Studie: Indiens E-Auto-Markt in der Neuorientierung

Studie: Indiens E-Auto-Markt in der Neuorientierung
Copyright:

PradeepGaurs / Shutterstock.com

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Der Markt für Elektroautos in Indien befindet sich in einer Übergangsphase. Nach Jahren mit starken Wachstumsraten hat sich das Tempo im vergangenen Jahr spürbar verlangsamt. Der Grund liegt vor allem im Auslaufen staatlicher Kaufanreize, die zuvor große Teile des Marktes getragen hatten. Seit März 2024 ersetzt das neue Electric Mobility Promotion Scheme (EMPS) das bekannte FAME-II-Programm. Während FAME II auf breite Förderung setzte, liegt der Schwerpunkt des EMPS auf Zwei- und Dreirädern. Pkw profitieren kaum noch. Die Regierung verfolgt damit das Ziel, die Branche unabhängiger von Subventionen zu machen. Bis 2026 sollen direkte Zuschüsse schrittweise verschwinden. Hersteller sind damit gefordert, durch eigene Investitionen und Kostensenkungen wettbewerbsfähig zu bleiben.

Trotz der geringeren Unterstützung konnten die Verkäufe im Jahr 2024 um 18,8 Prozent auf 99.004 Einheiten steigen. Für 2025 wird ein weiterer Sprung auf rund 138.600 Autos erwartet. Das Wachstum verteilt sich allerdings ungleich. Der Süden und Westen Indiens treiben den Markt an, gestützt durch regionale Förderprogramme und Investitionen in Ladeinfrastruktur. Karnataka und Telangana erreichten zusammen mehr als die Hälfte der Verkäufe im Süden, während Maharashtra den Westen dominiert. Im Norden spielte Delhi eine zentrale Rolle, unterstützt von großzügigen Steuerbefreiungen.

Tata Motors führt E-Autoabsatz in Indien an

Bei den Herstellern bleibt Tata Motors mit über 61.000 verkauften Autos klar an der Spitze. Die Modelle Punch, Tiago und Nexon belegen die ersten Plätze der landesweiten Bestsellerliste. Dahinter folgt MG Motors, das dank der Kooperation mit JSW und dem neuen Windsor-Modell stark zulegen konnte. Mahindra rutschte dadurch auf Platz drei ab. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung von MG, das nicht nur mit neuen Autos punktet, sondern auch alternative Geschäftsmodelle wie Battery as a Service verfolgt. BYD und kleinere Anbieter wie Citroën (PCA India) spielen dagegen noch eine Nebenrolle, bleiben aber durch Investitionen im Markt präsent.

Neue Plattformen sollen den nächsten Wachstumsschub bringen. Mahindra setzt auf die Born-Electric-Reihe mit der INGLO-Architektur, die ab 2025 in Serie gehen soll. Tata Motors arbeitet parallel an Gen-2- und Gen-3-Plattformen für Reichweiten-starke SUVs. Maruti Suzuki entwickelt gemeinsam mit Toyota neue Modelle und prüft den Einsatz von Natrium-Ionen-Batterien. Auch MG und Hyundai experimentieren mit dieser Technologie. Der Einsatz solcher Batterien könnte die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen verringern und die Kosten senken. Allerdings bleibt Indien in vielen Bereichen auf Importe angewiesen, insbesondere bei seltenen Erden und Schlüsselkomponenten.

Die Ladeinfrastruktur entwickelt sich, bleibt jedoch ein kritischer Punkt. Unternehmen wie Tata Power, Statiq und ChargeZone investieren in den Ausbau, doch ländliche Regionen hinken hinterher. Hier zeigt sich ein Spannungsfeld: Einerseits steigt die Nachfrage in urbanen Zentren, andererseits droht der Fortschritt auf dem Land zu stocken. Gleichzeitig nehmen hybride Antriebe zu, da sie den Kund:innen eine Alternative bieten, wenn das Ladenetz nicht zuverlässig funktioniert.

Politik setzt auf lokale Produktion und Wertschöpfung

Politisch verschiebt sich der Fokus von Kaufprämien hin zu lokaler Produktion und Wertschöpfung. Die Production-Linked-Incentive-Programme (PLI) sollen Unternehmen dazu bewegen, Batterien und Schlüsselkomponenten im Land herzustellen. Mehrere Bundesstaaten fördern zudem Produktionscluster, etwa in Tamil Nadu, Karnataka und Gujarat. Auch Importerleichterungen für wichtige Batteriebauteile sollen helfen, eine eigene Industrie aufzubauen. Für internationale Hersteller bietet dies Chancen, sich über lokale Fertigung zu etablieren.

