PEM: Europas Batterie-Industrie vor dem „Tal der Tränen“

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PEM RWTH Aachen | projektelf | Professor Heiner Heimes, Mitglied der Leitung des Lehrstuhls „Production Engineering of E-Mobility Components“ (PEM) der RWTH Aachen

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 6 min

Professor Heiner Heimes gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Batterieforschung. Als Mitglied der Leitung des Lehrstuhls „Production Engineering of E-Mobility Components“ (PEM) an der RWTH Aachen befasst er sich seit Jahren mit den zentralen Fragen rund um Aufbau, Produktion und Zukunftsfähigkeit der europäischen Batterie-Industrie.

Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die wirtschaftlichen und technologischen Voraussetzungen, die für eine eigenständige Zellproduktion in Europa nötig sind – von den hohen Investitions- und Betriebskosten über den Erfahrungsvorsprung asiatischer Wettbewerber bis hin zur Bedeutung politischer Förderprogramme.

Im Gespräch mit Elektroauto-News-Herausgeber Sebastian Henßler analysiert Heimes die Ursachen der jüngsten Insolvenzen in der Branche, erklärt, warum die Zellproduktion zum Schlüsselfaktor wird, und zeigt auf, welche Rolle Recycling, Fachkräfte und internationale Kooperationen bis 2030 spielen können.

Sebastian Henßler, Elektroauto-News: Welche zentralen Ursachen sehen Sie für die aktuellen Insolvenzen und wirtschaftlichen Probleme in der Batterie- und Anlagenbau-Industrie in Europa?

Professor Heiner Heimes: Die Unternehmen haben es mit fünf essenziellen Herausforderungen zu tun. Dazu zählen die starken Wettbewerber aus Asien und deren Erfahrungsvorsprung genauso wie die Tatsache, dass das Know-how der eigenen Belegschaft erst einmal etabliert werden muss. Hinzu kommen die prinzipiell hohen Investitionskosten, die mit dem Aufbau einer Batteriezellen-Produktion verbunden sind. Was außerdem häufig unterschätzt wird, sind die sehr hohen operativen Kosten, die sich ab dem Moment des Produktionsstarts aufgrund von vorläufig hohen Ausschussraten ergeben. Durch solch ein „Tal der Tränen“ zu gehen, gehört zur normalen Lernkurve, wurde aber nicht im ausreichenden Maße einkalkuliert.

Welche Rolle spielen politische Rahmenbedingungen – etwa Förderprogramme, Industriepolitik oder Regulierung – bei dieser Entwicklung?

Politische Förderprogramme und andere Rahmenbedingungen sind unverzichtbar. Das gilt übrigens nicht allein für die Unternehmen in Europa, sondern genauso für die Konkurrenz in Asien: Die dortigen großen Hersteller erfahren allesamt eine massive Unterstützung durch den Staat. Wenn wir uns vom asiatischen Markt emanzipieren möchten, brauchen wir eine ähnlich starke Förderung der Batterie-Branche, ein klares Bekenntnis – und kein ständiges Infragestellen der Politiker selbst, ob dabei Steuergelder verschwendet werden. Es muss in Deutschland und Europa endlich geklärt werden, ob wir eine Unabhängigkeit von Asien erreichen möchten. Wenn ja, dann bitte klotzen! Mit Halbherzigkeit kommen wir nirgendwo hin. Die Mehrkosten heimischer Batteriezellen sind der Gegenwert unserer Unabhängigkeit.

Wo liegen die größten Schwächen Europas im internationalen Vergleich, und welche Teile der Wertschöpfungskette sind besonders kritisch?

Die größte Schwäche liegt im geringeren Erfahrungsschatz zu den Wettbewerbern aus Asien. Es dauert schlichtweg seine Zeit, diesen Rückstand kleiner werden zu lassen und eigene Kompetenzen aufzubauen. Leider haben einige Akteure in Europa verkannt, dass sie nicht mit dem Start der Produktion sofort die ersten großen Gewinne einfahren.

Der kritischste Bereich ist dabei die Zellproduktion, denn dort findet die eigentliche Wertschöpfung statt. Die Zelle bestimmt die Kosten der gesamten Batterie und die zentralen Leistungseigenschaften: Gewicht, Größe, Reichweite, Kapazität – alles das wird durch die Zelle festgelegt. Deshalb ist es für Deutschland und Europa so wichtig, über eine eigene Zellproduktion zu verfügen.

Ist das europäische Ziel, einen Großteil der Batteriezellproduktion bis 2030 aufzubauen, unter diesen Umständen realistisch?

