IG-Metall-Gewerkschafter: Welche Weichen die Autoindustrie für eine erfolgreiche Zukunft stellen muss

IG-Metall-Gewerkschafter: Welche Weichen die Autoindustrie für eine erfolgreiche Zukunft stellen muss
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Michael Neißendorfer
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Frank Iwer, seit 2005 tätig für die IG Metall und stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat des Zulieferers ZF, hielt in Bremen auf der Autokonferenz der Gewerkschaft einen „Weichenstellung für die Zukunft“ betitelten Vortrag und erklärte danach auch in einem Interview mit dem Weser-Kurier, welche Weichen denn nun gestellt werden müssen.

Iwer ist der Meinung, dass die Autohersteller und Zulieferer „die Elektrifizierung vorantreiben und dazu in die Standorte investieren“ müssen. Auch die Zukunft für die Arbeitnehmer hänge davon ab. „Bei der Hälfte der Unternehmen“ allerdings, glaubt Iwer, ist das Thema Elektroautos „noch gar nicht angekommen“. Und die andere Hälfte sei etwas spät dran, etwa beim so wichtigen Thema der Batteriezellen, die gut ein Viertel der Wertschöpfung eines Elektroautos ausmachen. „Bis vor Kurzem hat die deutsche Autoindustrie Batteriezellen so behandelt, als könnte man sie überall kaufen – wie eine Schraube bei Obi“, so der Gewerkschafter. Mit dieser Einstellung riskiere die deutsche Autoindustrie, ihren technologischen Vorsprung zu verlieren.

Zudem bedrohen Plattformen wie Uber und das autonome Fahren die Geschäftsmodelle der Autobauer, gibt Iwer zu bedenken. „Wenn es ganz schlecht läuft, könnten die Autobauer selbst zum Zulieferer für asiatische Hersteller werden“, warnt er. „Wenn sie aber jetzt in die Gänge kommen, haben sie die Chance, die anstehenden Veränderungen aktiv mitzugestalten.“

Iwer findet es allerdings auch nachvollziehbar, warum die Hersteller zögern, eine eigene Zellfertigung auf die Beine zu stellen. Schließlich koste eine einzige Zellfabrik „zwei bis drei Milliarden Euro“ und „allein Volkswagen bräuchte bis 2028 aber 15 solcher Fabriken“. Momentan hängen die deutschen Hersteller von einer Handvoll Lieferanten aus Asien ab, vorrangig Südkorea, Japan und China. Deren Strategie sei es, noch tiefer in den Automarkt einzusteigen, etwa mit Elektronik und Infotainmentsystemen.

Momentan sei die zögernde Haltung der deutschen Hersteller noch nicht so schlimm, findet Iwer, da der Markt für Elektroautos noch relativ klein sei und die Kunden fehlen. „Deswegen können die deutschen Hersteller noch nachziehen“, meint der Gewerkschafter. Volkswagen etwa könne in seinem Werk in Zwickau künftig 300.000 E-Autos pro Jahr herstellen.

„Die Industrie hat 125 Jahre erfolgreich daran gearbeitet, die Pferdekutsche überflüssig zu machen. Jetzt erleben wir einen neuen Wandel: Nicht nur junge Leute in den Städten stellen sich die Frage, ob man ein Fahrzeug besitzen muss. Daher werden wir neue Autos, aber auch neue Mobilitätsangebote brauchen.“ – Frank Iwer, Leiter für strategische und politische Planung der IG Metall und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats bei der ZF AG

Aber auch andere Antriebe wie etwa Wasserstoff werden in den kommenden Jahren noch wichtiger werden, so Iwer: Die Technologie werde „eine große Rolle bei Lastwagen und Schiffen spielen müssen“. Bis sich der Antrieb etabliert hat, günstiger geworden und eine flächendeckende Infrastruktur aufgebaut ist, werde es aber noch etwas dauern.

Quelle: Weser-Kurier – „Es werden nicht alle überleben“

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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