Europa spricht viel über Rohstoffe, Förderprogramme und strategische Autarkie. Doch nach Einschätzung von Daniel Jimenez Schuster, Managing Partner und Mitgründer von iLiMarkets, liegt das eigentliche Problem der europäischen Batterieindustrie an einer ganz anderen Stelle. Es ist kein Mangel an Lithium, sondern eine Reihe technologischer Fehlentscheidungen, die den Kontinent Jahre zurückgeworfen haben.
Schuster kennt die Entwicklung aus eigener Erfahrung. Seit Ende der 1990er-Jahre ist er in der Lithiumindustrie aktiv, zunächst beim chilenischen Produzenten SQM, später als Berater für Unternehmen, Investoren und Regierungen weltweit. „Der zentrale Engpass liegt nicht beim Rohstoff selbst, sondern beim Know-how in der Zellfertigung und bei den Kosten der Zellproduktion“, sagt er im Gespräch mit Elektroauto-News. Genau hier habe Europa eine strategische Wette verloren.
Europa setzt auf die falsche Technologie zur falschen Zeit
Während China früh auf Lithium-Eisenphosphat-Zellen setzte, entschied sich der Westen für einen anderen Weg. Europa und die USA fokussierten sich auf NMC-Zellen mit Nickel, Mangan und Kobalt. Diese boten eine höhere Energiedichte und galten als ideal für hochwertige Fahrzeuge. „Europa sagte: Für unsere Premiumautos brauchen wir hohe Energiedichte“, beschreibt Schuster die damalige Logik.
China hingegen setzte bewusst auf LFP. Die Technologie war günstiger, einfacher skalierbar und zunächst leistungsschwächer. Doch chinesische Hersteller investierten konsequent in Prozesswissen, Materialoptimierung und Skalierung. „Die Chinesen haben es geschafft, die Energiedichte schrittweise zu erhöhen, während der Kostenvorteil erhalten blieb“, so der Experte weiter. Damit schrumpfte der Leistungsunterschied, während der Kostenvorsprung bestehen blieb.
Diese Entwicklung wurde im Westen lange unterschätzt. LFP galt als Sackgasse, nicht als lernfähige Technologie. „Der Westen hat die Fähigkeit der chinesischen Industrie unterschätzt, diese Technologie weiterzuentwickeln“, so Schuster.
Ein Rückstand mit Kettenreaktion
Die Folgen dieser Entscheidung reichen weit über die Zellchemie hinaus. Heute dominiert LFP den Markt für stationäre Speicher, zunehmend auch im Automobilbereich. Westliche OEMs, die vor wenigen Jahren nicht über LFP sprechen wollten, setzen nun ebenfalls darauf. Viele ursprünglich geplante NMC-Zellfabriken werden aktuell umgestellt. „Dadurch hat der Westen faktisch etwa fünf Jahre verloren“, fasst Schuster zusammen.
Dieser Zeitverlust wirkt entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ohne wettbewerbsfähige Zellfertigung entsteht kein relevanter Bedarf an Kathodenmaterialien, Chemieproduktion oder Lithiumverarbeitung. „Das Upstream folgt dem Downstream. Nicht umgekehrt“, betont er. Europa habe sich politisch stark auf Rohstoffzugang konzentriert, während die industrielle Mitte fehle.
China profitiert heute nicht nur von technologischer Reife, sondern vor allem von Skaleneffekten. Große Produktionsvolumina senken Kosten, beschleunigen Lernkurven und stärken die Wettbewerbsfähigkeit weiter. „China hat einen enormen Vorteil durch Skalierung“, so Schuster. Dieser lasse sich kurzfristig nicht aufholen – zumindest nicht in der aktuellen Batteriegeneration.
Aus seiner Sicht ist es unrealistisch, dass Europa in diesem Technologiefenster zu China aufschließt. Der Vorsprung sei zu groß, die Zeit zu knapp. „Ich halte es für sehr schwierig, dass der Westen in dieser Batteriegeneration noch aufschließen kann.“ Stattdessen bleibe nur eine realistische Option: Kooperation.
Schuster plädiert dafür, chinesische Unternehmen gezielt nach Europa zu holen und lokale Zellproduktion zu ermöglichen. Nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als industriepolitische Notwendigkeit. „Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen sind fundamental, wenn der Westen lernen und aufholen will“, sagt er. Nur so entstehe überhaupt ein Anreiz, vorgelagerte Industrien aufzubauen.
Gleichzeitig warnt er vor der Illusion, Autarkie durch Rohstoffförderung erzwingen zu können. Projekte wie Direct Lithium Extraction mögen technologisch interessant sein, änderten aber nichts am strukturellen Problem. „Solange die Zellproduktion nicht in Europa stattfindet, gibt es keinen wirtschaftlich tragfähigen Grund, Lithium hier in großem Stil zu fördern.“ Andernfalls produziere Europa teures Lithium, exportiere es nach China und kaufe später Batteriezellen zurück.
Fünf Jahre als Mahnung
Der Rückblick auf die letzten Jahre ist für Jimenez Schuster mehr als eine Analyse. Er ist eine Warnung. Technologieentscheidungen, so seine Botschaft, sind keine Detailfragen. Sie bestimmen Lernkurven, Kostenstrukturen und industrielle Machtverhältnisse über Jahrzehnte. Europa habe sich verzockt – nicht weil es unfähig war, sondern weil es die falschen Prioritäten setzte.
„Nicht Lithium ist das eigentliche Problem, sondern fehlendes Know-how und fehlende Skalierung“, so der Experte abschließend. Die fünf verlorenen Jahre ließen sich nicht zurückholen. Aber sie könnten eine Lehre sein, wenn Europa bereit ist, industriepolitische Realität über politische Wunschbilder zu stellen








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