Ob batterieelektrischer Fernverkehr auch abseits gut ausgebauter Ladenetze funktioniert, will Content Creator und Berufskraftfahrer Tobias Wagner ab dem 20. September in der Praxis zeigen. An diesem Sonntag startet er direkt von der IAA Transportation aus Hannover als „Elektrotrucker“ zu einer Weltreise mit einem eigens dafür umgebauten Mercedes-Benz eActros 600. Vorausgegangen sind zwei Jahre als Berufskraftfahrer ausschließlich mit batterieelektrischen Lkw, in denen Wagner nach eigenen Angaben rund 200.000 Kilometer durch 24 Länder zurückgelegt und dabei Fahrzeuge aller europäischen Hersteller getestet hat. Unter dem Motto „in 80 Ladungen um die Welt“ will er nun erstmals einen batterieelektrischen Fernverkehrs-Lkw einmal um den Globus fahren, es ist die bislang wohl ambitionierteste Praxiserprobung eines solchen Fahrzeugs.
Die geplante Route umfasst rund 45.000 Kilometer durch etwa 30 Länder auf fünf Kontinenten, die Expedition soll rund ein Jahr dauern. Von Deutschland aus führt die Tour zunächst durch Südosteuropa, über Tschechien, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien und Bulgarien, bis in die Türkei und damit nach Asien. Von dort geht es weiter über Georgien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan und Kasachstan bis nach China, wo im Hochwinter Temperaturen von bis zu minus 20 Grad drohen.
Anschließend führt die Strecke über Laos, Vietnam, Thailand und Malaysia nach Singapur, wo Wagner seine Ankunft gegen Ende Januar plant. Danach stehen Etappen durch Australien an, bevor der Lkw per Schiff nach Nordamerika verschifft wird und Wagner die Panamericana bis nach Patagonien hinunterfährt, durch Mexiko, Kolumbien, Ecuador, Peru, Chile, Argentinien und Brasilien, bevor die Reise zurück nach Europa führt. Bereits die Streckenführung selbst ist ein Praxistest: Sie führt Wagner von dicht ausgebauten Ladenetzen in Mitteleuropa bis in Regionen, in denen eine öffentliche Schnellladeinfrastruktur für Lkw erst im Aufbau ist. Genau diese Mischung aus Routine und Ungewissheit war es auch, worüber Mercedes-Benz Trucks-CEO Achim Puchert am Vorabend der IAA Transportation mit Wagner sprach.
Was Wagner auf dieser Reise wirklich antreibt
Bei der Daimler Truck Media Night nahm sich Puchert auf der Bühne Zeit, um genau das herauszufinden: Was treibt jemanden an, so etwas zu tun? Es sei etwas Besonderes, in einer Welt, in der scheinbar schon alles erfunden wurde, etwas zum ersten Mal zu tun, so Wagner. Er sei vor allem gespannt darauf, was er auf der Reise lernen könne, denn die Elektrifizierung des Fernverkehrs sei ein globales Thema. Europa sei bereits weit fortgeschritten, doch es gebe viele andere Länder, und ihn interessiere, wie diese die Herausforderungen der Elektrifizierung angehen. Geschichten zu teilen und Menschen zusammenzubringen sei am Ende „wertvoller als jeder Rekord“.
Genauso unumwunden beantwortete Wagner die Frage, worauf er persönlich am meisten gespannt sei: vor allem auf jene Regionen, in denen man dem Lkw am wenigsten zutraue. Er selbst vertraue dem Fahrzeug, da er es bereits quer durch Europa gefahren sei. Erst an den eigenen Grenzen zeige sich, wie robust das System wirklich sei, und herauszufinden, was für eine Skalierung der Elektrifizierung in Europa nötig sei, sei am Ende die wichtigste Botschaft, die er in die Welt tragen könne.
Ähnlich klar fiel seine Antwort auf die Frage nach der Fahrzeugwahl aus: Wagner verwies auf drei Eigenschaften, Reichweite, Effizienz und Zuverlässigkeit. Die Reichweite liefere die große Batterie mit 621 Kilowattstunden auf Basis der LFP-Technologie, zusammengesetzt aus drei Batteriepaketen zu je 207 Kilowattstunden, wie sie auch im eActros Lowliner zum Einsatz kommen. Die Effizienz garantiere das aerodynamische Design der ProCabin.
Die Zuverlässigkeit kenne er aus eigener Erfahrung, da er den eActros 600 bereits quer durch Europa gefahren sei, von der Türkei über Portugal bis nach Norwegen: „Dem kann man vertrauen.“ Zur Vorbereitung gehört neben einer Expeditions-Wohneinheit von Bliss Mobil ein Ladesystem von Alpitronic, mit dem sich der Lkw an praktisch jede Netzsituation anpassen lässt, ergänzt durch Ersatzreifen, zusätzliche Scheinwerfer und ein batteriebetriebenes Motorrad am Heck. Ziel sei es, möglichst selbstständig zu bleiben, da die Infrastruktur unterwegs zunehmend unvorhersehbar werde, so Wagner.
