Kaum ein Elektroauto wurde nach seiner Vorstellung so ausgiebig verspottet wie der Ferrari Luce. Zu brav, zu glatt, zu sehr Apple statt Maranello: Vor allem in sozialen Netzwerken, aber teils auch in der Fachpresse fiel das Urteil über den ersten reinen Stromer der Italiener vernichtend aus. Der geschätzte Kollege Alexander Bloch spekulierte über den Grappa-Konsum der Designer, „bis ihnen die Proportionen und Formen völlig entglitten sind“ – fand aber immerhin Lob für das Interieur. Am tatsächlichen Interesse änderte all die Kritik offenbar nichts, wie die Automobilwoche nun berichtet. Ferrari hat sein für 2026 vorgesehenes Kontingent von knapp 500 Fahrzeugen demnach offenbar rund zwei Monate nach der Präsentation vollständig vergeben.
Der Erfolg ist angesichts eines selbst für Ferrari üppigen Einstiegspreises von etwa 550.000 Euro bemerkenswert. Der fünfsitzige und viertürige Luce bricht bewusst mit klassischen Ferrari-Proportionen. Entwickelt wurde das Design unter anderem von den früheren Apple-Gestaltern Jony Ive und Marc Newson. Mit vier Elektromotoren, 772 kW Leistung und einer 122-kWh-Batterie bleibt das Fahrzeug technisch allerdings eindeutig in Ferraris anspruchsvoller Leistungswelt verankert.
Schon kurz nach der von vielen laut belachten Präsentation füllten sich die Auftragsbücher gut. Nun zeigt sich, dass die Polarisierung dem Absatz wohl nicht geschadet hat. Besonders stark soll die Nachfrage aus China sein, doch auch technikaffine Käufer aus dem Silicon Valley gelten als wichtige Zielgruppe. Ferrari-Chef Benedetto Vigna spricht von einem weltweit ausgewogenen Interesse sowohl bestehender als auch neuer Kunden. Dass der Kauf eines Luce auf einen besseren Warteplatz für Verbrennermodelle einzahlt, wies Ferrari indes zurück.
Parallelen zu Jaguar
Knapp 500 Fahrzeuge sind freilich kein Massenmarkt, sondern eine für Ferrari bewusst begrenzte Stückzahl. Gerade deshalb ist das Ergebnis aber aussagekräftig: Für ein extrem teures Elektroauto, das mit vielen Erwartungen an die Marke bricht, findet sich offenbar problemlos eine zahlungskräftige Kundschaft. Die häufig wiederholte Behauptung, ein elektrischer Ferrari interessiere grundsätzlich niemanden, ist damit schwer aufrechtzuerhalten.
Die Entwicklung erinnert an Jaguar. Auch die britische Marke wurde für ihren radikalen Neustart und das polarisierende Design des Type 00 teils harsch kritisiert. Jaguar nimmt dabei sogar in Kauf, einen großen Teil seiner bisherigen Kundschaft nicht in die neue Ära mitzunehmen. Entscheidend ist jedoch, ob im Gegenzug neue Käufer gewonnen werden, die Jaguar zuvor kaum wahrgenommen haben.
Ferrari geht weniger radikal vor, verfolgt beim Luce aber ein ähnliches Prinzip: Nicht jeder Stammkunde muss das Auto mögen. Solange genügend bestehende Kunden offen für den Elektroantrieb sind und zugleich neue Zielgruppen hinzukommen, kann auch ein kontroverses Modell wirtschaftlich funktionieren. Der Luce zeigt damit früh, dass lauter Spott in sozialen Medien nicht zwangsläufig etwas über die tatsächliche Nachfrage verrät. Vielleicht hat es sogar den ein oder anderen extravaganten Käufer dazu bewogen, den Luce erst recht zu kaufen.
Quelle: Automobilwoche – Ferrari Luce: elektrisch, kontrovers und begehrt







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