Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

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Sebastian Henßler
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  —  Lesedauer 3 min

Mit der Inbetriebnahme einer industriellen Demonstrationsanlage im bayerischen Chemiepark Gendorf markiert das Münchner Start-up Tozero einen Meilenstein im europäischen Batterierecycling. Erstmals lassen sich damit Lithium, Graphit und eine Nickel-Kobalt-Mischung aus gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien im industriellen Maßstab zurückgewinnen. Die Anlage kann jährlich mehr als 1500 Tonnen Batterieabfälle verarbeiten und daraus über 100 Tonnen hochreines Lithiumcarbonat produzieren – genug Batteriematerial, um rund 10.000 Elektroautos zu versorgen.

Errichtet wurde die Anlage in nur sechs Monaten, was sie zu einer der am schnellsten realisierten Skalierungen im Batterierecycling macht. Hinter dem Verfahren steht ein proprietärer, säurefreier hydrometallurgischer Prozess. Anders als konventionelle Methoden, die mehrere Verarbeitungsschritte erfordern, gelingt die Rückgewinnung in einem einzigen Kreislauf. Die so gewonnenen Materialien erreichen eine Reinheit, die den direkten Wiedereinsatz in der Produktion ermöglicht.

Das Unternehmen hat bereits nachgewiesen, dass sein recyceltes Lithium und Graphit gemeinsam mit führenden Kathoden- und Anodenherstellern für Lithium-Ionen-Batterien qualifiziert werden kann. Damit schließt Tozero den Materialkreislauf und adressiert ein zentrales europäisches Ziel: Die EU-Verordnung über kritische Rohstoffe sieht vor, dass 25 Prozent der Versorgung künftig aus Recyclingquellen stammen sollen.

„Europa verfügt bislang nicht über die kritischen Rohstoffe, die es braucht, um seine Energiewende und Batterieindustrie aus eigener Kraft aufzubauen und zu skalieren“, sagt Sarah Fleischer, Mitgründerin und CEO von Tozero. Die Technologie sei nun um das 25.000-Fache skaliert worden und ermögliche erstmals die Rückgewinnung hochreiner Rohstoffe im industriellen Maßstab. In weniger als vier Jahren habe das Unternehmen den Sprung vom Labor in den industriellen Betrieb geschafft.

Europas Abhängigkeit von Importen bleibt enorm

Ein Blick auf die Marktlage verdeutlicht die Dimension: Die weltweite Nachfrage nach Lithium wird sich bis 2030 voraussichtlich vervierfachen. In der EU könnte der Bedarf an Graphit bis 2040 sogar um das 25-Fache steigen, getrieben durch Elektroautos, netzgebundene Energiespeicher und industrielle Elektrifizierung. Gleichzeitig kontrolliert China die globalen Graphitlieferungen, und 99 Prozent des in Europa verwendeten Lithiums stammen aus dem Ausland.

Dabei wächst der Bestand an genau jenen Rohstoffen, die der Kontinent dringend benötigt, in Form von Altbatterien stetig an. Diese sogenannten oberirdischen Minen ließen sich bislang allerdings nicht wirtschaftlich erschließen. Tozero beansprucht, dieses Problem zu lösen, und beziffert die eigenen Recyclingkosten auf etwa die Hälfte dessen, was konventioneller Bergbau erfordert. Die Anlage wird recyceltes Lithium und Graphit an Abnehmer:innen in Branchen wie Bauwesen, Keramik und Schmierstoffe liefern, weitere Industrien sollen folgen.

Ab 2035 rechnen Prognosen mit einer globalen Versorgungslücke von mehr als 33 Prozent bei kritischen Batteriematerialien. Batterierecycling rückt damit zunehmend als alternative Rohstoffquelle in den Fokus. Die Demonstrationsanlage dient als Blaupause für den nächsten Schritt: eine kommerzielle Großanlage, die bis 2030 entstehen und jährlich 45.000 Tonnen Batterieabfälle verarbeiten soll. Daraus könnten 8000 Tonnen Lithiumcarbonat und rund 10.000 Tonnen Graphit gewonnen werden.

Quelle: Tozero – Pressemitteilung per Mail

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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