Für Jörg Burzer ist die Mercedes-Benz S-Klasse mehr als nur ein Oberklassemodell. „Die S-Klasse ist für uns das wichtigste Modell, weil sie alles repräsentiert, was Mercedes ausmacht“, so der Mercedes-Entwicklungschef im Gespräch mit der Automobilwoche. Komfort, Sicherheit und Innovation müssten hier in ihrer jeweils aktuellsten Ausprägung zusammenkommen.
Entsprechend tiefgreifend fällt die Überarbeitung des Flaggschiffs aus. Rund 2700 Teile seien neu, „mehr als die Hälfte des Fahrzeugs“. Mercedes habe nicht nur einzelne Komponenten angepasst, sondern erstmals das eigene Betriebssystem MB.OS in die S-Klasse integriert und die Elektronik-Architektur komplett ausgetauscht. Das eröffne „viele neue Möglichkeiten wie zum Beispiel für das Nutzererlebnis oder das automatisierte Fahren“, so Burzer. Auch im Detail habe man nachgeschärft – vom beleuchteten Stern bis zur Verarbeitung der Zierleisten und Holzapplikationen.
Mercedes: Antriebe bleiben vielfältig – inklusive V12
Parallel zur Software-Architektur wurde das Motorenangebot überarbeitet. Mercedes bringt einen neu entwickelten V8, modernisierte Reihen-Sechszylinder als Benziner und Diesel sowie leistungsstärkere Plug-in-Hybride. Letztere schaffen laut Burzer „rund 100 Kilometer rein elektrisch“. Alle Aggregate seien elektrifiziert, was sie „noch sparsamer, aber auch agiler“ mache.
Selbst der Zwölfzylinder bleibt im Programm, wenn auch mit klarer regionaler Begrenzung. In Japan, Korea, China, den USA und im Mittleren Osten ist er weiterhin in der Topversion der Mercedes-Maybach S-Klasse sowie in der gepanzerten Limousine erhältlich. Dass die S-Klasse heute Innovationen nicht mehr exklusiv vorwegnimmt, ordnet Burzer als strukturelle Veränderung ein. „Die Welt hat sich geändert. Früher konnte man sechs oder sieben Jahre warten mit einer Innovation – eben bis die S-Klasse kam.“ Heute seien die Innovationszyklen deutlich kürzer. Technologien würden nicht mehr ausschließlich von oben nach unten durchgereicht.
Gerade deshalb habe man beim Facelift bewusst keinen Schnellschuss gewagt. „Wir wollten eben nicht nur kosmetische Korrekturen machen, sondern die nächste Innovationsstufe zünden.“ Mehr als 50 Prozent der Teile seien erneuert worden. „So etwas gab es noch nie und darauf sind wir stolz.“ Ein zentrales Element ist das neue Assistenzsystem „Level 2++“. Gleichzeitig schafft Mercedes die technische Grundlage für hochautomatisiertes Fahren auf Stufe vier. „Wir bieten die Basis für die Stufe vier des automatisierten Fahrens, die zum Betrieb eines Robotaxis benötigt wird“, sagt Burzer.
Auffällig ist, dass der bisherige Drive Pilot auf Level 3 aus dem aktuellen Angebot verschwindet. Burzer relativiert: „Wir sind auf den immer noch stolz.“ Man habe Pionierarbeit geleistet und das System in der Vorgängergeneration so ausgelegt, dass es auf der Autobahn bis 95 km/h folgen konnte. Doch wenn man „einen Schritt weiter gehen“ wolle, müsse das Anwendungsspektrum breiter werden.
Parallel arbeitet das Unternehmen an einer erweiterten Drive-Pilot-Version mit Geschwindigkeiten bis 130 km/h unter verschiedenen Licht- und Wetterbedingungen. Darüber hinaus bereitet sich Mercedes auf Level 4 vor und baut ein Robotaxi-Ökosystem auf. Kooperationen mit Mobilitätsanbietern wie Uber oder Lumo sind vorgesehen. „Wir haben nicht vor, selbst in das Geschäft einzusteigen“, betont Burzer.
S-Klasse: Elektrisch und Verbrenner werden parallel gedacht
Die nächste vollständige Generation der S-Klasse ist „zum Ende des Jahrzehnts“ geplant. Dann sollen beide Antriebsarten parallel angeboten werden. Aus dem Mercedes-Benz EQS habe man „überaus viel gelernt“. Wie eine mögliche Annäherung beider Modelllinien konkret aussieht, lässt der Mercedes-CTO offen. Klar ist nur: Künftig soll es ein Antriebsportfolio geben, das Elektromobilität ebenso wie elektrifizierte Verbrenner umfasst.
Mit seinem Amtsantritt als Entwicklungschef setzt Burzer neben Kostendisziplin vor allem auf technologische Weiterentwicklung. „Kosten spielen immer eine Rolle. Aber mindestens genauso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – ist das Thema Innovation.“
Ein Schwerpunkt liegt auf Software und Künstlicher Intelligenz. Anwendungen aus der Cloud und dem digitalen Alltag sollen nahtlos ins Auto integriert werden. MB.OS will Mercedes weiterhin selbst entwickeln. „Das eigene Betriebssystem ist extrem wichtig für unsere Marke“, sagt Burzer. Kooperationen mit Nvidia oder Momenta seien ebenso möglich wie die Einbindung von KI-Lösungen wie ChatGPT oder Google Gemini.
Neben der Oberklasse arbeitet Mercedes an einem zusätzlichen Einstiegsmodell auf Basis der MMA-Plattform. Statt der ursprünglich geplanten vier sollen künftig fünf Modelle entstehen. Das neue Fahrzeug richte sich stärker an jüngere Zielgruppen in Europa und soll „profitables Wachstumspotenzial“ eröffnen. Auch die elektrische Mercedes-Benz G-Klasse sieht Burzer strategisch bestätigt. Die Baureihe habe im vergangenen Jahr ihr bestes Absatzergebnis erzielt, die Elektrovariante habe „maßgeblich“ dazu beigetragen. Gleichzeitig räumt er ein, dass ein großes SUV Reichweitenkompromisse mit sich bringt. Ob die geplante kleinere G-Klasse zusätzlich einen Verbrenner erhält, beantwortet Burzer knapp: „Abwarten.“
Quelle: Automobilwoche.de – Mercedes-Entwicklungschef: Elektrische S-Klasse „zum Ende des Jahrzehnts“








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