Drei Kontinente, drei Tempi bei der Lkw-Elektrifizierung

Drei Kontinente, drei Tempi bei der Lkw-Elektrifizierung
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Volvo Trucks

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Die Elektrifizierung des Lkw-Verkehrs verläuft weltweit zunehmend uneinheitlich. Das zeigt eine neue Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), vorgestellt anlässlich der IAA Transportation in Hannover. Für Hersteller und Zulieferer bedeutet das laut Studie vor allem eines: Eine weltweit einheitliche Elektrifizierungsstrategie wird zunehmend zum Risiko. Wer in langsamer wachsenden Märkten zu früh in Batterie-Lkw investiert, riskiert Überkapazitäten. Wer in schnell wachsenden Märkten zu spät kommt, verliert dauerhaft Marktanteile.

Die BCG-Analyse untersucht die Entwicklung mittelschwerer und schwerer Lkw bis zum Jahr 2035 in China, Europa und den USA. Alle drei Regionen folgen demnach eigenen Pfaden bei Kosten, Regulierung und Ladeinfrastruktur. Entscheidend ist dabei, wie schnell batterieelektrische Lkw (BEV) in den jeweiligen Segmenten Kostenparität mit Diesel erreichen. Diese Parität entscheidet darüber, wo sich Investitionen in Produktion und Plattformen bereits heute lohnen.

Besonders schnell elektrisieren sich dabei Einsatzprofile, bei denen Fahrzeuge nachts ins Depot zurückkehren, etwa im Verteilerverkehr. Im Fernverkehr mit Tagesstrecken von mehr als 400 Kilometern bleiben Reichweite und unterwegs verfügbare Ladepunkte dagegen die größere Hürde.

Chinas Markt hat den Wendepunkt erreicht

In China sind Elektro-Lkw laut Studie bereits über die Phase des Markthochlaufs hinaus. 2025 lag der Anteil batterieelektrischer Modelle an den Neuzulassungen mittelschwerer und schwerer Lkw bei knapp 30 Prozent, 2026 liegt er bereits darüber. Damit entfallen mehr als 90 Prozent aller weltweit verkauften emissionsfreien Lkw auf China. In zentralen Segmenten wie mittelschweren Lkw und schweren Lkw im Regionalverkehr besteht bereits Kostenparität mit Dieselmodellen.

Ein dichtes Netz aus Lade- und Batteriewechselstationen sowie staatliche Förderprogramme beschleunigen den Hochlauf zusätzlich. Im Fernverkehr bleibt Flüssigerdgas zunächst eine Übergangslösung, dürfte aber mit wachsender Ladeinfrastruktur nach 2030 zunehmend von Elektro-Lkw verdrängt werden. Peter Wiedenhoff, Managing Director und Partner bei BCG, ordnet die Entwicklung so ein: China zeige, wie schnell sich ein Markt verändere, sobald Kosten, Infrastruktur und Regulierung zusammenspielten. Hersteller, die bei der Skalierung zu spät kämen, riskierten dauerhaft Marktanteile.

Europas Weg führt über die Regulierung

In Europa ist die Elektrifizierung laut BCG weniger von der Nachfrage als von gesetzlichen Vorgaben getrieben. Die EU verlangt von Herstellern eine Verringerung der CO₂-Emissionen schwerer Nutzfahrzeuge um 43 Prozent bis 2030 und um 64 Prozent bis 2035, jeweils gegenüber dem Jahr 2019. Bei Verfehlen dieser Ziele drohen Herstellern laut BCG Strafzahlungen im zweistelligen Milliardenbereich. Im nachfragegetriebenen Szenario rechnet BCG bis 2035 mit einem Elektro-Anteil von rund 48 Prozent. Bleibt eine regulatorische Entlastung aus, müssten Hersteller den Anteil auf bis zu 65 Prozent steigern, um ihre Klimaziele einzuhalten.

Die größte Hürde bleibt dabei die Ladeinfrastruktur. Das Netz entlang des transeuropäischen Verkehrskorridors TEN-T wächst zwar, erreicht aber noch nicht die Dichte, die für einen großflächigen Fernverkehr mit Batterie-Lkw bis 2030 nötig wäre. Hinzu kommt Preisdruck aus China: Chinesische Anbieter können schwere Fernverkehrs-Lkw mit Batterieantrieb laut BCG bis zu 30 bis 50 Prozent günstiger anbieten als europäische Wettbewerber. Ein Kreditsystem erlaubt es Herstellern zwar, früh erzielte Zulassungserfolge auf spätere CO₂-Ziele anzurechnen, doch diese Flexibilität schwindet nach 2030 zunehmend.

In den USA regiert vorerst der Verbrenner

Deutlich langsamer verläuft der Wandel in den USA. Für mittelschwere Lkw und schwere Lkw im Regionalverkehr erwartet BCG Kostenparität mit Diesel erst zwischen 2029 und 2031, im Fernverkehr sogar erst Mitte der 2030er-Jahre. Elektro- und Hybrid-Lkw dürften 2030 gemeinsam weniger als fünf Prozent der Neuzulassungen ausmachen, bis 2035 rechnet BCG in Summe mit lediglich acht Prozent. Ein landesweites Zero-Emission-Mandat existiert nicht. Auch die Lkw-Ladeinfrastruktur befindet sich in den USA laut BCG noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Stattdessen entscheiden einzelne Bundesstaaten mit unterschiedlichen Anreizen und Vorgaben über das Tempo.

Für den Fernverkehr setzen einzelne Anbieter bereits auf E-Lkw mit rund 800 Kilometern Reichweite und Megawatt-Ladetechnik, um schon Ende der 2020er-Jahre Kostenparität mit Diesel zu erreichen. Bis sich batterieelektrische Antriebe im großen Maßstab rechnen, gelten Hybride und Plug-in-Hybride als praktikable Zwischenlösung.

Aus den unterschiedlichen Entwicklungspfaden leitet BCG drei getrennte Prioritäten ab: Skalierung in China (mit gesicherter Batterieversorgung und Kompatibilität zu Batteriewechsel-Standards), Kostensenkung und Ladeinfrastrukturausbau in Europa, gezielte Investitionen in einzelnen Segmenten in den USA. „Die größte Gefahr für Hersteller und Zulieferer ist nicht mehr die Wahl der falschen Antriebstechnologie“, sagt Wiedenhoff. Entscheidend sei vielmehr, ob sich Produktportfolio, Fertigung und Lieferketten künftig an der Realität des jeweiligen Marktes ausrichteten, statt auf einen einzigen globalen Fahrplan zu setzen.

Quelle: BCG – Three Regions, Three Paths to Truck Electric Powertrain Adoption

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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