Diesel, Benzin, Elektro: Die Antriebstechnik allein macht noch keine Verkehrswende

Diesel, Benzin, Elektro: Die Antriebstechnik allein macht noch keine Verkehrswende
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Knapp ein Fünftel der CO2-Emissionen verursachte der Verkehrssektor 2015 in Deutschland. Im Widerspruch zu den Klimaschutzzielen sind die CO2-Emissionen im Verkehrssektor angestiegen und liegen nach vorläufigen Zahlen des BMUB sogar über dem Wert von 1990. Verantwortlich sind dafür vor allem Pkw, die vor allem wegen des Trends zu SUVs immer größer und immer schwerer werden. Neben den klimaschädlichen CO2-Emissionen entstehen beim Verbrennen von Benzin und Diesel große Mengen gesundheitsschädlicher Stickoxide und Feinstaub. Insbesondere in großen Städten und Ballungsgebieten führt das zu erheblichen Gesundheitsbelastungen und Umweltschäden.

Hinzu kommen die vielen Verkehrsunfälle, die Lärmbelastung und der Flächenverbrauch. Global wie auch in Deutschland leiden vor allem ärmere Bevölkerungsgruppen unter den durch den Autoverkehr verursachten Umweltbelastungen. Die zügige Abkehr vom Verbrennungsmotor ist aus Gründen der Umwelt- und Klimagerechtigkeit deshalb dringend geboten.

Elektroautos mit Akkuspeicher sind die derzeit beste Option, um Verbrennungsmotoren zu ersetzen. Zum einen sind sie schon heute weniger klimaschädlich als Autos mit konventionellen Antrieben. Das gilt selbst dann, wenn man den größtenteils fossilen Strommix in Deutschland zugrunde legt und den hohen Energieverbrauch bei der Herstellung der Batteriezellen berücksichtigt.

Im Vergleich zu anderen alternativen Antrieben verbrauchen Elektroautos mit Akku deutlich weniger Strom. Das ist wichtig, weil auch erneuerbarer Strom nicht in unbegrenzten Mengen zur Verfügung steht. Windräder und Solarzellen benötigen Flächen und Rohstoffe. Gleichzeitig wird der Stromverbrauch in Deutschland durch die zunehmende Elektrifizierung von Verkehr und Wärme ansteigen. Voraussichtlich wird in Zukunft ein wachsender Teil der in Deutschland genutzten Energie aus dem Ausland importiert werden. Als mögliche Herkunftsländer gelten vor allem Staaten mit einem hohen Potenzial für erneuerbare Energien, wie z. B. nordafrikanische Länder. Die Erzeugung von erneuerbarer Energie für den Export nach Europa kann eine Chance für die wirtschaftliche Entwicklung sein, könnte aber auch menschenrechtliche, soziale und ökologische Probleme schaffen oder verstärken.

Höherer Ressourcenverbrauch wegen SUVs

Der Ressourcenverbrauch von Autos ist, ungeachtet der Antriebstechnik, grundsätzlich hoch. Der Trend zu immer größeren Fahrzeugen ist dabei besonders besorgniserregend: Inzwischen ist jedes zehnte in Deutschland zugelassene Auto ein SUV oder Geländewagen; ihr Anteil an den Neuzulassungen lag zuletzt bei 22,5 Prozent. Auch die deutschen Autohersteller bauen gerne große Fahrzeuge, die sich teuer verkaufen lassen.

Ohnehin gehört die Automobilindustrie als größte Branche des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland zu den größten Ressourcenverbrauchern. Die metallischen Primärrohstoffe für die
immer größer und schwerer werdenden Fahrzeuge der deutschen Autobauer stammen jedoch zu fast 100 Prozent aus dem Ausland. Oftmals werden diese unter katastrophalen menschenrechtlichen, ökologischen und sozialen Bedingungen in Ländern des Globalen Südens abgebaut. Das gilt für Metalle wie Stahl und Kupfer, die bereits heute in großen Mengen in allen Autos verbaut werden.

Veränderung des Rohstoffverbrauchs bei weltweitem Umstieg auf E-Autos

Für die Produktion von Akkus für Elektrofahrzeuge werden zusätzlich Rohstoffe wie Kobalt, Lithium, Graphit und Nickel benötigt, deren Verbrauch drastisch ansteigen wird. Bereits 2030 könnte vier Mal so viel Lithium in Elektroautos verbaut werden, wie heute jährlich weltweit abgebaut wird. Auch der prognostizierte Kobaltverbrauch liegt deutlich über den derzeit global geförderten Mengen. Aufgrund dieser hohen Prognosen steigen die Preise für diese Rohstoffe bereits heute enorm an.

