Mit dem VW ID. Tiguan überträgt Volkswagen den Namen seines erfolgreichsten Modells in die Elektrowelt und löst zugleich zwei Baureihen ab. Der Nachfolger von ID.4 und ID.5 soll vor allem jene Kund:innen erreichen, die den Tiguan schätzen, bislang aber kein elektrisches Pendant unter diesem Namen fanden. Entsprechend viel steht auf dem Spiel: Der seit 2007 mehr als 8,3 Millionen Mal gebaute Tiguan ist das weltweit meistverkaufte Modell der Marke und des gesamten Konzerns, während die beiden Vorgänger seit 2021 zusammen auf mehr als 950.000 Exemplare kommen. Mit der Weltpremiere zeigt Volkswagen nun, was bei der Testfahrt in Wien noch unter Folie und Sperrfrist lag.
In den Handel kommt der ID. Tiguan Anfang 2027, und zwar parallel zum Tiguan mit Benzin-, Diesel- und Hybridantrieb. Gefertigt wird das Elektro-SUV in Emden, der Verbrenner in Wolfsburg. Offizielle Preise nennt Volkswagen zur Premiere noch nicht. Aus dem Umfeld des Herstellers ist allerdings zu hören, dass sich die Einstiegsversion Trend preislich in etwa auf dem Niveau des heutigen ID.4 bewegen soll, die Differenz liege im Bereich von rund 600 Euro. Zum Vergleich: Der Verbrenner-Tiguan startet in der Ausstattung Trend derzeit bei rund 39.400 Euro, der ID.4 bei rund 40.600 Euro. Navigationssystem, LED-Scheinwerfer und Frunk wären in diesem Fall bereits serienmäßig beim ID. Tiguan an Bord.
Einen ersten Blick auf das Auto gab es bereits im Frühjahr bei einem exklusiven Media Workshop in Hamburg, auf dem Volkswagen seinen neuen Leitgedanken „True Volkswagen“ vorstellte. Martin Sander, damals Vorstand für Vertrieb, Marketing und After Sales der Kernmarke Volkswagen, begründete dort, warum das Modell in dieser Reihe nicht fehlen dürfe: „Wenn wir über True Volkswagen sprechen, muss auch der Tiguan Teil dieser neuen Generation sein.“ Er beschrieb den ID. Tiguan als kompaktes SUV, das Menschen durch sehr unterschiedliche Lebensphasen begleite, „vom ersten Kind bis zum Wochenendausflug mit der ganzen Familie“.

Der Wunsch nach einem elektrischen Tiguan kam dabei nicht allein aus der Konzernzentrale. Wie ein Volkswagen-Mitarbeiter aus dem Designumfeld berichtet, sei in Kundenkliniken immer wieder gefragt worden, warum es den Tiguan nur mit Verbrenner oder als Hybrid gebe. Das vorangestellte ID. markiert dabei, dass es sich um ein eigenständiges Elektroauto handelt und nicht um eine elektrifizierte Verbrennerplattform.
VW ID. Tiguan: Mit breiten Schultern zurück zur echten SUV-Form
Optisch vollzieht der ID. Tiguan einen deutlichen Bruch mit seinem Vorgänger. Das eher weiche Crossover-Design des ID.4 weicht einer aufrechten, klar gegliederten SUV-Form, die der neuen Designsprache „Pure Positive“ folgt. In Europa ist das SUV das bislang größte neue Modell mit dieser Formensprache, innerhalb der ID.-Familie ordnet Volkswagen es als großen Bruder des ID. Cross ein, mit dem es auch die Lichtsignatur teilt. Prägend sind eine aufrechte Fronthaube, straff gespannte Flächen ohne Unterschnitte und halbrunde Radhäuser mit kantig eingefasster Verkleidung.

Die Entstehung der Form schilderte Designer Tibor Juhász in Hamburg. Als Designchef Andreas Mindt ins Studio gekommen sei, habe dort eine SUV-Skizze an der Wand gehangen. Mindt habe darauf gezeigt und gesagt: „Das sieht aus wie ein SUV. Das will ich jetzt.“ Gemeinsam mit einem Modelleur übertrug Juhász den Entwurf auf das vorhandene Fahrzeugpaket, „und dann war das Auto geboren“.
Die Frontpartie wird von einer transparenten Querspange bestimmt, die das Designteam mit einem Augenzwinkern „Aquarium“ nennt. Am Heck greifen die Rückleuchten das Prinzip auf, ihre kristallartigen 3D-Elemente tragen intern den Spitznamen „Whiskey-Gläser“. Eine durchgehende Charakterlinie ordnet die Seitenflächen, und die Karosseriefarbe zieht sich nun auch über die äußere Dachlinie und die C-Säulen. Auf Wunsch der Kundschaft kehren zudem klassische Bügeltürgriffe zurück.

Trotz des kräftigeren Auftritts sinkt der Luftwiderstandsbeiwert dank eines weitgehend geschlossenen Stoßfängers von 0,27 auf 0,26. Gegenüber dem Verbrenner-Tiguan fällt der ID. Tiguan nach Angaben von Volkswagen etwas länger und rund zwei Zentimeter flacher aus, weil die Frontscheibe früher beginnt, flacher ansteigt und weiter nach hinten reicht.

