Ghosn: Wie politische Inkonsequenz den E-Auto-Markt schwächt

Ghosn: Wie politische Inkonsequenz den E-Auto-Markt schwächt
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Für diese Podcast-Folge habe ich mit Carlos Ghosn gesprochen – einer der prägendsten Managerfiguren der globalen Automobilindustrie der vergangenen Jahrzehnte. Als früherer CEO und Chairman von Renault und Nissan hat er nicht nur Konzerne geführt, sondern strategische Entscheidungen getroffen, die die Elektromobilität früh beeinflusst haben. Heute blickt er von außen auf eine Branche im Umbruch – analytisch, nüchtern und mit klaren Schlussfolgerungen.

Ausgangspunkt unseres Gesprächs war seine jüngste Rückkehr in die öffentliche Debatte: Newsletter, LinkedIn, direkte Kommunikation. Ghosn beschreibt das nicht als PR-Projekt, sondern als Verpflichtung. „Menschen mit sehr langer Erfahrung haben die Pflicht, etwas zurückzugeben“, sagt er. Neue Plattformen erlaubten es, ohne Filter direkt zu sprechen – ohne journalistische Interpretation, ohne Verkürzung. Genau diesen direkten Blick nutzt er, um die globale Verschiebung in der Automobilindustrie einzuordnen.

Im Zentrum steht China. Für Ghosn ist der Aufstieg chinesischer Hersteller keine Überraschung, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger, konsequenter Industriepolitik. Früh habe die Regierung entschieden, die Autoindustrie zu einer tragenden Säule der Wirtschaft zu machen – mit Joint Ventures, Know-how-Transfer, massiven Investitionen in Batterien, Rohstoffe und Infrastruktur. Diese Lernphase sei abgeschlossen. Heute befinde sich China in einer offensiven Phase. „Sie denken in 20- oder 30-Jahres-Plänen – ohne Angst vor langen Zeiträumen.“

Europas Passivität und das politische Stop-and-Go

Europa dagegen beschreibt er nicht als schlafend, sondern als passiv. Hersteller hätten gesehen, was passiert, aber nicht entschlossen genug reagiert. Besonders kritisch sieht Ghosn das politische Stop-and-Go: Förderprogramme, die kommen und gehen, Regulierungen, die verschärft und wieder gelockert werden. „Diese Inkonsequenz hat China massiv geholfen“, sagt er. Während dort parallel Technologie und Ladeinfrastruktur aufgebaut wurden, habe Europa Planungssicherheit verspielt.

Ein zentrales Thema ist: Fokus. Ghosn warnt eindringlich vor dem Versuch, alle Technologien gleichzeitig zu verfolgen. Batterieelektrisch, Hybrid, Plug-in, Range-Extender, Wasserstoff – das klinge nach Offenheit, führe aber in der Praxis zu Mittelmaß. „Wenn man zehn Hasen jagt, fängt man keinen.“ Diese Erfahrung kennt er aus seiner eigenen Zeit bei Nissan. Der frühe Erfolg mit dem Leaf habe einen klaren Pfad erfordert – gegen erheblichen internen Widerstand. Als dieser Fokus später aufgeweicht wurde, sei auch die technologische Führungsrolle verloren gegangen.

Positiv bewertet Ghosn, dass die EU inzwischen erkannt habe, zu ambitioniert gewesen zu sein und Ziele korrigiere. Entscheidend sei nun, weiteren Schaden zu vermeiden. Für ihn bleibt klar: Ohne verlässliche Ladeinfrastruktur wird sich das Elektroauto nicht flächendeckend durchsetzen. Reichweiten von 700 oder 800 Kilometern helfen, aber nichts ersetze das Sicherheitsgefühl, überall laden zu können. China sei hier schlicht weiter – technisch wie auch psychologisch.

Das schwierige Verhältnis zwischen Staat und Industrie

Deutlich wird Ghosn auch beim Verhältnis von Staat und Industrie. Während der Staat in den USA nur in Ausnahmesituationen eingreife, sieht er in Europa – besonders in Frankreich – eine problematische Einflussnahme ohne Verantwortungsübernahme. Das schade Unternehmen nachhaltig. Erfolgreiche Industriepolitik bedeute aus seiner Sicht: klare Ziele setzen, realistische Meilensteine definieren – und dann die Unternehmen machen lassen.

Mit Blick auf die kommenden Jahre erwartet Ghosn eine weiter wachsende Präsenz chinesischer Konzerne in Europa – direkt oder indirekt. Marken wie Geely, MG oder Volvo zeigten, wie Ownership und Markenwahrnehmung auseinanderfallen können. Für Kunden spiele das oft keine Rolle. Für Europa industriepolitisch sehr wohl.

Zum Abschluss bringt er seine Botschaft auf den Punkt. Würde er heute noch einmal als CEO antreten, gäbe es eine klare Priorität: „Strategie schärfen. Fokus schärfen. Nicht vielen Hasen hinterherlaufen.“ Europa habe noch Chancen. Aber nur, wenn Entscheidungen getroffen und konsequent durchgehalten werden. Nun aber genug der Einordnung – lasst uns direkt in das Gespräch einsteigen. Heute ausnahmsweise in englisch.

Gerne kannst du mir Fragen zur E-Mobilität, die dich im Alltag beschäftigen, per Mail zukommen lassen. Die Antwort darauf könnte für andere Hörer des Podcasts ebenfalls von Interesse sein. Wie immer gilt: Über Kritik, Kommentare und Co. freue ich mich natürlich. Also gerne melden, auch für etwaige Themenvorschläge. Und über eine positive Bewertung beim Podcast-Anbieter deiner Wahl freue ich mich natürlich auch sehr! Danke.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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