In vielen Staaten werden neue Lizenzen für die Exploration oder den Abbau vergeben, was oft mit den Interessen der ansässigen Bevölkerung kollidiert. Die Vorkommen im Lithium-Dreieck lagern in Salzseen in hochandinen Steppenregionen, die durch extrem hohe Sonneneinstrahlung und sehr geringe Niederschläge gekennzeichnet sind. Die aride Landschaft ist Heimat zahlreicher indigener Gemeinden, die dort seit Jahrhunderten leben und Viehzucht, Handwerk und Landwirtschaft betreiben. In der kobaltreichen Demokratischen Republik Kongo zählt zu den direkten Konsequenzen des industriellen Bergbaus, dass Kleinschürfer verdrängt werden. Dabei ist der so genannte artisanale Bergbau bei allen Problemen, die er mit sich bringt, für die einfache Bevölkerung deutlich (überlebens-)wichtiger als der industrielle Bergbau.

Darüber hinaus stellt der Abbau von metallischen Rohstoffen einen irreparablen Eingriff in Ökosysteme dar und geht oft mit starker Umweltverschmutzung einher. Eine Umstellung der gesamten deutschen Autoflotte – 56,5 Millionen Kraftfahrzeuge, davon 46,5 Millionen PKW – auf den Antrieb mit Elektromotoren kann aus entwicklungspolitischer Sicht nicht die Lösung sein.

Schutz der Menschenrechte ist eine staatliche Verpflichtung

Die sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen Kosten der Mobilität in Deutschland, die auf dem Pkw im Privatbesitz basiert, werden zu großen Teilen externalisiert. Der Schutz der Menschenrechte ist in erster Linie eine staatliche Verpflichtung. Primär stehen dabei jene Staaten in der Pflicht, in denen die betreffenden Bergbauprojekte durchgeführt werden. Allerdings hat der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte in seinem Allgemeinen Kommentar Nr. 24 (Juni 2018) nochmals ausdrücklich und umfassend die Verpflichtung von Staaten bekräftigt, auch außerhalb des eigenen Territoriums seine Einflussmöglichkeiten zur Achtung, zum Schutz und zur Gewährleistung der Menschenrechte auszuschöpfen.

Das betrifft besonders Deutschland als einen der wichtigsten Importeure metallischer Rohstoffe. Mit Blick auf Abbauregionen, in denen es häufig zu Konflikten, Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen kommt, und Staaten, die nicht willens oder in der Lage sind, die Rechte der Betroffenen angemessen zu schützen und den Betroffenen Zugang zu Gerichten und einem fairen Verfahren zu gewährleisten, kommt den extraterritorialen Staatenpflichten eine hohe Relevanz zu. Den 2011 verabschiedeten UN-Leitprinzipien zufolge tragen jedoch auch Unternehmen Verantwortung dafür, die Menschenrechte in ihren Aktivitäten und Geschäftsbeziehungen zu achten. Dies durchzusetzen, ist wiederum Teil der menschenrechtlichen Schutzpflicht der Staaten.

Das Ziel muss sein, die Zahl der Autos zu verringern

Ziel einer zukunftsfähigen und global gerechten Mobilitätspolitik muss es sein, die Zahl der Autos und die mit ihnen zurückgelegten Kilometer drastisch zu reduzieren. Die Bundesregierung muss deshalb ein Ausstiegsszenario für den Verbrennungsmotor erarbeiten und ein nahes Datum für das Ende seiner Zulassung benennen. Während die Alternativen zum Autofahren ausgebaut und attraktiver gestaltet werden müssen, muss der systematische Vorrang für das Auto in Stadtplanung, Straßenverkehrsordnung und bei der Finanzierung der Infrastruktur endlich ein Ende haben.

Die verbleibenden Autos müssen deutlich kleiner, leichter und elektrisch angetrieben sein. Der Anteil von Sharing-Angeboten muss zunehmen. Das Auto mit Verbrennungsmotor im Privatbesitz wird damit zum Auslaufmodell. Der Verbrauch von Primärrohstoffen muss durch konsequentes Recycling auf ein Minimum begrenzt werden. Für die verbleibenden Rohstoffimporte müssen menschenrechtliche, soziale und ökologische Sorgfaltspflichten gesetzlich festgeschrieben werden. Es ist höchste Zeit, die Weichen für eine zukunftsfähige Mobilität zu stellen – für globale Gerechtigkeit, saubere Luft, sichere Straßen und lebenswerte Städte.

Link zur Studie: Weniger Autos, mehr globale Gerechtigkeit – Diesel, Benzin, Elektro: Die Antriebstechnik allein macht noch keine Verkehrswende

Quelle: Power Shift – Pressemeldung vom 23.11.2018

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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