Wie die Kritik am ID.4 das Cockpit umkrempelt
Noch grundlegender fällt der Wandel im Innenraum aus. Den Vorgänger hätten Kund:innen als stark fahrerorientiert und unruhig empfunden, hinzu sei Kritik an den Materialien gekommen, heißt es aus dem Interieur-Design. Das neue Layout setzt deshalb auf Symmetrie und eine horizontale Linie, die das Cockpit teilt: Oben liegen die Bildschirme, darunter alles, was sich physisch bedienen lässt, von der Klimatisierung über die Mittelkonsole bis zum Lenkrad. Bis auf den Wählhebel und den Lenkstockhebel für Blinker und Scheibenwischer hat Volkswagen sämtliche Bediensysteme des ID.4 ersetzt.

Konkret bedeutet das eine Tastenleiste für die Grundfunktionen der Klimaanlage, einen Dreh-Drück-Regler für Lautstärke und Senderwahl sowie ein Multifunktionslenkrad mit physischen Tasten anstelle von Touchflächen. Auf der Fahrerseite bündelt eine neu gestaltete Bedieninsel die vier Fensterheber, die Türverkleidungen sind dafür oberhalb der Bedieneinheit frei von Schaltern. Die komplett neue Mittelkonsole ist als Insel gestaltet und bietet zwei Ablageebenen, ein großes Staufach unter einer zweiteiligen Armauflage sowie zwei induktive Ladeschalen nach Qi2-Standard.

Über der Konsole spannt sich eine Bildschirmlandschaft von A-Säule zu A-Säule. Zum 10-Zoll-Fahrerdisplay und dem 15 Zoll großen Infotainmentbildschirm kommen optional ein Augmented-Reality-Head-up-Display und ein 12-Zoll-Beifahrerdisplay hinzu, das erstmals in einem für Europa bestimmten Volkswagen verfügbar ist. Ein Sichtschutz verhindert, dass der Fahrer die Inhalte einsehen kann.

Verspielter geben sich die serienmäßigen Retro-Anzeigen. Auf Knopfdruck am Lenkrad wechseln die Instrumente in die blauroten Uhren eines Golf IV, wobei der vermeintliche Drehzahlmesser als Leistungsanzeige den Energiefluss des Antriebs darstellt. Im Infotainment lässt sich zusätzlich der Look von sechs Klassikern aufrufen, darunter Golf I, Tiguan I und Käfer.
Platz für Familie, Urlaubsgepäck und den Wohnwagen
Bei 4618 mm Länge und 2765 mm Radstand bietet der ID. Tiguan vorn wie hinten mehr Beinfreiheit als der Verbrenner-Tiguan, dessen Radstand um 84 mm kürzer ausfällt. Der Kofferraum fasst 534 Liter, bei dachhoher Beladung sind es 1577 Liter. Ein Frunk unter der Fronthaube nimmt etwa das Ladekabel auf. Für Gespanne bleibt es bei bis zu 2,0 Tonnen Anhängelast und 90 Kilogramm Stützlast.

Serienmäßig ist One-Pedal-Driving an Bord, gegen Aufpreis der Connected Travel Assist, der auf der Autobahn assistierte Spurwechsel ermöglicht und das Auto an roten Ampeln automatisch anhält. Ebenfalls optional sind Vordersitze mit Massage- und Belüftungsfunktion, ein Soundsystem von Harman Kardon und ein Panoramadach. Über den sogenannten PowerSocket, einen Adapter für die Ladebuchse, lassen sich externe Geräte vom Elektrogrill bis zum E-Bike aus der Fahrzeugbatterie versorgen.


Die R-Line zeigt Muskeln, aber keine Mehrleistung
Die vierte Ausstattungslinie, der ID. Tiguan R-Line, setzt sich vor allem optisch ab. Das R-Logo sitzt rechts in der Tiefe des „Aquariums“, darunter folgt ein eigener Stoßfänger mit deutlich größerem Lufteinlass in Hochglanzschwarz. Seitlich laufen die Einlässe in senkrechte, an Flugzeug-Winglets angelehnte Elemente mit LED-Streifen aus. Hinten ergänzen ein hochglänzender Diffusor und senkrechte Rückstrahler das Bild, an den Flanken 20-Zoll-Räder und Spiegelkappen im Kontrastton „Nightchrome“.

Innen erhält die Variante Top-Sportsitze mit integrierten Kopfstützen, Ziernähte im Design „Speedy“, Dekore in Nightchrome und eine 12-Uhr-Markierung im Lenkradkranz. Am Antrieb ändert sich nichts Grundlegendes. Ab Werk ist die R-Line an den Heckantrieb mit 210 kW und der 77-kWh-Batterie gekoppelt, optional steht der Allradantrieb mit 220 kW zur Wahl.

Trend, Life und Style starten mit 140 kW und einer 58-kWh-Batterie in LFP-Chemie, für die beiden höheren dieser Linien sind die 77-kWh-Antriebe optional. Volkswagen nennt bis zu 600 Kilometer WLTP-Reichweite und bis zu 165 kW Ladeleistung, beides weiterhin als Prognose. Wie sich das Auto auf der Straße anfühlt und warum die Ladespitze bewusst unter der des ID.4 liegt, hat Elektroauto-News.net bereits nach der Ausfahrt in und um Wien ausführlich beschrieben.

Bis zum Marktstart Anfang 2027 stehen damit vor allem noch Antworten auf zwei Fragen aus. Erst die Preisliste wird zeigen, ob der Abstand zum heutigen ID.4 so gering ausfällt wie bislang signalisiert, und erst die Homologation, ob Reichweite und Ladezeit die Prognosewerte bestätigen. Für jene Tiguan-Kundschaft, die bislang beim Verbrenner geblieben ist, entscheidet sich an diesen beiden Punkten, wie kurz der Weg zum Elektroantrieb am Ende wird.

Disclaimer: Volkswagen hat zum Kennenlernen des VW ID. Tiguan nach Wien, Österreich eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.









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