In den vergangenen fünf Jahren sind immer mehr Unternehmen das Wagnis eingegangen, in die Batteriezellen-Produktion zu investieren. Das ist ein äußerst positiver Schritt. In der aktuellen Lage sollte es weniger darum gehen, bis 2030 tatsächlich einen Großteil der Zellen selbst zu produzieren und unseren eigenen Bedarf zu decken. Das ist inzwischen unrealistisch. Es wäre aber schon ein großer Erfolg, zum Ende des Jahrzehnts die Importquote auf 80 bis 90 Prozent reduziert zu haben und dementsprechend zehn bis 20 Prozent selbst herzustellen. Das würde schon ein deutliches Signal in Richtung Asien senden – nach dem Motto „Werdet Ihr zu teuer, haben wir die Basis für unsere eigene Produktion“. Umgekehrt gilt: Sind wir 2030 nicht in der Lage, eigene Zellen herzustellen, erkennen die Wettbewerber aus Asien, dass sie die Preise anheben können, da wir gar keine andere Wahl haben, als uns von ihnen beliefern zu lassen.

Welche strategischen Ansätze halten Sie für erfolgversprechender: großskalige Projekte oder spezialisierte, fokussierte Lösungen?

Beides hat seine Berechtigung. Wir brauchen Unternehmen, die im großen Stil Batteriezellen produzieren können, denn ansonsten werden wir mit Blick auf die Kosten nicht wettbewerbsfähig sein. Es wird aber sicherlich auch Nischen geben, in denen spezielle Batterien benötigt werden – beispielsweise in der Luft- und Raumfahrt. Wenn wir dann Spezialisten haben, die solche besonderen Nachfragen jenseits des Massenmarkts bedienen können, ist das auch erfolgversprechend.

Welche Auswirkungen haben gekürzte Fördermittel und Budgets auf Forschung, Entwicklung und die Ausbildung von Fachkräften?

Die Auswirkungen sind gravierend. Aktuell sind wir in der glücklichen Situation, dass die Batterieforschung wieder eine Rückendeckung aus der Politik erfährt – obgleich das staatliche Fördervolumen leider nicht ausreicht, um mit Asien auf Augenhöhe zu sein. Man muss sich klarmachen: Fördergelder sind ja nicht bloß eine punktuelle Investition in ein bestimmtes Forschungsprojekt, die mit dem Ende des Vorhabens verpufft ist, sondern jedes einzelne dieser Projekte qualifiziert junge Menschen in der Wissenschaft, bietet studentischen Hilfskräften die Möglichkeit für Abschlussarbeiten und steigert insgesamt unser akademisches Know-how. Wer an Forschungsgeldern spart, der spart automatisch an der Ausbildung künftiger Ingenieurskräfte und erzeugt dadurch kurz- bis mittelfristig einen Fachkräftemangel in der heimischen Batterie-Industrie.

Wie können Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Industrie besser kooperieren, um Innovation zu sichern und Fachkräfte für die Praxis auszubilden?

Es gibt bereits mehrere Förderprogramme, die bewusst auf Kooperationen von Universitäten, Fachhochschulen und Unternehmen abzielen. Diese Initiativen müssen politisch noch mehr Unterstützung erfahren, weil solche Programme absichern, dass die Ausbildung von Fachkräften nicht allein mit theoretischem Bezug an Hochschulen stattfindet, sondern immer auch die industrielle Praxis und die akuten Problemstellungen der Unternehmen eine zentrale Rolle spielen.

Welche Bedeutung haben Recycling und Second-Life-Konzepte künftig für die europäische Batterie-Industrie, und wie muss sich die Produktion darauf einstellen?

Ohne Recycling und Konzepte der Wieder- und Weiterverwendung wird es überhaupt nicht gehen. Zum einen müssen wir unserem ökologischen Nachhaltigkeitsanspruch gerecht werden, der sich auch in der neuen EU-Batterieverordnung niederschlägt, zum anderen müssen wir uns bei den Rohstoffen unabhängig machen. Es hilft uns ja nicht sonderlich weiter, wenn wir Batteriezellen mittelfristig selbst produzieren können, die benötigten Materialien aber zu 100 Prozent importieren müssen. Eine gute Recycling-Industrie kann in Zukunft unser Problem auffangen, dass wir in Deutschland und Europa die kritischen Rohstoffe nicht aus dem eigenen Boden gewinnen können.

Wenn Sie ein Szenario für 2030 entwerfen: Unter welchen Bedingungen kann Europa eine tragfähige, eigenständige Batterie-Industrie aufbauen – und was passiert, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden?

Es steht und fällt am Ende alles mit der Zellproduktion – und deshalb muss sie von politischer Seite jetzt maximal unterstützt werden. Wenn es uns nicht gelingt, Batteriezellen selbst zu produzieren, steht in diesem entscheidenden Bereich auch unser Industrie- und Anlagenbau unter Druck. Wenn wir keine eigenen Batteriezellen herstellen, wird sich auch die heimische Recycling-Branche schwertun. Wenn wir nicht über deutsche und europäische Zellproduktionen verfügen, wer soll dann hier zu welchem Zweck all‘ die inaktiven Batteriematerialien herstellen? Welchen Sinn ergäben dann noch die vorhandenen und geplanten Testing-Kapazitäten für Batteriezellen? Wir müssen bis 2030 nicht führend sein – das ist in dieser kurzen Zeit auch gar nicht möglich. Aber wir müssen existieren und mitmischen können. Wenn uns das nicht gelingt, kann das dramatische Konsequenzen haben.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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