Autobauer als Zulieferer? VW blickt auf fahrerlose Zukunft

Autobauer als Zulieferer? VW blickt auf fahrerlose Zukunft
Copyright:

VW | Stefan Mecha, CEO Volkswagen Nutzfahrzeuge

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Für Flottenbetreiber:innen und Gewerbekund:innen hat sich die Kalkulation beim Transporter deutlich verschoben. Mit einem elektrischen Nutzfahrzeug fahre man im Betrieb heute “für die Hälfte”, so Stefan Mecha, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN). Er sprach mit Christian Senger, der im VWN-Vorstand das autonome Fahren verantwortet und zugleich CEO von ADMT und Moia ist. Moderator Henning Krogh führte durch beide Geschäftsfelder, das heutige Transportergeschäft und die fahrerlose Mobilität von morgen. Den gemeinsamen Nenner bildet in beiden Fällen der Elektroantrieb.

“Der Kernfokus liegt immer auf dieser Total Cost of Ownership”, erklärte Mecha. Batterie- und Strompreise hätten sich im Verhältnis zu den Spritpreisen so entwickelt, dass dies die Elektrifizierung weiter befeuern werde. Rund 30 Prozent der verkauften Fahrzeuge von VWN sind bereits elektrifiziert. In Norwegen oder den Niederlanden liegt der Anteil batterieelektrischer Neuzulassungen auch im Transportersegment bei 70 bis 80 Prozent.

Vor einem Jahr hätte Mecha nach eigenen Worten noch mit einem längeren Übergang gerechnet. Für sehr große Nutzfahrzeuge und manche Einsatzzwecke, etwa beim Crafter, gelte das weiterhin. Insgesamt verlaufe die Transformation jedoch “viel, viel schneller” als damals erwartet.

Um diesen Wandel effizient zu stemmen, bündelt der Volkswagen-Konzern seine Volumenmarken in der Markengruppe Core. Modelle der Electric Urban Family entstehen an einer Stelle, nutzen dieselbe Technik und werden erst danach markenspezifisch ausgestaltet. “Jede Marke hat einen Platz am Tisch”, beschrieb Mecha das Prinzip. Die langjährige Präsenz in China, wo heimische Hersteller inzwischen in den Export drängen, diene VWN zudem als Vorlage für den kommenden Wettbewerb.

Vom Kostenvorteil zum fahrerlosen Geschäft

An genau diesem Kostenargument knüpfte Senger an. Fahrzeuge für Nahverkehr, Robotaxi und Logistik seien Arbeitspferde, bei denen es um Cent pro Kilometer gehe, und hier spiele der Elektroantrieb seine Stärken aus. Ein Verbrenner wäre die größere Herausforderung, weil in Standphasen mehr Strom für Sensorik und Rechner nötig sei, als eine Lichtmaschine liefern könne. “Das Ausfallrisiko eines elektrischen Antriebs ist um Faktoren geringer als eines komplexen Verbrennerantriebes”, so Senger.

Die Wirtschaftlichkeit entsteht über die Nutzung. Senger rechnet mit Laufleistungen von 500.000 Kilometern und mehr bei hoher Verfügbarkeit. Vollautonome Mobilität könne so günstiger werden als ein eigenes Auto und in der nächsten Dekade auch günstiger als ein klassischer Fahrdienst. Ridepooling, wie es mit dem ID. Buzz AD in Hamburg angeboten wird, finde dort hohe Akzeptanz, lasse sich mit menschlichen Fahrer:innen aber nicht wirtschaftlich betreiben.

Für Europa sieht Senger drei Aufgaben: Technologie, Geschäftsmodell und gesellschaftliche Akzeptanz. Akzeptanz heiße vor allem Sicherheit, also jede Software- und Hardwareversion zu testen und nachzuweisen, dass die Systeme mindestens so gut fahren wie ein Mensch. Offen seien zudem Fragen zum Datenschutz und dazu, wer die Leitstellen betreibt, die solche Fahrzeuge aus der Ferne unterstützen.