Auf dem Weg zur Weltreise: Sonderkennzeichen und eine teure Überraschung
Wie ernst es Wagner mit dieser Selbstständigkeit meint, wird deutlich, wenn man sich ansieht, wie er selbst das Rekordkriterium seiner Reise beschreibt. Im Electrive-Podcast „E-Mobility Insights“ erklärte er, dass der Titel der Reise zugleich ihr Rekordkriterium sei, anfangs aber nicht exakt durchgerechnet gewesen sei. Rein rechnerisch ließe sich mit der vorhandenen Batteriekapazität eine deutlich höhere Reichweite pro Ladung erzielen, dieses Kriterium verwarf Wagner jedoch bewusst, weil es zu einfach nachzustellen wäre. Stattdessen zählt die dokumentierte Anzahl der Ladestopps, ausdrücklich einschließlich der Nutzung eines mobilen Gleichstromladers der Firma Alpitronic mit 11 bis 43 Kilowatt über eine haushaltsübliche Drehstromsteckdose. Um den Rekord überhaupt sinnvoll zu machen, fährt Wagner den Akku bewusst weiter leer als nötig und lässt dabei auch funktionierende Ladepunkte gelegentlich aus – ein Vorgehen, das er als Nachahmung ausdrücklich nicht empfiehlt.
Auch abseits des Rekords ist der Lkw eine Besonderheit: Er ist privat auf Wagner zugelassen, und zwar nicht als schweres Nutzfahrzeug der Klasse N3, sondern als Pkw der Klasse M1. Dadurch erhält das Fahrzeug legal ein E-Kennzeichen, das für schwere Nutzfahrzeuge in Deutschland bislang nicht vorgesehen ist, nach eigener Einschätzung Wagners das schwerste zugelassene Elektroauto des Landes.
Ein ähnliches Kuriosum steckt in der Finanzierung. Ein Kreis von Kernsponsoren trägt die Basis der Reise, darunter Lkw, Wohnkabine, Versicherung, Reifen und die Verschiffung durch DHL. Ladestrom, Umbaumaßnahmen und in einigen Ländern gesetzlich vorgeschriebene Reisebegleiter, etwa in Turkmenistan und China, zahlt Wagner nach eigenen Angaben selbst. Die größte Einzelposition der gesamten Reise ist ausgerechnet die Schiffsverschiffung des Lkw, ein Vorgang, der laut Wagner für Privatpersonen eigentlich kaum möglich gewesen wäre, da Reedereien gebrauchte batterieelektrische Lkw in ihren üblichen Garantiebedingungen gar nicht abdecken.
Keine Zensur, aber ein Rettungsplan für den Notfall
Genauso offen wie über Kosten und Kennzeichen spricht Wagner im Podcast auch über die Grenzen seiner eigenen Unabhängigkeit. Redaktionell hat er nach eigener Aussage freie Hand: Es gebe keinen Maulkorb von Daimler Truck, er dürfe über alles berichten, was unterwegs passiert. Eine Ausnahme bilden lediglich rechtlich heikle Fälle wie Unfälle mit Personen- oder Totalschäden, bei denen er vor der Veröffentlichung Rücksprache halten würde. Für technische Zwischenfälle ist Wagner mit einem eigenen Diagnosegerät und einer Hochvolt-Schulung ausgerüstet, zusätzlich hat ihm Daimler Truck weltweite Unterstützung zugesagt, im Extremfall bis hin zu einem eingeflogenen Techniker.
Genauso eindeutig fällt seine Haltung zur Antriebsfrage aus: Auf die Frage, ob er sich diese Reise auch mit einem Wasserstoff-Lkw zutrauen würde, antwortete Wagner im Podcast mit einem klaren Nein. Strom als Energiequelle sei überall verfügbar, wenn auch nicht immer in gleicher Qualität, während eine vergleichbare Wasserstoffinfrastruktur auf einer solchen Route schlicht nicht existiere.
So detailreich die Vorbereitung ist, im Kern bleibt es ein einziges großes Experiment: Wie weit batterieelektrischer Fernverkehr unter realen Bedingungen heute bereits funktioniert. Die Reise soll die Leistungsfähigkeit moderner E-Lkw auf Langstrecken dokumentieren, praktische Erfahrungen aus unterschiedlichsten Einsatzregionen sammeln und zugleich aufzeigen, wo bei Infrastruktur und Rahmenbedingungen weiterer Fortschritt nötig ist. Mit regelmäßigen Berichten von unterwegs will Wagner diese Erfahrungen mit Kundinnen und Kunden, Fahrerinnen und Fahrern sowie einer breiten Öffentlichkeit teilen.
Erfolg würde für Wagner am Ende bedeuten, dass sich die Diskussion verschiebt, weg von der Frage, ob diese Lkw funktionieren, denn das täten sie bereits jeden Tag, hin zu der Frage, was als Nächstes nötig sei, um das Ökosystem rund um batterieelektrische Lkw aufzubauen. Mit seiner Reise könne er diese Diskussion gemeinsam mit Daimler Truck ein Stück voranbringen, „und das ist schon ein riesiger Erfolg.“
Quelle: Daimler Trucks – Pressemitteilung / Electrive – Schafft dein E-Lkw die Weltreise in 80 Ladestopps, Tobias Wagner? / Teilnahme von Elektroauto-News bei der Daimler Truck Media Night am Vorabend der IAA









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