Beim Branchenevent Automotive Masterminds 2026 in Berlin hat Dr. Joachim Kahmann, Senior Vice President Purchasing EE & Modules bei Stellantis, einen Vortrag zur Frage gehalten, was es braucht, damit Elektromobilität in Europa wirklich Fuß fasst. Bereits im Vorjahr hatte Kahmann auf demselben Event für Aufmerksamkeit gesorgt – damals mit einer unmissverständlichen Diagnose: Was traditionelle Automobilhersteller groß gemacht hat, reiche für die Zukunft nicht mehr aus. 2026 knüpfte er daran an und lieferte die strategische Einordnung, was daraus folgt.
Kahmanns Ausgangspunkt war eine These, die er entschieden ablehnt: die Vorstellung, ein Elektroauto sei automatisch erfolgreich, sobald es zum Preis eines Verbrenners angeboten werden kann. „Das ist zu simpel“, sagte er. Der Wechsel zu einem E-Auto verändere Fahrgewohnheiten, erfordere neue Überlegungen zu Laden, Reichweite und Alltagsnutzung. Kurz: Es handelt sich um Innovation – und Innovation folgt einem bekannten Muster.
Kahmann verwies auf den Innovationsadoptionszyklus nach Rogers. In China liegt der Elektro-Anteil bei Neuwagen inzwischen bei annähernd 38 Prozent – die frühe Mehrheit ist dort längst erreicht, der Markt nähert sich der späten Mehrheit. In den USA sind es gerade einmal acht Prozent. Europa steht bei 17,4 Prozent im Jahr 2025 – genau an der Schwelle zwischen frühen Anwendern und früher Mehrheit. „Aus Kundenperspektive ist das aufregend. Aus Sicht eines Automobilherstellers ist das alarmierend“, so Kahmann.
Wer jetzt zögert, verliert Marktanteile
Der Grund für die Alarmstimmung liegt in der Dynamik dieser Phase: Hier werden Marktanteile neu verteilt. Neue Anbieter drängen herein, Markentreue spielt kaum noch eine Rolle – wer in dieser Gruppe nach einem E-Auto sucht, kauft dort, wo das beste Angebot liegt. Ein Blick nach China zeige, was Europa in den nächsten Jahren bevorstehe. „Schaut euch an, was in China in den letzten fünf Jahren passiert ist – das ist, was uns in Europa bevorsteht.“
Dennoch betonte Kahmann, dass Stellantis als traditioneller Automobilhersteller alle drei Kundengruppen gleichzeitig bedienen müsse: die frühe Mehrheit, die auf ein besseres Elektroauto wartet; die späte Mehrheit, die noch nicht so weit ist und gut mit Hybrid- oder Mildhybridlösungen bedient werde – Stichwort Fiat 500 HEV; sowie die Nachzügler, die schlicht keine Elektrifizierung wollen.
Für diese Gruppe hat Stellantis in den USA den 5,7-Liter-V8-HEMI-Motor im Ram-Truck angekündigt. „Das Gegenteil von Elektrifizierung. Komplett.“ Die Verkaufszahlen seien entsprechend gut. Trotzdem machte er unmissverständlich klar: „Die Zukunft des Unternehmens wird mit der frühen Mehrheit entschieden.“
Architekturrevolution als Voraussetzung
Wie aber gelingt es, E-Autos zum tatsächlich besseren Fahrzeug zu machen – und das zu einem bezahlbaren Preis? Kahmann verwies auf drei Architekturrevolutionen, die dafür notwendig seien. Erstens: der elektrische Antriebsstrang, der von einzelnen Komponenten zu integrierten Systemen weiterentwickelt werden müsse – BYD mache das mit einem Zwölf-in-eins-System vor. Zweitens: die elektronische Fahrzeugarchitektur, deren Komplexität durch Zentralisierung der Recheneinheiten und Reduzierung der Steuergeräte deutlich sinken müsse. Drittens: die Trennung von Hardware und Software durch ein fahrzeugeigenes Betriebssystem, das Entwicklungsaufwand und Validierungszeit massiv reduziere.
Diese Maßnahmen schafften die wirtschaftliche Basis für das, was Kahmann als eigentlichen Gamechanger betrachtet: autonomes Fahren. Level-2-plus-Systeme mit urbaner Navigation – also adressbasiertes, freihandloses Fahren – erreichen in China bereits einen Anteil von 50 Prozent, nach nur einem Jahr. Kund:innen kauften Fahrzeuge explizit wegen dieser Funktion. „Die Art, wie wir das Auto nutzen, verändert sich dramatisch. Heute ist es persönliche Mobilität – es wird zu einem mobilen Privatraum.“
Sein Appell an die Branche fiel klar und direkt aus. Die Herausforderung für Stellantis sei zweigeteilt: einerseits das Bestandsgeschäft mit Kund:innen zu bedienen, die noch nicht wechselwillig seien, andererseits die notwendigen Revolutionen in Architektur und Software konsequent voranzutreiben – beides gleichzeitig, unter Zeitdruck. Die chinesischen Wettbewerber rückten mit hoher Geschwindigkeit nach. „Wir haben keine Zeit zum Nachdenken. Wir müssen uns als gesamte Industrie bewegen.“ Und dann, mit Blick in den Saal: „Alle Hände an Deck.“
Quelle: Automotive Masterminds 2026 – EV adoption in Europe: What it takes to be successful









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