwachstellen. Die Kundenzufriedenheit habe nicht immer den Stellenwert gehabt, den sie haben müsse. Insbesondere bei Uptime, Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Ladepunkte habe Jolt die eigenen Ansprüche nicht erreicht. „Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg entsteht nicht durch Investorenkapital, sondern durch zufriedene Kunden“, so der Geschäftsführer von Jolt. Genau hier setze die neue Strategie an. Positiv bewertet er die Rückendeckung des Investors, der nicht nur an Elektromobilität glaube, sondern auch bereit sei, weiteres Wachstum in einem weiterhin volatilen Markt zu finanzieren.
Beim Ausbau der Infrastruktur verfolgt Jolt künftig einen klareren Fokus. Das Unternehmen konzentriert sich auf große Städte und deren Metropolregionen, mit dem Ziel, dichte Netze statt vereinzelter Standorte aufzubauen. Lohr beschreibt den Ansatz so: Es sei sinnvoller, in einer Stadt 30 Ladepunkte zu betreiben als jeweils einen einzelnen Lader in 30 Städten. Das Ruhrgebiet versteht Jolt dabei als zusammenhängenden Ballungsraum.
Am Beispiel München erläutert Lohr, dass neben der Innenstadt vor allem Pendlerachsen wichtig seien. Nutzer sollen auf dem Heimweg ein durchgängiges Netzwerk eines Anbieters nutzen können – insbesondere dann, wenn sie zu Hause keine Lademöglichkeit haben. Autobahnstandorte schließt Jolt bewusst aus. Dort wolle man nicht mit Anbietern wie Ionity oder Fastned konkurrieren.
Flexible Standorttypen als Antwort auf urbane Realitäten
Bei den Standorten setzt Jolt weiterhin auf Flexibilität. Vom innerstädtischen Standort mit wenigen Ladepunkten bis hin zu größeren Anlagen an Zubringer- oder Bundesstraßen sei vieles denkbar, solange die Lage auf typischen Pendlerstrecken liege. Je weiter außerhalb, desto eher seien größere Flächen und Mittelspannungsanschlüsse verfügbar. Technisch bleibt das batteriegestützte Schnellladen ein Kernbestandteil, vor allem dort, wo nur Niederspannung verfügbar ist. Gleichzeitig macht Lohr klar, dass Jolt bei größeren Standorten ohne Batteriespeicher auch andere Ladesäulen einsetzen wird. Die bisherige starke Bindung an Ads-Tec Energy will er dabei aufbrechen: „Entscheidend ist, dass die Technologie unserem Geschäftsmodell folgt und nicht umgekehrt.“
Am Geschäftsmodell selbst rüttelt Lohr nicht. Jolt bleibt ein klassischer Charge Point Operator mit eigenen Assets. White-Label-Betrieb oder der Bau von Standorten für Dritte schließt er aus. Jolt investiert in eigene Flächen oder langfristige Pachtverträge, beschafft die Hardware selbst und verantwortet den gesamten Betrieb. Gerade in der laufenden Marktkonsolidierung sieht Lohr darin einen Vorteil. Langfristig würden sich Anbieter mit klarem Fokus und stringenter Umsetzung durchsetzen.
Auch die Vermarktung der großen Displays an den All-in-One-Ladesäulen ist Teil dieser Fokussierung. Lohr räumt ein, dem Modell anfangs skeptisch gegenübergestanden zu haben, sieht inzwischen aber einen relevanten zusätzlichen Erlöskanal. Voraussetzung seien professionelle Vermarktungspartner, hohe Uptime und klar definierte Standards. Beim Leistungsversprechen bleibt Jolt konsequent und positioniert sich klar als Anbieter für urbanes High-Power-Charging mit Ladeleistungen ab etwa 150 kW. Anwendungsfälle mit längerer Standzeit und geringerer Leistung überlässt Jolt bewusst anderen Marktteilnehmern.
Preisstrategie soll Auslastung und Ertrag neu austarieren
Ein zentrales Thema für die kommenden Monate ist die Preisgestaltung. Der Markt sei deutlich preissensibler geworden, gleichzeitig seien Investitionen und Betriebskosten hoch. Ziel sei ein transparentes Preismodell, das Kundenbindung belohne und Auslastung sowie Ertrag in ein sinnvolles Verhältnis bringe. „Es wird sich in den kommenden zwölf Monaten einiges verändern“, kündigt der Jolt-Geschäftsführer an. Aktuell kostet die kWh bei Jolt je nach Abomodell zwischen 45 und 79 Cent.
An die Politik richtet Lohr vor allem den Wunsch nach Kontinuität und klaren Signalen. Elektromobilität müsse langfristig als erste Wahl kommuniziert werden, da Ladeinfrastruktur über viele Jahre betrieben werde. Kritisch sieht er zudem die teils eingeschränkte Offenheit bei der Vergabe öffentlicher Flächen. Private Investoren müssten investieren dürfen, wenn sie Kapital und Know-how mitbringen. Klare und einheitliche Kriterien etwa zur Uptime könnten dabei helfen, Vorbehalte abzubauen.
In Richtung Profitabilität zeigt sich Lohr zuversichtlich. Jolt sei nicht mehr weit davon entfernt und wolle bereits in diesem Jahr belegen, dass das Geschäftsmodell nachhaltig tragfähig ist. Wachstum soll dabei bewusst konservativ erfolgen. Qualität gehe klar vor Quantität. Dass der Investor perspektivisch einen Exit anstrebt, verschweigt Lohr nicht. Mit einem langfristig agierenden Infrastrukturfonds im Rücken habe Jolt jedoch den nötigen Zeitrahmen, um das Unternehmen solide weiterzuentwickeln. Der zugrunde liegende Fünfjahresplan sei ambitioniert, aber erreichbar.
Quelle: electrive.net – „Dort präsent sein, wo die Berufspendler sind“ – Jolt-CEO Jörg Lohr im Interview








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