Mehr Jobs oder weniger? Wie Baden-Württemberg vom Wandel zu Elektroautos betroffen sein könnte

Mehr Jobs oder weniger? Wie Baden-Württemberg vom Wandel zu Elektroautos betroffen sein könnte
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Rund 470.000 Beschäftigte in Baden-Württemberg sind direkt oder indirekt vom Automobil abhängig und damit von den Veränderungen durch Elektromobilität und zunehmender Digitalisierung der Produktion betroffen. Wie stark, hat nun eine neue Studie untersucht.

„Sowohl das Produkt Automobil als auch die gesamten Prozesse von Entwicklung, Produktion oder Vertrieb verändern sich. Es findet ein umfassender Technologie- und Strukturwandel statt, der durch einen harten internationalen Innovationswettbewerb angetrieben wird. Das automobile Wertschöpfungssystem verändert sich durch neue Konkurrenten und immer kürzere Innovations- und Marktzyklen. 2030 könnte bereits jeder zweite Neuwagen in Europa ein reines E-Fahrzeug sein“, fasste Franz Loogen, Geschäftsführer der Landesagentur für neue Mobilitätslösungen und Automotive e-mobil BW GmbH, die in der neuen Strukturstudie BWe mobil 2019 analysierten Trends zusammen, die vor wenigen Tagen vorgestellt wurde.

Progressives Szenario 2030: Batteriefahrzeug kostet weniger als Verbrenner

Je nach Szenario liegt der Anteil reiner Elektroautos an den Neuzulassungen im Jahr 2030 bei 15 bzw. 51 Prozent. Das Eintreten der Szenarien ist vor allem von für Baden-Württemberg nicht direkt beeinflussbaren Faktoren bestimmt, wie z.B. der Entwicklung von Batteriekosten, der Ausweitung der Produktionskapazitäten und des Produktangebots für Elektroautos, CO2-Grenzwerten oder der internationalen Nachfrage.

Mit dem Markthochlauf der Elektromobilität prognostizieren die Autoren sinkende Kosten für neue Antriebstechnologien. Während ein konventionelles Verbrennungsfahrzeug im Jahr 2015 noch einen Kostenvorteil von 10.000 Euro aufweist, ist es 2030 im progressiven Szenario 1000 Euro teurer als ein batterieelektrisches Fahrzeug. Dies liegt an der steigenden Komplexität und den steigenden Kosten für Effizienztechnologien sowie gleichzeitig sinkenden Kosten für Batterien.

Die klimaschutzpolitische Einordnung beider Szenarien zeigt, dass eine über das Szenario „Business as usual“ hinausgehende Entwicklung besser geeignet erscheint, um die Sektorziele 2030 zu erreichen. Mit Blick auf die langsamen Umwälzungsprozesse im Fahrzeugbestand ist möglichst frühzeitig ein höherer Elektrifizierungsgrad anzustreben, um die geplante Treibhausgasneutralität 2050 erreichen zu können. Dies setzt sowohl hohe Marktanteile elektrischer Antriebe als auch deutliche Veränderungen der derzeitigen Mobilität voraus.

„Baden-Württemberg muss zum Leitmarkt und Leitanbieter für eine nachhaltige Mobilität und damit zum Vorreiter für den Transformationsprozess zur klimafreundlichen Elektromobilität werden. Nicht die Transformation zur Elektromobilität selbst gefährdet die Branche, sondern verpasste Gestaltungschancen bei deren aktiver Weiterentwicklung. Die Elektromobilität auf der Basis erneuerbarer Energien bietet enorme Chancen aus ökologischer und ökonomischer Sicht. Die damit verbundenen Herausforderungen müssen wir gemeinsam für eine lebenswerte und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft angehen. Wenn jeder dabei einen Beitrag leistet, können wir den Transformationsprozess erfolgreich gestalten.“ – Winfried Hermann, Verkehrsminister Baden-Württemberg

Die Studie wurde im Auftrag der Landesagentur e-mobil BW GmbH unter Federführung des Instituts für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e.V. gemeinsam mit der IMU-Institut GmbH und der BridgingIT GmbH erstellt, um den Markthochlauf der Elektromobilität bis 2030 anhand zweier Szenarien („Business-as-usual-Szenario“, „Progressives Szenario“) zu simulieren und davon ausgehend die Auswirkungen auf Wertschöpfung und Beschäftigung im baden-württembergischen Automobilcluster zu betrachten.

Mehr Jobs oder weniger, beides ist möglich

Mit der Transformation sind negative Beschäftigungseffekte im baden-württembergischen Automobilcluster verbunden, die jedoch bezogen auf die gesamte Branche moderat ausfallen. Dies gilt aber nur, wenn das Cluster auch bei den alternativen Antriebstechnologien seine weltweit führende Innovationsrolle behält und bei den neuen Komponenten Marktanteile in ähnlicher Höhe wie heute gewinnen kann. Durch das Marktwachstum bei neuen Komponenten für die Elektromobilität und den gleichzeitigen Rückgang konventioneller Komponenten ergeben sich je nach Szenario für das Jahr 2030 insgesamt Beschäftigungseffekte von Plus 1,9 Prozent (Plus 8900 Beschäftigte) bis hin zu Minus 6,6 Prozent (Minus 30.800 Beschäftigte).

In der näheren Analyse zeigt sich, dass die im Branchendurchschnitt ausgleichenden positiven und negativen Beschäftigungseffekte aber sehr unterschiedlich verteilt sind. Die direkt vom Antriebsstrang abhängigen Produktionswerke in Baden-Württemberg mit ihren 70.000 Beschäftigten könnten in besonderem Maße betroffen sein und müssen bei der Gestaltung des Transformationsprozesses in den Blick genommen werden. Die erfolgreiche Bewältigung dieser Transformation erfordert deshalb eine gemeinsame Anstrengung von Politik, Wirtschaft und Beschäftigten.

Die wirtschaftliche Stärke Baden-Württembergs stützt sich schon seit Jahren auf ein spezifisches Innovationscluster, das sich auf Innovationen im Umfeld der industriellen Produktion spezialisiert hat und dabei weltweit eine führende Position einnimmt. Diese Strategie gelte es fortzuführen, empfehlen die Autoren. Dafür muss Produktionswissen und Produktinnovation auch bei den neuen Antriebsstrangkonzepten idealerweise verknüpft und in Wertschöpfung und Beschäftigung umgesetzt werden. „Mit unseren über 140 Partnern im Cluster Elektromobilität Süd-West verfolgen wir das Ziel, die Industrialisierung der Elektromobilität in Deutschland voranzubringen und Baden-Württemberg als führenden Anbieter nachhaltiger und intelligenter Mobilitätslösungen zu positionieren“, sagte Loogen.

„Die Studie zeigt klar auf, wie wir unsere Technologieführerschaft erfolgreich ausbauen können und bestärkt uns in dem eingeschlagenen Weg: Unsere strategische Industrie- und Förderpolitik muss klar auf Innovation ausgerichtet sein. Der Ausbau der wirtschaftsnahen Forschung als wichtiger Partner unseres Mittelstands, massive Investitionen in Batterieforschung, Startup-Förderung sowie in Weiterbildungs- und Qualifizierungskonzepte für die Beschäftigten sind essentiell. Mit dem Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg können wir die notwendigen Unternehmens- und Standortstrategien erarbeiten, um eine nachhaltige Beschäftigungsperspektive für die Menschen im Land zu sichern.“ – Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg

Quelle: e-mobil BW – Pressemitteilung vom 15.03.2019

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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