Die Europäische Union wollte mit dem sogenannten „Battery Booster“ ein industriepolitisches Signal setzen. 1,5 Milliarden Euro in Form zinsloser Kredite sollten den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Batteriezellproduktion unterstützen. Adressiert sind Unternehmen, die sich in der kritischen Phase zwischen Pilotfertigung und industrieller Massenproduktion befinden. Nach dem Rückzug mehrerer Projekte ist die Zahl potenzieller Empfänger jedoch überschaubar. In Europa kommen derzeit im Wesentlichen die Volkswagen-Tochter PowerCo, das Gemeinschaftsunternehmen ACC von Stellantis, Mercedes und Total sowie der französische Hersteller Verkor infrage.
Die EU-Kommission begründet das Vorhaben mit dem Ziel technologischer Souveränität. In ihrem Strategiepapier heißt es, die Sicherung dieser Souveränität in einem Sektor, der die Elektrifizierung trage, sei „nicht optional, sondern unerlässlich“. Die erste Tranche der Förderung sollte ausgewählte Unternehmen in diesem Jahr erreichen. Nach Berichten aus Brüssel ist bislang jedoch kein Geld geflossen. Als Grund gelten unter anderem Abstimmungsfragen zwischen dem Ressort von Industriekommissar Stéphane Séjourné, das die Initiative vorantreibt, und dem für den Innovationsfonds zuständigen Team von Klimakommissar Wopke Hoekstra, aus dessen Budget die Kredite finanziert werden sollen.
Operative Realität in den Fabriken
Während politische Details geklärt werden, kämpfen die verbliebenen Zellhersteller mit operativen Herausforderungen. ACC hat geplante Werke in Kaiserslautern und im italienischen Termoli gestoppt und konzentriert sich zunächst auf den Standort Douvrin in Frankreich. PowerCo produziert seit Ende 2025 erste Zellen in Salzgitter, der Hochlauf verläuft schrittweise. Eine zweite Fertigungshalle dort ist vorerst ausgesetzt, am Start der spanischen Fabrik im kommenden Herbst hält das Unternehmen fest. Der Ausbau hängt maßgeblich von der Nachfrage nach Elektroautos ab, die zuletzt hinter Erwartungen zurückblieb, während Anbieter aus China ihre Kapazitäten weiter ausdehnten.
In der öffentlichen Debatte wird häufig der Zugang zu Lithium als entscheidender Engpass beschrieben. Daniel Jimenez Schuster, Managing Partner des Beratungsunternehmens iLiMarkets und seit mehr als zwei Jahrzehnten in der globalen Lithiumindustrie tätig, widerspricht dieser Verkürzung. Der strukturelle Engpass liege nicht im Rohstoff, sondern in der industriellen Basis. „Der zentrale Engpass liegt nicht beim Rohstoff selbst, sondern beim Know-how in der Zellfertigung und bei den Kosten der Zellproduktion“, sagt er. China habe sich über Jahre hinweg technologische Kompetenz, Skaleneffekte und Kostenvorteile erarbeitet, die inzwischen schwer aufzuholen seien.
Nach seiner Einschätzung folgt die vorgelagerte Wertschöpfung der Zellproduktion – nicht umgekehrt. Solange in Europa nur begrenzte Mengen an Batteriezellen hergestellt würden, entstehe auch kein signifikanter Bedarf an Kathodenmaterialien oder Lithiumchemikalien. 2025 seien rund 92 Prozent der weltweit produzierten Lithiumeinheiten nach China gegangen. Die verbleibenden Mengen entfielen überwiegend auf Japan und Südkorea, ebenfalls Standorte bedeutender Zellfertigung. Diese Verteilung unterstreiche, wo die industrielle Wertschöpfung derzeit stattfinde.
Technologiewahl und verlorene Zeit
Hinzu kommt eine technologische Entwicklung, die den Wettbewerb verschärft hat. Während europäische und nordamerikanische Hersteller lange auf NMC-Zellen mit Nickel, Mangan und Kobalt setzten, habe China früh auf Lithium-Eisenphosphat, kurz LFP, fokussiert. Diese Technologie biete geringere Energiedichte, sei jedoch kostengünstiger und habe durch kontinuierliche Weiterentwicklung an Leistungsfähigkeit gewonnen. Viele ursprünglich geplante NMC-Fabriken im Westen werden inzwischen auf LFP umgestellt. Aus Sicht von Jimenez Schuster gingen dadurch mehrere Jahre verloren.
Vor diesem Hintergrund sieht er Kooperationen mit chinesischen Unternehmen als realistischen Weg, um industrielle Kapazitäten in Europa aufzubauen. „Solange die Zellproduktion nicht in Europa stattfindet, gibt es keinen wirtschaftlich tragfähigen Grund, Lithium hier in großem Stil zu fördern“, betont er. Eine rein rohstofforientierte Strategie führe nicht zu industrieller Souveränität, wenn die Weiterverarbeitung andernorts erfolge.
Langfristig könnten neue Batteriegenerationen, etwa Feststoff- oder Lithium-Schwefel-Systeme, technologische Verschiebungen ermöglichen. Ein Zeithorizont von sechs bis acht Jahren gilt als realistisch. Bis dahin entscheidet jedoch die Fähigkeit, bestehende Technologien effizient zu skalieren. Der „Battery Booster“ soll hierfür einen finanziellen Impuls geben. Ob und wann die angekündigten Mittel tatsächlich fließen, wird maßgeblich darüber mitentscheiden, wie ernst es Europa mit dem Aufbau einer eigenen Zellindustrie ist.
Quelle: Automobilwoche – Batterie Booster: Warum die Hersteller auf die EU-Milliarden warten








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