Experte: Warum Laden kein Erlebnis sein sollte

Experte: Warum Laden kein Erlebnis sein sollte
Copyright:

Matthias Speicher

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

In der aktuellen Podcast-Folge habe ich mit Matthias Speicher gesprochen. Viele kennen ihn noch als „Speicher elektrisiert“. Über vier Jahre hat er eine der größten unabhängigen Skoda-EV-Communities Europas aufgebaut, mit Millionen Views, tausenden Kommentaren und einem sehr direkten Draht zu den Menschen, die Elektromobilität im Alltag erleben. Heute richtet er seinen Fokus auf ein Feld, das aus seiner Sicht über die nächste Phase der E-Mobilität entscheidet: den Lademarkt.

Schon zu Beginn unseres Gesprächs wurde klar, dass es ihm nicht um Ladeleistung oder technische Detailfragen geht. Ihn treibt eine grundlegendere Frage um: Warum baut der Markt trotz massiver Investitionen so wenig Vertrauen auf? Seine Antwort ist ebenso simpel wie unbequem: „Strom ist Commodity. Laden ist Service.“ Wer glaube, er verkaufe einfach nur Kilowattstunden, greife zu kurz. Entscheidend sei, wie dieser Strom ins Auto kommt – und wie sich dieser Prozess für die Menschen anfühlt.

Warum das beste Ladeerlebnis unsichtbar bleibt

Besonders deutlich wurde das beim Thema „Ladeerlebnis“. Ein Begriff, den die Branche gerne nutzt, den Matthias aber bewusst ablehnt. „Das beste Ladeerlebnis ist eines, das ich nicht bemerke.“ Laden sei keine positive, freiwillige Tätigkeit, sondern eine notwendige Unterbrechung aufgrund physikalischer Grenzen. Niemand lade aus Begeisterung. Deshalb gehe es nicht um Inszenierung, sondern um Reibungslosigkeit. Je weniger Friktion, desto besser.

In diesem Zusammenhang unterscheidet er zwischen Eskalation und Erosion. Eine defekte Ladesäule ist eine Eskalation – sichtbar, ärgerlich, aber meist lösbar. Problematischer seien die kleinen, unsichtbaren Reibungen: der Ladevorgang bricht ab, der Preis ist höher als erwartet, der Beleg lässt sich nicht abrufen, die App zeigt eine freie Säule an, die belegt ist. Diese Momente führen nicht zum großen Aufschrei, sondern zu schleichendem Vertrauensverlust. Ein „Vertrauenskonto“, wie er es nennt, wird mit jeder kleinen Enttäuschung belastet – ohne dass der Anbieter es merkt.

Sein Trust-Friction-Ansatz bringt das auf eine klare Formel: Vertrauen entsteht aus Zuverlässigkeit, Preisgerechtigkeit, Zugänglichkeit und Erwartungskonsistenz. Und diese Faktoren wirken multiplikativ. Wenn einer davon ausfällt, hilft der Rest nur bedingt. Ein günstiger Preis kompensiert keine unzuverlässige Technik. Eine schicke App ersetzt keine klare Beschilderung. Entscheidend ist die Summe aller Berührungspunkte.

Spannend fand ich auch seinen strategischen Blick auf den Markt. Viele Anbieter, so seine Einschätzung, hätten einen Plan, aber keine echte Strategie. Strategie bedeute für ihn, zwei Fragen sauber zu beantworten: Wo spiele ich? Und wie gewinne ich dort? Stattdessen dominiere oft eine Art „Real Estate Logic“ – Standorte sichern, Säulen bauen, auf Hochlauf hoffen. Das könne funktionieren, sei aber noch keine Differenzierung.

Preis ist einfach, Vertrauen ist schwieriger

Auch beim Thema Preis räumt er mit einigen Mythen auf. Preis allein sei kein Differenzierungsmerkmal – außer man wolle konsequent Low Cost spielen. Wer nur über Rabatte komme, subventioniere Auslastung auf Zeit. Nachhaltig sei das nicht. Wirkliche Differenzierung entstehe über Vertrauen. Und Vertrauen wiederum über konsistente, friktionsarme Abläufe.

Wir haben zudem über Zukunftsszenarien gesprochen: personalisierte Präferenzen direkt im Fahrzeug, dynamische Preisanreize zur Steuerung von Auslastung, KI-gestützte Prognosen, die Ladeparks effizienter machen. Vieles davon ist technologisch möglich, wird aber erst dann relevant, wenn die Basis stimmt – also Phase eins und zwei der Infrastruktur sauber umgesetzt sind, bevor man von Plattformisierung spricht.

