Grünheides Bürgermeister: „Davon träumt ganz Ostdeutschland“

Grünheides Bürgermeister: „Davon träumt ganz Ostdeutschland“
Copyright:

Shutterstock / 1666329169

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Seit gut einem Jahr produziert Tesla in seiner ersten Europa-Fabrik Elektroautos. In einer Kleinstadt vor den Toren Berlins: Grünheide, mit seinen gerade einmal 8000 Einwohnern. Zum Vergleich: Im Endausbau sollen in dem Giga Berlin genannten Werk einmal 12.000 Menschen arbeiten. In einem Interview mit t-online erklärte Grünheides Bürgermeister Arne Christiani, was es mit einer kleinen Gemeinde macht, wenn ein Weltkonzern sich ansiedelt.

Die wichtigste Erwartung, welche der 2019 angekündigte Fabrikneubau bei Christiani hervorrief, habe sich erfüllt: Er bezeichnete den Plan des E-Auto-Primus aus den USA damals als „Lottogewinn“, da es „durch Tesla endlich Perspektiven für junge Menschen in der Region“ gebe und „hochwertige Arbeitsplätze“ geschaffen wurden, „sodass junge Menschen hierbleiben können und nicht alle abwandern“. Tesla ist innerhalb kurzer Zeit zum größten privaten Arbeitgeber in Brandenburg aufgestiegen: „Laut Arbeitsagentur wurden bisher 1400 Arbeitslose zu Tesla vermittelt, darunter 700 Langzeitarbeitslose. Davon träumt ganz Ostdeutschland“, so Grünheides Bürgermeister.

Nicht vorstellen könne habe er sich damals, „dass es von der Ankündigung bis zur Produktion des ersten Autos nur 861 Tage dauert“, also nicht ganz zweieinhalb Jahre. Dies sei so schnell umsetzbar gewesen, da „die 300 Hektar große Fläche schon baureif da war“, so Christiani. Schon 20 Jahre vor Tesla hatte BMW mit dem Areal geliebäugelt, sich aber dann doch für Leipzig entschieden. Die Infrastrukturbedingungen – „eine eigene Autobahnabfahrt, ein eigenes Bahngleis“, wie Christiani erklärt – gab es bereits, ebenso wie „ein großes Arbeitskräftepotenzial“. Berlins Zentrum ist nur gut 30 Kilometer entfernt.

Das Städtchen Grünheide selbst habe sich kaum verändert, seit das Tesla-Werk eröffnet wurde. „Wenn man es nicht weiß, kriegt man es nicht mit. Innerhalb der Ortslage ist Tesla kaum wahrnehmbar“, erklärt der Bürgermeister. Am Bahnhof Fangschleuse aber herrsche zum Schichtwechsel Trubel: „Von den 10.000 Mitarbeitern reist etwa die Hälfte mit öffentlichen Verkehrsmitteln an“, sagt Christiani. Viele Menschen wollen auch in Grünheide sesshaft werden. Wie viele alteingesessene Grünheider bei Tesla arbeiten, sei nicht exakt bekannt: „Aus der gesamten Region sind es wohl einige Hundert“, vermutet der Politiker, der sich von mehreren im Laufe des Interviews gestellten Suggestivfragen mit teils an den Haaren herbeigezogenen Halbwahrheiten erfreulich unbeeindruckt zeigte.

„Die Bevölkerung hat immer Vorrang vor der Industrie“

Bereits im Vorfeld des Baus gab es – wie schon um die 2000er, als BMW an Grünheide Interesse zeigte – massive Kritik: Umweltverbände und eine Bürgerinitiative kritisierten, dass die Fabrik und ihr weiterer Ausbau den Wassermangel verschärfen würde, unter dem die Region schon länger leidet. Es sei „vertraglich festgelegt“, wie viel Wasser Tesla verbrauchen darf, die Wassermengen seien vom Wasserverband Strausberg-Erkner festgelegt worden. Der Tesla-Versorgungsvertrag sei gar „der erste in der Region, in dem Höchstgrenzen für den Wasserverbrauch festgeschrieben sind.“

Die Wasserknappheit rühre auch nicht von Tesla, betont Christiani: „Diese Region ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, so wie der gesamte Berliner Speckgürtel“, sagt er. Hinzu kämen die trockenen Sommer, verweist er auf die Klimakrise. Von Mai bis September habe es daher schon länger Probleme gegeben, die Versorgung mit Trinkwasser zu gewährleisten. „Aus meiner Sicht liegt das daran, dass Trinkwasser zu billig ist und dass der englische Rasen und der Swimmingpool vor dem Allgemeinwohl stehen. Da muss nachgebessert werden, eindeutig“, stellt er klar.

