Nio in Deutschland tief in den roten Zahlen

Nio in Deutschland tief in den roten Zahlen
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Sebastian Henßler
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Die wirtschaftliche Lage von Nio in Deutschland lässt sich inzwischen klar beziffern. Mit der Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2023 der Nio Deutschland GmbH liegen erstmals detaillierte Finanzkennzahlen vor, wie das Manager Magazin (MM) berichtet. Festgestellt wurde der Abschluss am 16. Januar 2026 und damit deutlich später als gesetzlich vorgesehen. Für ein mittelgroßes Unternehmen wäre die Offenlegung spätestens Ende 2024 fällig gewesen. „Ein solcher Verzug wirkt alles andere als vertrauenserweckend“, so Carola Rinker, Sprecherin der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger gegenüber dem MM.

Die Zahlen selbst zeigen eine deutliche Schieflage. Bei einem Rohergebnis von knapp 9,4 Millionen Euro verzeichnete die Gesellschaft 2023 einen Jahresfehlbetrag von gut 58 Millionen Euro. Das negative Eigenkapital erhöhte sich innerhalb eines Jahres von rund 22,3 auf knapp 80,4 Millionen Euro. Die Verbindlichkeiten summierten sich auf mehr als 210 Millionen Euro.

Parallel verschlechterte sich die Marktentwicklung. 2023 brachte Nio in Deutschland 1263 Autos neu auf die Straße. Zwei Jahre später waren es nur noch 325. Im Januar 2026 registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt lediglich eine Neuzulassung der Marke. Für 2024 und 2025 nennt die Vertriebsgesellschaft noch keine vollständigen Zahlen, warnt jedoch im Geschäftsbericht vor einem „kräftigen Rückgang des Umsatzes“. Auch der Jahresfehlbetrag dürfte den Vorjahreswert übersteigen.

Während Wettbewerber aus China wie MG, BYD, Leapmotor oder XPeng ihre Zulassungen steigerten, verlor Nio weiter Marktanteile. Das Unternehmen war 2021 mit hohen Erwartungen nach Deutschland gestartet. Damals lag die Börsenbewertung zeitweise bei nahezu 100 Milliarden Dollar (ca. 85 Mrd. Euro), aktuell beträgt sie rund 12 Milliarden Dollar (ca. 10,2 Mrd. Euro).

Teure Innenstadtlagen und eigenes Batteriewechselsystem

Ein zentraler Bestandteil der Strategie waren eigene Markenhäuser in Innenstadtlagen. In Berlin betreibt Nio auf rund 2200 Quadratmetern am Kurfürstendamm ein sogenanntes Nio House. In Frankfurt nutzt das Unternehmen etwa 1600 Quadratmeter nahe der Zeil. Weitere Standorte befinden sich in Düsseldorf und Hamburg in unmittelbarer Nähe zu zentralen Einkaufsstraßen. Hinzu kommt der Aufbau eigener Batteriewechselstationen.

Nach Einschätzung früherer Beteiligter erweist sich dieses Konzept als kostenintensiv. „Es gibt keine Idee, was man noch machen soll. Man steckt komplett in der Sackgasse“, sagte ein Manager, der die Expansion begleitet hat. Eine ehemalige Führungskraft äußerte sich ähnlich deutlich: „Die verbrennen viele Millionen.“

Langfristige Mietverträge erschweren einen kurzfristigen Rückzug aus den prominenten Lagen. Im Geschäftsbericht nennt Nio Abschreibungszeiträume für Mieterausbauten von vier bis zehn Jahren. Mehrere Insider berichten zudem von umfangreichen Sicherheiten gegenüber Vermietern. Ein Ausstieg aus bestehenden Verträgen gilt daher als kompliziert.

Patronatserklärung und Millionenhilfen sichern Liquidität

Trotz der operativen Verluste ist die Zahlungsfähigkeit gesichert. Die europäische Dachgesellschaft Nio Nextev Europe Holding B.V. mit Sitz in Amsterdam verpflichtete sich am 10. August 2023 per Patronatserklärung, die deutsche Tochter so auszustatten, dass sie ihren Verpflichtungen gegenüber Dritten jederzeit nachkommen kann. Bereits 2022 erhielt die Gesellschaft ein Darlehen über 190,2 Millionen Euro. Zum 10. April 2024 waren davon noch 165 Millionen Euro offen. Später verzichtete die Gesellschafterin auf 66 Millionen Euro der Forderungen.

Zusätzlich zahlte die Europazentrale am 12. Dezember 2025 eine Kapitalrücklage von 160 Millionen Euro ein. Laut Geschäftsbericht wird dadurch der „nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag“ im Jahr 2025 beseitigt. Die gesetzlichen Vertreter kommen zu dem Schluss, dass die Gesamtrisikosituation der Gesellschaft insgesamt gering sei.

Gleichzeitig bleibt die strategische Ausrichtung offen. In anderen europäischen Märkten arbeitet Nio mit freien Importeuren und Händlern zusammen. In Deutschland ist eine vergleichbare Lösung bislang nicht umgesetzt. Die angekündigte Submarke Firefly, die für 2025 vorgesehen war, ist bislang nicht sichtbar.

Quelle: Manager Magazin – „In der Sackgasse“ – Nios Horrorbilanz in Deutschland

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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