Für die kommenden drei bis fünf Jahre erwartet Matthias in Deutschland weiterhin einen starken Fokus auf den Ausbau von Standorten. Gleichzeitig sieht er großes Potenzial im Destination-Charging – also beim Laden im Alltag, beim Supermarkt, beim Möbelhaus oder am Arbeitsplatz. Deutschland werde strukturell länger brauchen, um flächendeckende Heimladeoptionen zu ermöglichen. Deshalb bleibe das öffentliche Laden hierzulande relevanter als in reiferen Märkten wie Norwegen.

Planbarkeit statt permanente Optimierung

Seine Prognose: Der Markt wird sich stärker in Richtung Abomodelle und Mischkalkulation entwickeln. Viele Menschen wollen keine permanente Optimierung, sondern Planbarkeit. Die große Gruppe der „Satisfizer“, wie er sie nennt, sucht eine Lösung, die gut genug ist und zuverlässig funktioniert. Die Optimierer werden es schwerer haben.

Was aus unserem Gespräch hängen bleibt, ist weniger eine technische Vision als ein Perspektivwechsel. Wer versteht, dass er nicht Strom verkauft, sondern Unsicherheit reduziert und Menschen ohne Stress ans Ziel bringt, wird sich im Lademarkt behaupten. Vertrauen ist keine weiche Kategorie – es ist ein strategischer Wettbewerbsvorteil. Nun aber genug der Einordnung. Lasst uns direkt in das Gespräch einsteigen.

Gerne kannst du mir Fragen zur E-Mobilität, die dich im Alltag beschäftigen, per Mail zukommen lassen. Die Antwort darauf könnte für andere Hörer des Podcasts ebenfalls von Interesse sein. Wie immer gilt: Über Kritik, Kommentare und Co. freue ich mich natürlich. Also gerne melden, auch für etwaige Themenvorschläge. Und über eine positive Bewertung beim Podcast-Anbieter deiner Wahl freue ich mich natürlich auch sehr! Danke.

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Elektroauto laden

Diess sieht E-Fuels als Versuch, das Alte zu erhalten

Diess sieht E-Fuels als Versuch, das Alte zu erhalten

Sebastian Henßler  —  

Herbert Diess sieht im E-Auto mehr als ein Transportmittel: Als Speicher könnte es Solarstrom in den Abend verschieben und das Fahren nahezu gratis machen.

Kommentar: Daimler Truck will CO2-Ziele an Ladenetz koppeln

Kommentar: Daimler Truck will CO2-Ziele an Ladenetz koppeln

Sebastian Henßler  —  

Daimler Truck will die CO2-Ziele an den Ladeausbau koppeln und verweist auf China. Doch gerade dort kam der E-Lkw vor dem fertigen Netz, nicht erst danach.

Electra übernimmt Schnellladenetz von Mercedes-Benz

Electra übernimmt Schnellladenetz von Mercedes-Benz

Sebastian Henßler  —  

Mercedes-Benz gibt den Betrieb eigener Ladeparks ab und setzt auf die Partnerschaft mit Electra. Kund:innen erhalten Zugang zu über 800 Stationen in Europa.

Stromnetzausbau könnte 66 Milliarden Euro günstiger werden als gedacht

Stromnetzausbau könnte 66 Milliarden Euro günstiger werden als gedacht

Daniel Krenzer  —  

Der Stromnetzausbau könnte 66 Milliarden Euro günstiger werden als gedacht. Wie intelligente Netze, Elektroautos und Speicher Kosten senken können.

50Hertz: E-Autos für Stromnetz vergleichsweise kleine Herausforderung

50Hertz: E-Autos für Stromnetz vergleichsweise kleine Herausforderung

Daniel Krenzer  —  

40 Millionen Elektroautos sind für das deutsche Stromnetz beherrschbar, sagt 50Hertz. Entscheidend sind intelligentes Laden und Netzausbau.

Spirit-E: Wie E-Lkw im Depot Stromkosten senken können

Spirit-E: Wie E-Lkw im Depot Stromkosten senken können

Sebastian Henßler  —  

Ein MAN eTGX hat im Reallabor in Regensburg bis zu 350 kW zurückgespeist. Das Projekt Spirit-E zeigt, wie E-Lkw Depot, Netz und andere Fahrzeuge versorgen.

Ionity will bei Netzengpässen Batteriespeicher nutzen

Ionity will bei Netzengpässen Batteriespeicher nutzen

Daniel Krenzer  —  

Der Ladeanbieter Ionity setzt in Wertheim auf Batteriespeicher, um trotz begrenztem Netzanschluss mehr Schnellladepunkte anzubieten. 50 Standorte sollen folgen.