Die Grünen und das Auto – für politische Gegner ist das Verhältnis seit Jahren vermeintlich eindeutig: Die einen wollen es den Menschen wegnehmen, die anderen verteidigen die automobile Freiheit. Dass diese Erzählung mit der tatsächlichen Position der Partei überhaupt nicht übereinstimmt, zeigt Grünen-Chef Felix Banaszak in einem ausführlichen Interview mit Auto Motor und Sport. „Mir ist kein Grüner bekannt, der Autos hasst“, stellt er darin klar und entkräftet somit direkt eingangs des Gesprächs das provokant eingestreute Vorurteil. Auch Grüne fahren Auto.
Tatsächlich richtet sich Banaszaks Kritik weniger gegen das Auto als gegen den fossilen Antrieb und gegen eine deutsche Automobilindustrie, die nach seiner Auffassung zu lange an alten Geschäftsmodellen festgehalten hat. Deutschland befindet sich aus seiner Sicht in einer schweren Strukturkrise. Gerade bei Elektromobilität und anderen Zukunftstechnologien müsse Europa deshalb wieder stärker selbst produzieren. Dazu zählt Banaszak unter anderem Batteriezellen, Halbleiter und Robotik.
E-Auto soll auch für kleine Einkommen erreichbar werden
Deutlich wird der Grünen-Chef bei der Förderung von Elektroautos. Er spricht sich dafür aus, die „E-Auto-Prämie auch auf den Gebrauchtwagenmarkt auszuweiten“. Diese Idee hatte auch schon CSU-Chef und leidenschaftlicher Anti-Grüner Markus Söder. Ergänzend schlägt Banaszak Social-Leasing-Programme nach französischem Vorbild für kleinere und mittelgroße Elektroautos vor. Ziel sei es, den Umstieg auch Haushalten mit geringeren Einkommen zu ermöglichen.
Damit kratzt Banaszak an einer weiteren verbreiteten These: Elektromobilität als Projekt für wohlhabende Großstadtbewohner soll ausdrücklich nicht das Ziel grüner Verkehrspolitik sein. Wer auf ein Auto angewiesen ist, soll nach seinen Vorstellungen weiterhin eines nutzen können – nur langfristig möglichst ein elektrisches. Zugleich hält er Carsharing insbesondere dort für sinnvoll, wo ein eigenes Auto einen Großteil des Tages ohnehin ungenutzt herumsteht.
Allerdings will Banaszak staatliche Förderung nicht bedingungslos verteilen. Dass von der derzeitigen Unterstützung insbesondere chinesische Hersteller profitieren können, sieht er kritisch. Fördergeld solle stärker auf „europäische Produktion fokussiert“ werden. Gegen aus seiner Sicht wettbewerbsverzerrend günstige Importe aus China hält der Grünen-Chef auch Zölle für ein legitimes Instrument. Europa müsse ein Interesse daran haben, industrielle Wertschöpfung bei Autos, Stahl oder Chemie dauerhaft zu erhalten.
„Happy Hour“ an der Ladesäule
Auch beim Laden will Banaszak stärker an den Kosten ansetzen. Er wünscht sich ein „Deutschland-Ticket für die Ladeinfrastruktur“: Autofahrer sollen möglichst unkompliziert an unterschiedlichen öffentlichen Ladesäulen zu günstigen Konditionen Strom beziehen können. Zusätzlich bringt er eine „Happy Hour“ ins Spiel. Besonders bei hohem Solarstromangebot zur Mittagszeit könnten niedrigere Preise einen Anreiz schaffen, Elektroautos genau dann zu laden, wenn viel günstiger Strom verfügbar ist.
Dafür müsste allerdings auch das Energiesystem mitspielen. Banaszak nennt den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien, leistungsfähigere und stärker digitalisierte Stromnetze, Smart Meter sowie mehr Speicher als wichtige Bausteine. Elektromobilität betrachtet er nicht isoliert, sondern als Teil eines zunehmend flexiblen Stromsystems.
Ganz verschwunden ist die grüne Verkehrspolitik dabei freilich nicht. Banaszak fordert weiterhin Tempo 130 auf Autobahnen, mehr Investitionen in die Schiene und bei Straßen einen stärkeren Schwerpunkt auf den Erhalt bestehender Infrastruktur statt auf neue Großprojekte. Radverkehr und öffentlicher Nahverkehr sollen attraktive Alternativen zum Auto bieten.
Vom vermeintlichen grünen Feldzug gegen das Automobil, wie vor allem konservative Kräfte es der Partei gerne andichten, bleibt im Interview damit wenig übrig. Banaszak will nicht das Auto abschaffen, sondern den Verbrennungsmotor perspektivisch durch das Elektroauto ersetzen – und gleichzeitig dafür sorgen, dass individuelle Mobilität bezahlbar bleibt.
Quelle: Auto Motor und Sport – „Mir ist kein Grüner bekannt, der Autos hasst“









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