AlixPartners: China treibt Europas Autohersteller vor sich her

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

Bereits seit 22 Jahren veröffentlicht AlixPartners den Global Automotive Outlook (GAO). Eine der Kernaussagen der diesjährigen Studie ist, dass Automobilunternehmen ihre Geschäftsabläufe grundlegend umgestalten müssen. Nur dann wäre garantiert, dass sie das existenzielle Ausmaß der aktuellen Disruptionen überleben, mit denen ihre Branche heute konfrontiert ist.

Zu diesen Disruptionen und Störungen gehören, laut der jährlich erhobenen, detaillierten Branchenanalyse des globalen Beratungsunternehmens, Zölle und weitere geopolitische Maßnahmen, ein geringerer Absatz von Elektroautos als erwartet, der anhaltende Aufstieg vieler wettbewerbsintensiver chinesischer Automobilunternehmen, Regionalisierungsdruck, und Lieferengpässe. Einfluss haben zusätzlich die schnell wachsende Bedeutung von ADAS-Funktionen und softwaredefinierte Fahrzeugarchitekturen, so AlixPartners in einer aktuellen Mitteilung.

Fabian Piontek, Partner und Managing Director Automotive & Industrial Practice: „Der GAO liefert einen klaren Überblick über eine Branche, die durch langsames Wachstum, hartnäckig hohe Kosten, überproportional hohe und derzeit kaum amortisierbare E-Auto-Entwicklungsausgaben in der westlichen Hemisphäre und den Erfolg der technologischen Konkurrenz durch führende chinesische NEV (New Energy Vehicles) Anbieter getrieben wird. Zulieferer und Hersteller sollten ihre Erkenntnisse, die sie über die Gewinner auf dem chinesischen Markt gemacht haben, als Ansatzpunkte für den Wandel in den eigenen Heimatmärkten nutzen.“

Schlüsselaussagen des Global Automotive Outlooks:

  • Der weltweite Absatz von Pkw werde 2025 nur um ein Prozent steigen, wobei das Wachstum in China und anderen asiatischen Ländern die Rückgänge in Europa und den USA ausgleicht.
  • Der europäische Automarkt wachse, getrieben durch chinesische Hersteller. Im Jahr 2025 produziere die europäische Autoindustrie 16,9 Millionen Einheiten. Im Jahr 2030, so die AlixPartners-Prognose, soll die Zahl auf 17,6 Millionen steigen. Während der Anteil der europäischen Hersteller in der Heimatregion zurückgehe, wachse der der Chinesen (plus 800.000 Einheiten). Chinesische Autohersteller bauen Werke, die Europäer haben 2030 Überkapazitäten (rund 400.000 Einheiten), die zu Werksschließungen führen müssen.
  • Der Absatz in China werde 2025 nur um drei Prozent steigen, was die stärkeren chinesischen Automobilhersteller und Zulieferer zu weiteren internationalen Expansionsplänen veranlassen dürfte.
  • AlixPartners prognostiziert, dass Elektrofahrzeuge aller Art, einschließlich reine Elektroautos (BEV, batterieelektrische Fahrzeuge) und solche mit Range-Extender (EREV, Elektrofahrzeuge mit verlängerter Reichweite), bis 2030 einen Anteil von 30 Prozent am Weltmarkt haben werden.
  • EREVs weisen in China mit acht Prozent Marktanteil bereits 2025 eine hohe Bedeutung auf (16 Prozent Plug-in-Hybride (PHEV), 30 Prozent reine E-Autos). Ihr Marktanteil werde bis 2030 auf 13 Prozent anwachsen, zudem sei in China mit 14 Prozent PHEV und 50 Prozent BEV zu rechnen). In Europa sollen EREVs auch mittelfristig eine Randerscheinung bleiben und bis 2030 nicht mehr als drei Prozent Marktanteil erreichen. Für Europa prognostiziert AlixPartners 43 Prozent reine E-Autos und sechs Prozent Plug-in-Hybride im Jahr 2030.
  • Teilnehmer der GAO-Umfragen sehen China technologisch weit vor den US-und europäischen Herstellern.
  • Chinesische Zulieferer erzielen im Schnitt Margen von 12,9 Prozent und liegen damit weit vor der internationalen Konkurrenz und vor den Herstellern.
  • Die europäische Industrie steht vor dem Ausverkauf. Wesentlich mehr Käufe US-amerikanischer und chinesischer Unternehmen in Europa als umgekehrt.
  • In den Jahren 2022 bis 2024 erwarben US-Unternehmen mit Kapitalinvestitionen in Höhe von neun Milliarden US-Dollar Unternehmen der europäischen Automobilindustrie. Asien weist das höchste Einkaufsvolumen auf (42 Mrd. US-Dollar), wobei rund 14 Prozent auf Übernahmen von europäischen Automobilunternehmen entfallen. Europa ist die einzige Region, die einen Vermögensabfluss (13 Mrd. US-Dollar) verzeichnet.
  • Die Anzahl der Veräußerungsaktivitäten in Europa steigt, mit großem Schwerpunkt in der Zuliefererindustrie.
  • Die Kosten der neuen US-Zölle werden sich bis 2026 wahrscheinlich auf rund 30 Milliarden Dollar belaufen. Die GAO-Prognose geht von durchschnittlichen Mehrkosten für europäische Importfahrzeuge in den USA um 4400 US-Dollar pro Modell aus, Importe aus Mexiko sollen sich im Mittel nur um etwa 1120 US-Dollar D verteuern.
  • Konsequenter Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) könne den Entwicklungsrückstand der Europäer verkürzen und die Entwicklungszeiten reduzieren.
  • Fortschrittliche Fahrer-Assistenzsysteme (ADAS) und Software Defined Vehicles (SDV) sind die nächsten Wachstumsfelder, hier dürfen die Europäer den Anschluss nicht verlieren, warnt AlixPartners. Sie müssen Entscheidungsprozesse beschleunigen auch durch den Einsatz von KI und Echtzeit-Datenverarbeitung im großen Stil.

