In einem internen Schreiben an die Belegschaft zeichnet William Li, Gründer und CEO von Nio, ein nüchternes Bild der Lage im Markt für Elektroautos. Der Wettbewerb habe die Phase erreicht, in der nur noch wenige Anbieter bestehen können, schreibt Li. Technologische Weiterentwicklungen folgten in immer kürzeren Zyklen, während der Druck auf Preise, Kosten und Marktanteile weiter zunehme. Gerade unter diesen Bedingungen, so seine zentrale Botschaft, sei strategische Disziplin entscheidend: Weder Übermut noch Selbsttäuschung dürften den Kurs bestimmen, sondern konsequente Umsetzung.
Diese Zuversicht leitet Li aus den vergangenen elf Jahren ab. Nio habe kontinuierlich in eigene Technologien und in den Aufbau eines Netzes für Batteriewechsel investiert. Der Markt bestätige zunehmend, dass dieser Ansatz mit den langfristigen Trends übereinstimme. Als Beleg führt er die Entwicklung des chinesischen Neuwagenmarktes an. In den ersten elf Monaten des Jahres 2025 entfielen demnach 61,9 Prozent des sogenannten New-Energy-Segments auf reine Elektroautos, deren Wachstum deutlich stärker ausfiel als bei Hybriden und Plug-in-Hybriden.
Elektroautos gewinnen mit Technik und Ladeinfrastruktur an Gewicht
Mit fortschreitender Technik und besserer Infrastruktur, so Li weiter, würden sich die Nutzungsvorteile vollelektrischer Modelle weiter verstärken. Besonders in größeren Auto-Segmenten wie großen SUVs beschleunige die nachlassende Akzeptanz umständlicher Ladevorgänge den Übergang zur reinen Elektromobilität. Für das Jahr 2030 erwartet der Konzernchef, dass mehr als 90 Prozent der Neuwagen in China dem New-Energy-Bereich zuzuordnen sind, wobei Elektroautos über 80 Prozent dieses Marktes stellen sollen. In diesem Umfeld rechnet er damit, dass Nios über Jahre aufgebaute Kompetenzen bei Lade- und Wechselinfrastruktur stärker wahrgenommen werden.
Rückblickend beschreibt Li das Jahr 2025 als Wendepunkt. Das Unternehmen habe sich schrittweise aus einer Schwächephase gelöst und sei in eine dritte Entwicklungsstufe eingetreten, die einen neuen Wachstumszyklus eröffne. Gleichzeitig warnt er vor Selbstzufriedenheit. Für 2026 kündigt er an, Belastbarkeit zu bewahren, Grundlagen zu festigen und zugleich in die Zukunft zu investieren. Geplant sind weitere Ausgaben für zwölf zentrale Technologiebereiche entlang der gesamten Wertschöpfung, um die Führungsrolle bei Produkten und Software zu sichern.
Konkret stellt Li für das kommende Jahr drei neue Modelle in Aussicht, mit denen Nio seine Position im Premiumsegment größerer Autos ausbauen will. Parallel dazu sollen Fortschritte bei softwaregetriebenen Systemen sichtbar werden. Das sogenannte Nio World Model habe neue Durchbrüche bei Architektur und Training erzielt; mehrere Versionen sollen die Assistenzfunktionen im Alltag deutlich erweitern. Auch das sprach- und assistenzbasierte System NOMI stehe vor wichtigen Weiterentwicklungen, um das Nutzungserlebnis weiter zu differenzieren.
Ein weiterer Schwerpunkt bleibt die Energieinfrastruktur. Ab dem zweiten Quartal sollen Batteriewechselstationen der fünften Generation in größerem Umfang errichtet werden. Für das Gesamtjahr plant das Unternehmen mehr als 1000 neue Standorte, womit die Gesamtzahl bis zum Jahresende über 4600 steigen soll. Programme zur flächendeckenden Erschließung ländlicher Regionen und zusätzliche Ladeangebote entlang anspruchsvoller Routen sollen fortgeführt werden. Zugleich will Nio die kommerzielle Nutzung dieses Netzes ausbauen, um die Wirtschaftlichkeit des Batteriewechsels zu verbessern.
Nio über Vertrieb, Service und internationale Präsenz im Fokus
Auch Vertrieb und Service stehen im Fokus. Angesichts intensiver Konkurrenz sollen die Marken Nio, Onvo und Firefly gemeinsam ihre Präsenz ausweiten. Ziel ist eine Abdeckung von mehr als 210 chinesischen Städten auf Bezirksebene. International setzt das Unternehmen weiterhin auf einen schrittweisen Ausbau. Über nationale Vertriebspartner und mit Firefly als Vorreiter will Nio mittelfristig in rund 40 Ländern und Regionen vertreten sein.
Flankiert wird diese Wachstumsstrategie von internen Reformen. Li kündigt an, Prozesse stärker auf Nutzerwert und Effizienz auszurichten, Kostenkontrolle zu verschärfen und Investitionen konsequent am Ertrag auszurichten. „Jeder Yuan muss sinnvoll eingesetzt werden“, betont er und verweist auf Effizienzunterschiede von mehreren Faktoren innerhalb der Branche. Nur Anbieter mit führender operativer Leistungsfähigkeit hätten langfristig Bestand.
Quelle: Internes Schreiben an Nio-Belegschaft per Mail








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