VDA warnt vor „massiver Standortkrise“ in Deutschland und Europa

VDA warnt vor „massiver Standortkrise“ in Deutschland und Europa
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Michael Neißendorfer
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VDA-Präsidentin Hildegard Müller hat in der Jahrespressekonferenz des Verbandes der Automobilindustrie deutlich gemacht, dass ein umfassendes Reformprogramm für Standortattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit zentrale Voraussetzung für eine wirtschaftliche Trendwende sei, so der Verband in einer aktuellen Mitteilung.

Während in Berlin erste richtige Impulse gesetzt würden, habe Müller für die Herangehensweise der EU-Kommission in Brüssel zunehmend kein Verständnis: „Noch zu oft begegnet der Wirtschaft in Brüssel eine Kombination aus Realitätsverweigerung und Relevanzillusion. Dabei gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass es ohne wirtschaftliche Stärke keine internationale Bedeutung und Durchsetzungskraft Europas gibt – doch diese Erkenntnis hat gerade die EU‑Kommission noch nicht verinnerlicht.“

Weiter machte Müller deutlich: „Ob in Berlin oder Brüssel: Zu oft verharren wir in einer sehr konkreten Beschreibung der komplexen Herausforderungen – ohne aber in die Problembewältigung zu kommen. Doch die Realität holt uns immer wieder ein. Ob bei den Zollverhandlungen mit den USA, ob im Wettkampf mit China und anderen Regionen oder in Davos: Wir, Europa und Deutschland, bekommen zunehmend vorgeführt, dass unser Modell, unsere Art und Weise, Transformation planwirtschaftlich zu regulieren, kein Erfolgsmodell ist.“

Vielmehr sei das Gegenteil der Fall, so Müller: „Es ist die Einladung an andere, an unsere Wettbewerber und Konkurrenten, die Lücken einzunehmen, die Europa durch die fehlende Standortattraktivität hinterlässt. Sie gelangen dadurch in eine Führungsposition, wachsen wirtschaftlich und profitieren von unserer Schwäche. Das ist eine gefährliche Schwäche, die letztlich zum Verlust von Arbeitsplätzen und Wohlstand führt. Zahlen, Daten und Statistiken belegen diese Erkenntnis.“

Potenzial unseres Landes größer als die Herausforderungen

Auch wenn die Aufgaben in Europa und Deutschland gewaltig sind, betonte Müller: „Das Potenzial dieses Landes, die Innovationsfähigkeit, die Leistungsfähigkeit und das Engagement vieler Menschen hierzulande sind einzigartig und versetzen uns absolut in die Lage, weltweit Maßstäbe zu setzen.“ Entscheidend sei, die richtigen Anreize zu setzen. „Fakt ist: Deutschland verfügt über einzigartige Stärken: hochqualifizierte Fachkräfte, beeindruckende Innovationskraft, hohe industrielle Kompetenz, angesehene Forschung, einen starken Mittelstand und globale Vernetzung. Jetzt geht es darum, diese Stärken wieder zu entfesseln. Dafür entscheidend ist auch: Ein neues Vertrauen als Antwort auf eine überbordende und von Misstrauen geprägte Regulierung.“ Das gelte insbesondere mit Blick auf die EU.

Zum Automotive Package, das weiterhin in Brüssel verhandelt wird und die Lebensdauer der Verbrennertechnologie erhöhen soll, erklärte Müller: „Jetzt muss Deutschland mit Nachdruck dafür werben, dass die angekündigte technologische Öffnung von Brüssel nicht nur versprochen, sondern auch praktisch ermöglicht wird.“ Der Grundsatz müsse sein: „weg von Verpflichtungen und Strafen und hin zu marktbasierten Anreizen. Mit den aktuellen Vorschlägen können wir als Automobilnation absolut nicht zufrieden sein“, findet Müller.

Statt Lippenbekenntnissen brauche es konkrete Taten: Eine Anpassung der CO₂-Minderungsziele vorgeblich auf minus 90 Prozent, die gleichzeitig an Bedingungen und neue Auflagen gekoppelt werde, sei keine Entlastung und gebe auch keinerlei Planungssicherheit. Andere Stimmen sagen: Die oft beschworene Planungssicherheit wäre gegeben, würde man am Aus für Verbrenner festhalten und den Kurs auf die Elektromobilität – wie zuvor eigentlich schon mehrere Jahre lang beschlossene Sache war – konsequent fortsetzen.