Positiv zu vermerken sei, dass der GAO mehrere Maßnahmen aufzeigt, die Automobilunternehmen ergreifen können, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

„Eine Schlüsselanforderung ist das vollständige Verständnis und die Nutzung fortschrittlicher Mobilität, einschließlich ADAS (Advanced-Driver-Assistance-Systemen)“ sagt Fabian Piontek. „Unser Ausblick prognostiziert, dass das Wachstum des globalen ADAS-Marktes das der traditionellen Fahrzeuge übertrifft, und wir gehen davon aus, dass er bis 2030 50 Milliarden Dollar erreichen wird.“

Ein weiterer Punkt ist die Nutzung von KI-gestützten Systemen und Prozessen zur Verbesserung der Abläufe bei Automobilherstellern und -zulieferern, wodurch Entwicklungszeiten und Prüfkosten um 20 Prozent gesenkt werden können.

Die sorgfältige Auswahl und Einführung von KI ist die Voraussetzung für eine Agilität, die erforderlich ist, um mit den sich verändernden Marktbedingungen zurechtzukommen, heißt es im Ausblick. Der GAO belegt, dass einige Kunden von AlixPartners Möglichkeiten gefunden haben, um bis zu acht Monate eines typischen fünfjährigen Produktentwicklungszyklus mit KI-gesteuertem Design und Tests zu verkürzen. So sinken die Kosten für Verifizierung und Validierung (V&V) um 20 Prozent. Damit schließt sich etwa ein Drittel jener Lücke, die im Zeitplan der Produktentwicklung zu chinesischen NEV-Automobilhersteller geherrscht hat.

Das Ziel, so die Analyse von AlixPartners, ist eine schnellere Entwicklung zu geringeren Kosten, mit Designs und Features, die den Kundenwünschen entsprechen, und vertrauenswürdigen digitalen Tools. Die Entkopplung von Hard- und Software-Entwicklungszyklen sowie die frühzeitige Einbindung von Zulieferern und Dual-Sourcing ermöglichen die größere Geschwindigkeit.

„Die Umwälzungen nehmen weiter an Fahrt auf“

„Die westliche Automobilindustrie, Hersteller wie Zulieferer, muss sich moderne Werkzeuge und wettbewerbsfähige Betriebsmodelle aneignen, um die Agilität zu schaffen, mit der die schnell aufeinander folgenden Krisen bewältigt werden können“, sagt Mark Wakefield, Global Automotive Market Lead bei AlixPartners. „Die Nutzer solcher Betriebsmodelle werden die Lähmung durch die zunehmenden Krisen überwinden und sich auf diversifiziertes, Handeln vorbereiten, das sich auf gemeinsame, einheitliche Daten und eine strategische Haltung und Zielsetzung stützt, statt auf die alten hierarchischen Silos, das Stapeln von Spezifikationen und deterministische Strategien.“

Chinas Exportanstrengungen festigen seine Rolle als treibende Kraft für Veränderungen in der gesamten Branche, die mit Herausforderungen in der Lieferkette zu kämpfen hat, die sich in den letzten Monaten durch den Zugang zu wichtigen Mineralien noch verschärft haben. Dies führt zu einer Dreiteilung der Branche in die chinesischen, europäischen und den US-amerikanischen Regionen.

„In der Automobilindustrie gibt es eine ununterbrochene Folge von Umwälzungen, und ihre Kadenz nimmt weiter an Fahrt auf“, sagt Andrew Bergbaum, Global Leader der Automotive & Industrial Practice bei AlixPartners. „Ein Ergebnis ist, dass, wie ich es manchmal ausdrücke, ‚Europa zum Verkauf steht‘ – womit ich all die M&A-Deals und Gelegenheiten meine, in denen europäische Automobilunternehmen die Handelsware sind. Es liegt auf der Hand, dass die Branche heute weltweit über Maßnahmen nachdenken sollte, an die sie möglicherweise noch nie gedacht hat.“

Quelle: Alix Partners – Pressemitteilung vom 23.06.2025

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Pedro G.:

Wer frühzeitig anfängt verkauft später mehr ⁉️

Gastschreiber:

Kann man so pauschal sehen. Ich glaube aber, es wird zu viel pauschalisiert auf der einen Seite und mit spezfischen Punkten auf der anderen Seite versucht ein dramatisches Bild zu zeigen.
Wie kommt es, wenn man nahezu gleichzeitig von einem, gerade in China, stattfindenen, ruinösen Konsolidierungswettbewerb liest und dann angeblich aber über 10% Marge erzielt werden soll. Das passt nicht zusammen.
Auch sieht man, ja, der Markt in China ist groß, China ist nicht die Welt, man kann, vermutlich muss man in diesen Wettbewerb einsteigen, wer hierbei aber zu global denkt, der wird in anderen, prosperierenden Märkten vielleicht verlieren oder eben nicht gewinnen.

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