Elektrifizierung oder Wasserstoff? Über die unterschiedlichen Rollen in der europäischen Energiewende

Elektrifizierung oder Wasserstoff? Über die unterschiedlichen Rollen in der europäischen Energiewende
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Michael Neißendorfer
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Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität in der Europäischen Union ist der rasche Umstieg von fossilen Brennstoffen auf elektrische Technologien, die mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden. Gleichzeitig wird aus Strom erzeugter Wasserstoff in schwer zu elektrifizierenden Bereichen wie der Luftfahrt, der Schifffahrt und der Chemie unverzichtbar sein. Bis 2050 sind Elektrifizierung und Wasserstoff die Schlüsselstrategien, um Klimaneutralität zu erreichen, darin sind sich Politik, Industrie und Forschung weitestgehend einig.

Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben nun die unterschiedlichen Rollen von Elektrifizierung und Wasserstoff in modellierten Szenarien für die künftige EU-Transformation genauer untersucht. Ihre Studie zeigt: Bis 2050 sei ein Anteil von 42 bis 60 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs aus Strom und 9 bis 26 Prozent aus wasserstoffbasierter Energie erforderlich.

„Frühere Forschungsarbeiten haben bereits gezeigt, dass unser Energiesystem kostengünstig und umweltschonend auf erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne umgestellt werden kann. Die Frage ist, wie dieser erneuerbare Strom genutzt werden kann, um die Nutzung fossiler Brennstoffe in Gebäuden, im Industrie- und im Verkehrssektor zu ersetzen“, sagt Leitautor Felix Schreyer. Die Analyse zeige, „dass die direkte Nutzung von Strom, zum Beispiel durch Elektroautos und Wärmepumpen, für viele Sektoren ganz entscheidend ist, während die Umwandlung von Strom in Wasserstoff nur für wenige Anwendungen wichtig ist“.

Erstmals buchstabiert die zuerst in der Zeitschrift One Earth veröffentlichte Studie das Zusammenspiel von Elektrifizierung und Wasserstoff in EU-Klimaneutralitätsszenarien in den einzelnen Sektoren detailliert aus. Mit Hilfe des Energie-Ökonomie-Modells REMIND untersuchten die PIK-Forschenden plausible Kombinationen beider Strategien in den Transformationspfaden des EU-Energiesystems in verschiedenen Szenarien. Die Analyse zeigt höhere Potenziale für die Elektrifizierung und beschreibt einen begrenzteren Einsatzbereich für wasserstoffbasierte Energie als frühere Studien.

Über alle Szenarien hinweg sei die direkte Nutzung von Strom die dominierende Strategie – etwa für Autos oder beim Heizen von Gebäuden sowie in der Industrie. Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe aus Strom werden demnach vor allem für die Luftfahrt, die Schifffahrt, die chemische Industrie sowie als Zwischenspeicher-Medium für die Erzeugung von Strom benötigt, etwa für Dunkelflauten während der Wintermonate. Elektrifizierung und Wasserstoff ergänzen sich im Gesamtenergiemix somit weitgehend, während sie um einen geringen Anteil von etwa 15 Prozent der Endenergie konkurrieren. Das betreffe vor allem Sektoren wie den Lkw-Verkehr und die industrielle Hochtemperatur-Prozesswärme.

Drei Eckpfeiler für eine erfolgreiche Transformation: Ausbau vorantreiben, Hindernisse abbauen, Anreize setzen

„Der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und die Umstellung auf elektrische Technologien, wo immer dies möglich ist, ist bei weitem der schnellste und billigste Weg, um die Kohlenstoffemissionen in den meisten Sektoren zu senken. Wir gehen daher davon aus, dass der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch von 20 Prozent auf 42 bis 60 Prozent bis 2050 steigen muss, um Klimaneutralität in der EU zu erreichen„, sagt Studienautor Gunnar Luderer, Leiter der Gruppe Energiesysteme am PIK.

Die Ursache hierfür sei, dass elektrische Technologien zunehmend verfügbar sind und Strom sehr effizient nutzen, während die Umwandlung in Wasserstoff und synthetische Brennstoffe und deren Verbrennung mit erheblichen Energieverlusten verbunden seien. Insgesamt steige die Stromnachfrage in der EU in den Szenarien bis 2050 um 80 bis 160 Prozent, je nach Umfang der Wasserstoffimporte und der Rolle der Elektrifizierung und des Wasserstoffs in unsicheren Sektoren. Bis dahin müsste somit etwa doppelt so viel Strom erzeugt werden wie heute.

Die Forschenden diskutieren auch den aktuellen Stand der EU-Politik in Bezug auf Elektrifizierung und Wasserstoff und skizzieren drei kritische Eckpfeiler für eine erfolgreiche Transformation: Die Politik sollte 1) der Elektrifizierung bzw. dem Wasserstoff in den Sektoren Vorrang einräumen, in denen sie in allen Szenarien bevorzugt werden, 2) Hindernisse für den Ausbau der erneuerbaren Energien beseitigen und 3) Anreize für den Ausbau von Wasserstoffversorgungsketten schaffen, wie es erst vor Kurzem Deutschland und Algerien auf den Weg gebracht haben.

„Unsere Studie unterstreicht, dass politische Entscheidungsträger die unterschiedlichen sektoralen Rollen beider Strategien berücksichtigen sollten, indem sie die Elektrifizierung durch elektrische Anwendungen für den Straßenverkehr und das Heizen fördern. Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe sollten hingegen für Anwendungen priorisiert werden, in denen sie unverzichtbar sind“, sagt Studienautor Falko Ueckerdt abschließend.

Quelle: Potsdam-Institut für Klimaforschung – Pressemitteilung vom 16.02.2024

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Michael Neißendorfer

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Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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