Ergebnisse der VDA-Umfrage: Investitionstätigkeit in Deutschland weiter schwach

Bei der Jahrespressekonferenz stellte VDA-Chefvolkswirt Manuel Kallweit die Ergebnisse einer Umfrage vor, die der VDA regelmäßig unter den Automobilzulieferern (Herstellergruppe III) sowie den mittelständisch geprägten Herstellern von Anhängern, Aufbauten und Bussen (Herstellergruppe II) durchführt. Die Umfrage zeige unter anderem, dass die Investitionsabsichten in Deutschland weiter schwach seien: 72 Prozent der Unternehmen wollen demnach eigentlich geplante Investitionen in Deutschland verschieben, verlagern oder ganz streichen. Im Detail: 28 Prozent planen eine Investitionsverlagerung ins Ausland, 19 Prozent eine Streichung und 25 Prozent verschieben ihre Investitionen.

Bei den Investitionen zeige sich eine geografische Verschiebung: Während laut der Umfrage jedes dritte Unternehmen plant, seine Investitionen in der EU zurückzufahren (33 Prozent), gilt das mit Blick auf die USA nur für 3 Prozent der Unternehmen, mit Blick auf China nur für 5 Prozent. Und umgekehrt zeige sich: 18 Prozent wollen ihr Engagement in der EU ausweiten, in China (22 Prozent) und den USA (28 Prozent) sind es mehr.

Nach den Investitionen wird auch die Beschäftigung verlagert

Das verdeutliche erneut: Der Industriestandort Deutschland und Europa ist unter Druck. Das hat dem VDA zufolge auch Auswirkungen auf die Beschäftigung. Im vergangenen Jahr 2025 haben rund zwei Drittel (64 Prozent) der befragten Unternehmen Beschäftigung am Standort Deutschland abgebaut. Dabei spielte für 87 Prozent die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland eine große oder sogar sehr große Rolle.

Und auch der aktuelle Blick zeigt auf, welche Verschiebungen derzeit stattfinden: Rund jedes zweite Unternehmen (49 Prozent) baut aktuell Beschäftigung in Deutschland ab. Bei 46 Prozent der Unternehmen bleiben die Beschäftigungszahlen hierzulande konstant, lediglich 5 Prozent bauen in Deutschland Beschäftigung auf.

„Deutschland hat eine massive Standortkrise“

Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen, dass die herausfordernde Lage am Industriestandort zur Beschäftigungsverlagerung ins Ausland führt: Von den Unternehmen, die Beschäftigung in Deutschland abbauen, baut beinahe die Hälfte (49 Prozent) gleichzeitig im Ausland Beschäftigung auf. Weitere 38 Prozent der Unternehmen, die in Deutschland Beschäftigung abbauen, lassen die Beschäftigung im Ausland konstant. Und lediglich 13 Prozent der Unternehmen, die in Deutschland Beschäftigung abbauen, tun das auch im Ausland.

Das heiße auch: Nur 6 Prozent der insgesamt bei der Umfrage befragten Unternehmen bauen Beschäftigung sowohl in Deutschland als auch im Ausland ab. Allerdings baut jedes vierte Unternehmen (24 Prozent), das sich an der Umfrage beteiligt hat, in Deutschland ab und im Ausland auf. Und während, siehe oben, fast die Hälfte in Deutschland Beschäftigung abbaut, tun das nur 7 Prozent auch im Ausland. Verlagern aus dem Ausland nach Deutschland: Macht laut VDA-Umfrage kein einziges Unternehmen.

„Diese Daten zeigen eines erneut: Es geht hier nicht um die Krise der Industrie, sondern es ist unbestreitbar: Deutschland hat eine massive Standortkrise. Die Bedingungen am Standort Deutschland und Europa verschlechtern sich zusehends. Das bringt die Unternehmen und ganz besonders den automobilen Mittelstand unter Druck“, so VDA-Präsidentin Müller hierzu.

In dieser Zeit müssten die Unternehmen „aus wirtschaftlichen Gründen bedauerlicherweise täglich gegen den Standort Deutschland und Europa entscheiden.“ Klar sei, so Müller abschließend: „Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung wird nicht ohne Konsequenzen für den Wohlstand unseres Landes und für dessen gesellschaftliche und politische Stabilität bleiben. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft – umso wichtiger ist, dass die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden.“ Sie fordert: „Alles, was Wachstum schafft, muss oberste Priorität haben in Brüssel und Berlin. Dabei gilt auch: Abschottung wird zum Boomerang. Jeder Versuch, den Standort abzuschotten, schadet den Interessen der exportorientierten deutschen Automobilindustrie und den Beschäftigten in Deutschland.“

Quelle: VDA – Pressemitteilung vom 10.02.2026

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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