Im aktuellen Podcast spreche ich mit Aleksandar Damyanov, Technical Manager bei Green NCAP – einem Programm, das ich in Deutschland noch immer für zu wenig bekannt halte, obwohl es direkt beeinflusst, welche Autos als umweltfreundlich gelten dürfen und welche nicht.
Green NCAP ist, vereinfacht gesagt, die grüne Schwester von Euro NCAP. Während das bekanntere Programm Crashsicherheit bewertet, widmet sich Green NCAP seit 2019 der Umweltbilanz von Fahrzeugen. Labor- und Straßentests fließen in ein Rating von null bis fünf Sterne – das ist die Oberfläche. Darunter liegt ein komplexes System aus drei Indizes: Schadstoffausstoß (Clean Air), Energieeffizienz und Treibhausgasemissionen. Jeder dieser Indizes wird zu gleichen Teilen gewichtet und setzt sich wiederum aus mehreren Einzeltests zusammen. Wer tiefer einsteigen will, kann das – bis auf Sekundenebene der Messdaten.
Seit 2019 hat Green NCAP knapp 200 Modelle getestet, pro Jahr schafft das Team rund 30 bis 40 Fahrzeuge. Ein eigenes Auswahlgremium entscheidet, welche Modelle ins Programm kommen: Bestseller, medial relevante Neuheiten oder Autos mit technisch besonders interessanten Antrieben stehen dabei im Fokus. Neu hinzugekommen ist das sogenannte Family Building: ein Verfahren, das technisch identische Fahrzeuge verschiedener Marken zusammenfasst und das Rating eines getesteten Modells auf baugleiche Varianten überträgt. Damit könnte sich die Zahl der bewerteten Modelle künftig auf bis zu 60 pro Jahr verdoppeln.
Green NCAP: Wer bezahlt – und wer nichts zu sagen hat
Ein wichtiger Punkt, den Aleksandar im Gespräch klar stellt: Die Finanzierung erfolgt über ein Konsortium aus Regierungen – darunter Deutschland, Frankreich und Großbritannien – sowie Mobilitätsclubs wie ADAC und der FIA. Automobilhersteller haben keinen Sitz im Board und damit kein Mitspracherecht bei der Testauswahl. Zusätzlich können Hersteller einzelne Tests sponsern, bekommen dafür aber keinerlei Einfluss auf Methodik oder Veröffentlichung. „Wenn der Hersteller sich einmal für einen Test entscheidet, gibt es keinen Weg zurück“, so Aleksandar. Alle Testprotokolle sind öffentlich einsehbar. Wer möchte, kann die Ergebnisse theoretisch reproduzieren.
Bis Ende 2024 erhielten Elektroautos beim alten Bewertungsrahmen fast automatisch fünf Sterne. Das hat dem Programm nicht gefallen. Der Grund: Das frühere System betrachtete vorwiegend die Betriebsphase – also den Moment, in dem ein E-Auto keine Abgase ausstößt und ein Verbrenner am meisten emittiert. Ein fairer Vergleich war das nicht. Mit der Einführung der vollständigen Lebenszyklusanalyse im September 2025 änderte sich das grundlegend. Jetzt fließen Batterieproduktion, Herstellungsprozesse, Energiebereitstellung und das Produktionsland mit ein. Das Ergebnis: Ein großer, schwerer Elektro-SUV kann heute drei Sterne bekommen, während ein effizienter Kleinwagen-Hybrid besser abschneidet.
Dass LCA auch Schätzungen enthält, räumt Aleksandar offen ein. Wo genaue Lieferkettendaten fehlen, werden anerkannte wissenschaftliche Datenbanken herangezogen. Gleichzeitig arbeitet Green NCAP mit einzelnen Herstellern – derzeit vor allem chinesischen – an Verifizierungskampagnen: Die Unternehmen öffnen ihre Produktionsdaten, akkreditierte Stellen prüfen sie nach. „Das nachhaltige Auto gibt es heute nicht, aber es gibt bessere“, sagt Aleksandar.
Kooperation mit CharIN für mehr Details beim Laden
Hinzu kommt eine neue Kooperation mit CharIN, der Organisation zur weltweiten Standardisierung von Ladeprotokollen. Künftig soll das Green NCAP-Rating um ein Ladeinteroperabilitäts-Label ergänzt werden. Fehlt das Label, bedeutet das nicht zwingend ein schlechtes Fahrzeug, sondern lediglich, dass noch kein entsprechender Test durchlaufen wurde. Ergänzend dazu hat Green NCAP in 2025 den sogenannten Driving Experience Index eingeführt: Reichweite im Winter, Lademöglichkeiten, Geschwindigkeit, Vehicle-to-Grid-Fähigkeit. Wer sich weniger für die reine Ökobilanz interessiert, findet dort praxisnahe Vergleichsdaten.
Meine Empfehlung nach dem Gespräch: Wer ein E-Auto kauft, sollte nicht bei den Sternen stehen bleiben, sondern zumindest einen Blick auf die drei Indizes darunter werfen – da zeigen sich die wirklichen Unterschiede zwischen scheinbar gleich bewerteten Fahrzeugen. Aber dazu jetzt mehr in unserem Gespräch – hört selbst rein.
Gerne kannst du mir Fragen zur E-Mobilität, die dich im Alltag beschäftigen, per Mail zukommen lassen. Die Antwort darauf könnte für andere Hörer des Podcasts ebenfalls von Interesse sein. Wie immer gilt: Über Kritik, Kommentare und Co. freue ich mich natürlich. Also gerne melden, auch für etwaige Themenvorschläge. Und über eine positive Bewertung beim Podcast-Anbieter deiner Wahl freue ich mich natürlich auch sehr! Danke.









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