Sollte es tatsächlich notwendig werden, den Wasserverbrauch einzuschränken, habe „die Bevölkerung immer Vorrang vor der Industrie“, so Christiani weiter. Ein „zweites Wolfsburg“ werde Grünheide sicherlich nicht, sagt er. Die Stadt wurde 1938 als Sitz des Volkswagenwerks gegründet, heute leben dort 125.000 Menschen, gut die Hälfte davon arbeitet bei VW. Grünheide aber könne „nicht viel weiterwachsen“. Ein Großteil der Gemeindefläche bestehe aus Wald und Wasser, 72 Prozent seien Landschafts- oder Naturschutzgebiete. „Wir können also maximal auf 11.500 Einwohner anwachsen. Mehr geht nicht“, sagt Christiani. „Und wir werden bei der Entwicklung darauf achten, dass der Charakter der einzelnen Ortsteile nicht verloren geht. Da können Sie sicher sein.“

Quelle: t-online – „Ich kann nicht für sicheres Trinkwasser garantieren“

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

EU-Politik könnte Europa bei E-Autos zum Nachzügler degradieren

EU-Politik könnte Europa bei E-Autos zum Nachzügler degradieren

Michael Neißendorfer  —  

Eine Datenauswertung zeigt: Die Politik der EU mit wieder mehr Spielraum bei Verbrennern würde Europa bei E-Autos weltweit zurückwerfen.

Zulieferbranche: Wer auf Verbrenner setzt, verspielt Wachstumschancen

Zulieferbranche: Wer auf Verbrenner setzt, verspielt Wachstumschancen

Michael Neißendorfer  —  

Eine Studie zeigt: Die Nachfrage nach Automobilkomponenten steigt – hauptsächlich in Bereichen der Elektromobilität.

Roland Berger: China entwickelt E-Autos 30 Prozent schneller

Roland Berger: China entwickelt E-Autos 30 Prozent schneller

Sebastian Henßler  —  

33 statt 49 Monate für ein neues Auto: Roland Berger zeigt, wie groß Chinas Entwicklungsvorsprung gegenüber den europäischen Herstellern wirklich ausfällt.

BMW-Chef Zipse: „Mich ärgert das fehlende Selbstbewusstsein in Deutschland“

BMW-Chef Zipse: „Mich ärgert das fehlende Selbstbewusstsein in Deutschland“

Michael Neißendorfer  —  

BMW-Chef Zipse findet: Deutschland müsse aufhören mit dem Jammern und Klagen – das Land stehe viel besser da, als viele sagen.

Hohe Spritpreise: Mit E-Autos raus aus der fossilen Abhängigkeit

Hohe Spritpreise: Mit E-Autos raus aus der fossilen Abhängigkeit

Michael Neißendorfer  —  

Die Spritpreise haben angesichts des Irankriegs zum ersten Mal seit Jahren wieder die Schwelle von 2 Euro übersprungen. Autofahren ginge auch günstiger.

CATL und Rio Tinto prüfen Elektrifizierung im Bergbau

CATL und Rio Tinto prüfen Elektrifizierung im Bergbau

Sebastian Henßler  —  

Rio Tinto und CATL planen eine strategische Partnerschaft für E-Fahrzeuge im Bergbau. Ziel sind weniger CO₂-Emissionen und das Recycling von Batterierohstoffen.

„Enorme Unsicherheit“ beim Geschäftsklima der Autoindustrie

„Enorme Unsicherheit“ beim Geschäftsklima der Autoindustrie

Michael Neißendorfer  —  

Kommt nun wieder ein Aufschwung für die Autoindustrie? Die Vorzeichen stehen gut – wäre da nicht der Krieg in Iran.