Auch für die Rolle der Industrie hat diese Entwicklung Folgen. “Der Automobilhersteller im klassischen Sinne wird zum Zulieferer des digitalen Chauffeursystems”, sagte Senger. Gefragt sei ein Lifetime-Business, das über die gesamte Nutzungszeit optimiert wird und nicht über Emotionen, sondern über Fakten überzeugt.

Wenn der Automobilhersteller nur noch zuliefert

Professor Dr. Schuh spitzte diesen Gedanken in einem Einwurf von der Seite zu. Steige die Auslastung je Auto von heute vier auf 20 bis 25 Prozent, gerate das Geschäftsmodell klassischer Hersteller grundlegend ins Wanken. Autos würden bislang vor allem aus emotionalen Gründen gekauft und nicht aus Mobilitätsgründen.

Mecha griff das Risiko auf und leitete daraus einen Auftrag ab. “Wenn wir glauben, wir können das mit Verbotspolitik und Regulatorik erlösen, wird es nicht gelingen”, sagte er. China und die USA seien beim autonomen Fahren weiter, weil dort umgesetzt werde, während Europa zersplittere. Nötig seien gleiche Wettbewerbsbedingungen und ein Umbau des eigenen Geschäftsmodells, denn wer nur noch Fahrzeuge liefere, werde sich nicht behaupten.

Mecha erwartet dabei parallele Stränge: autonome Funktionen nach Level 4 in Privat- und Firmenwagen, sobald die Technik günstiger wird, daneben Ridepooling als eigenen Teil des Marktes. Der Individualverkehr bleibe für Europa entscheidend. Senger ergänzte, dass künstliche Intelligenz mit dem autonomen Fahren den Bildschirm verlasse und physisch werde. Die Autoindustrie könne dabei ihre Stärken in Skalierung und Partnerschaften einbringen. “Das Spiel läuft noch.”

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Volkswagen (VW) Elektroautos

Ex-VW-Stratege: VW darf sich nicht vom Volk verabschieden

Ex-VW-Stratege: VW darf sich nicht vom Volk verabschieden

Sebastian Henßler  —  

Für den ehemaligen VW-Chefstrategen Michael Jost ist das Elektroauto nur ein Zwischenschritt. Entscheidend seien Software, KI und ein neues Geschäftsmodell.

VW: Gewerkschaft steckt ihre eigenen Regeln ab

VW: Gewerkschaft steckt ihre eigenen Regeln ab

Daniel Krenzer  —  

Nach der Kündigung von zehn Tarifverträgen verschärft die IG Metall den Ton gegenüber VW. Verhandler Thorsten Gröger schließt einen Arbeitskampf nicht aus.

Volkswagen äußert sich zu seiner Zukunft in Europa

Volkswagen äußert sich zu seiner Zukunft in Europa

Daniel Krenzer  —  

VW will seine Zukunft weiter in Europa gestalten. Konzernchef Oliver Blume fordert dafür bessere politische Rahmenbedingungen und mehr Wettbewerbsfähigkeit.

VW: 40 Prozent der Bestellungen in Europa sind E-Autos

VW: 40 Prozent der Bestellungen in Europa sind E-Autos

Sebastian Henßler  —  

Hohe Kraftstoffpreise und mehr Einstiegsmodelle treiben die Nachfrage nach E-Autos. Die Electric Urban Car Family kommt auf knapp 150.000 Bestellungen.

VW ID. Polo GTI: Erster Elektro-GTI startet ab 39.995 Euro

VW ID. Polo GTI: Erster Elektro-GTI startet ab 39.995 Euro

Sebastian Henßler  —  

Volkswagen startet den Vorverkauf des ID. Polo GTI. Der erste elektrische GTI leistet 166 kW, kostet ab 39.995 Euro und bietet mehr Platz als der Verbrenner.

VW ID. Tiguan: Aus dem weichen ID.4 wird ein echtes SUV

VW ID. Tiguan: Aus dem weichen ID.4 wird ein echtes SUV

Sebastian Henßler  —  

Volkswagen zeigt den ID. Tiguan als Nachfolger von ID.4 und ID.5. Das neue Elektro-SUV kommt Anfang 2027 und soll preislich nah beim heutigen ID.4 bleiben.