Der Markt bleibt dadurch vielschichtig. Einerseits wächst die Zahl der Neuzulassungen weiter, getrieben von mehr Modellen und sinkenden Betriebskosten. Andererseits sorgt das Ende großzügiger Subventionen für Unsicherheit. Investoren halten sich zurück und richten ihr Kapital eher auf Zulieferer, Ladeinfrastruktur oder Finanzierungsmodelle. Indische Hersteller müssen also nicht nur mit internationalen Marken konkurrieren, sondern auch mit einer veränderten Finanzierungslandschaft umgehen.

Zentrale Trends prägen die Branche: vernetzte Funktionen, intelligente Batteriesteuerung, interoperable Ladepunkte und neue Kooperationen. Besonders die Digitalisierung wird zum Verkaufsargument. Viele Kundinnen und Kunden erwarten inzwischen smarte Funktionen im Auto, die in Indien zunehmend in den Massenmarkt einziehen.

Indien steht somit an einem Wendepunkt. Der Markt wächst, aber die Spielregeln verändern sich. Hersteller und Politik setzen verstärkt auf Eigenständigkeit, um die Basis für eine nachhaltige Entwicklung zu legen. Für Verbraucher:innen eröffnet sich eine größere Auswahl, auch wenn die Preisschere zwischen günstigen Rollern und elektrischen Autos für Familien groß bleibt.

Quelle: Gateway to Automotive – Ausblick auf den Electric Vehicle Markt in Indien 2024-2031

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Analysen

Solarzellen im Auto: Studie zeigt enormes Einsparpotenzial

Solarzellen im Auto: Studie zeigt enormes Einsparpotenzial

Sebastian Henßler  —  

Forscher:innen haben 1,3 Millionen Fahrkilometer ausgewertet. Ihr Ergebnis: Solarmodule im Fahrzeug senken den externen Strombedarf pro Kilometer deutlich.

IEA: Globale E-Auto-Verkäufe 2025 auf Rekordhoch

IEA: Globale E-Auto-Verkäufe 2025 auf Rekordhoch

Sebastian Henßler  —  

Die IEA meldet: 2025 wurden weltweit mehr als 20 Millionen E-Autos verkauft – ein Viertel aller Neuwagen. Für 2026 rechnet die Behörde mit 23 Millionen.

Expertenrat warnt: Deutschland verfehlt Klimaziele wohl deutlich

Expertenrat warnt: Deutschland verfehlt Klimaziele wohl deutlich

Daniel Krenzer  —  

Der Expertenrat für Klimafragen warnt: Deutschland dürfte seine Klimaziele verfehlen. Dies setzt die fossilfreundliche Politik der Bundesregierung unter Druck.

Umfrage: Steigen nun Millionen von Verbrennerfahrern auf E-Autos um?

Umfrage: Steigen nun Millionen von Verbrennerfahrern auf E-Autos um?

Michael Neißendorfer  —  

Rund 15 Prozent der Benziner- und Diesel-Fahrer wollen wegen der Iran-Krise auf ein E-Auto umsteigen. Hochgerechnet wären das gut 6,6 Millionen Stromer.

T&E: Deutsche Vorschläge zu CO2-Grenzwerten könnten Milliarden kosten

T&E: Deutsche Vorschläge zu CO2-Grenzwerten könnten Milliarden kosten

Tobias Stahl  —  

T&E warnt vor einer weiteren Aufweichung der CO2-Flottengrenzwerte. Die Vorschläge der Bundesregierung würden Milliarden kosten und Arbeitsplätze gefährden.

Prognose bis 2030: Starker Einbruch der Pkw-Produktion in Westeuropa

Prognose bis 2030: Starker Einbruch der Pkw-Produktion in Westeuropa

Daniel Krenzer  —  

Deutschland und Großbritannien sind extrem stark betroffen. Ein Gewinner ist Spanien – das zuletzt Milliarden in die E-Mobilität investiert hat.

Umfrage: E-Auto holt Benziner im Firmenfuhrpark ein

Umfrage: E-Auto holt Benziner im Firmenfuhrpark ein

Sebastian Henßler  —  

Elektroautos liegen bei Firmenwagen-Präferenzen gleichauf mit Benzinern – das zeigt eine Umfrage unter rund 1000 Berufstätigen in Deutschland.