Keine Kolben, keine Kerzen – E-Auto für Zulieferer derzeit nicht die beste Wahl

Keine Kolben, keine Kerzen – E-Auto für Zulieferer derzeit nicht die beste Wahl
Copyright:

shutterstock / Lizenzfreie Stockillustrations-Nummer: 673268602

Wolfgang Plank
Wolfgang Plank
  —  Lesedauer 4 min

So ist das in der Politik: Lässt sich ein Versprechen nicht halten, dehnt man ein wenig und deutet um. Da wurde in einer früheren großen Koalition unter Angela Merkel Deutschland als Leitmarkt für Elektromobilität ausgerufen, und wenig später verkündete die Kanzlerin, spätestens 2020 würden auf den Straßen der Republik mindestens eine Million E-Autos fahren. Dass aus dem Strom-Schlag trotz Kaufprämie nichts geworden ist – egal. Laut Klimaschutzprogramm der Regierung sollen es jetzt sogar sieben bis zehn Millionen E-Mobile werden – aber halt auch erst bis 2030.

Unabhängig davon nimmt die Elektrifizierung tatsächlich Fahrt auf – und mit ihr die Debatte um die wichtigste Industrie des Landes. In den Entwicklungsabteilungen der großen Autobauer hat man sich längst auf gewaltige Umwälzungen eingerichtet. Sollen Akku-Mobile demnächst tatsächlich in Massen von den Bändern rollen, muss es auch bei der Produktion gänzlich anders zugehen als heute.

Vor allem da, wo deutsche Hersteller so gerne ihre Kernkompetenz sehen: beim Motorenbau. Wenn schon bald nahezu ausschließlich Aggregate mit Wicklung verbaut werden sollen – wer braucht dann noch Kolben, Pleuel, Kurbelgehäuse? Auch Zylinderköpfe, Nockenwellen, Ventile – alles wäre plötzlich von gestern. Inklusive all der Präzisionsmaschinen, die solche Teile erst gießen oder schmieden und dann fräsen, bohren, drehen oder honen. Von der Vergütung von Oberflächen gar nicht zu reden.

In E-Mobilen finden sich keine aufwändigen Übersetzungen, keine hochkomplexen Wandler-Automatiken, keine ausgeklügelten Direktschaltgetriebe und selbstverständlich auch keine Kupplungen. Der Elektromotor braucht nun mal – anders als der Verbrenner – keine sinnreiche mechanische Angleichung an optimale Drehzahlen. Noch nicht einmal Starthilfe hat er nötig, so dass man sich selbst so simple Bauteile wie den Anlasser sparen kann.

Verglichen mit der oszillierenden Verarbeitung taktvoller Explosionen ist das Elektroauto der rollende Verzicht: Es kommt ohne Tank aus, ohne Einspritzpumpen, -düsen – und selbstverständlich ohne den kompletten Auspuff samt teurer Abgas-Nachbehandlung. Allenfalls Achsen, Lenkung und vielleicht noch die Fahrgastzelle werden in etwa dem entsprechen, was wir heute üblicherweise auf vier Rädern kennen.

Das alles mag für den Fahrer nach kurzer Zeit der Eingewöhnung womöglich keine große Rolle spielen – für Unternehmen, die sich auf Entwicklung und Fertigung all der dann überflüssigen Bauteile spezialisiert haben, bedeutet es das Aus ihres Geschäfts – und für die Menschen dort den Verlust ihrer Arbeit. Egal, ob in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen oder anderswo. Der Bedarf an Kurbelwellen oder Turboladern etwa wäre plötzlich identisch mit dem von Trabant-Teilen nach der Wende. Da sind ein paar mehr Thermostaten für den Kühlkreislauf der Batterie kein Ausgleich. Nicht wenige Zulieferer sind bereits in die Insolvenz gerutscht, andere kündigen Arbeitsplatzabbau im großen Stil an.

Auch in den Werkstätten wird der Alltag einer mit deutlich weniger Jobs. Kein Ölwechsel mehr, kein Zahnriemen-Tausch, keine Zündkerzen, kein Luftfilter. So ein Elektro-Auto hat einfach weniger Komponenten, weniger Verschleiß, weniger kostspielige Revisionen. Und nicht alle Mitarbeiter lassen sich zum Service-Personal für Batterien oder Ladesäulen umschulen.

Je nach Sicht schwankt die Zahl gefährdeter Arbeitsplätze. Berechnungen der Gewerkschaften gehen von mehr als 400 000 bis Ende 2030 aus, der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) hält das für deutlich zu hoch gegriffen. Richtig ist sicherlich, dass durch die Elektrifizierung auch neue Jobs entstehen – allerdings eben nicht in gleicher Zahl und oftmals nur im Ausland. Gerade die führenden Absatzmärkte wie USA oder China verlangen von ausländischen Herstellern zunehmend lokale Produktion.

Nur schwer vorherzusagen ist der Job-Abbau, der den Fusionen der Branche und den dabei entstehenden Überkapazitäten folgen dürfte. Eben erst haben sich der Opel-Mutterkonzern PSA und Fiat-Chrysler zum viertgrößten Hersteller hinter Toyota, Volkswagen und dem Verbund aus Renault, Nissan und Mitsubishi zusammengetan – VW wiederum kooperiert in Sachen Elektromobilität verstärkt mit Ford. Sie alle eint der Zwang zur CO2-Reduktion. Würden die europäischen Autobauer weitermachen bisher, drohten ihnen geschätzte 30 Milliarden Euro an Strafzahlungen.

Dabei sind die Zukunftsaussichten für E-Autos nicht bloß rosig. In Deutschland und Europa mag verstärkter Absatz zu erwarten sein – in den aktuell dominierenden Märkten China und den USA indes gehen die Verkaufszahlen bereits wieder zurück. Auch, weil die staatliche Förderung im Reich der Mitte zuletzt stark reduziert wurde.

Gut möglich, dass bald wieder Versprechen angepasst werden müssen…

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Wolfgang Plank

Wolfgang Plank

Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

„Carspreading“ frisst europaweit Millionen von Parkplätzen

„Carspreading“ frisst europaweit Millionen von Parkplätzen

Michael Neißendorfer  —  

Neuwagen wachsen jährlich um 1,2 cm in der Länge. Allein London und Berlin drohen deshalb, jeweils über 100.000 Parkplätze zu verlieren.

Schwellenländer ziehen an, USA fallen zurück: 2026 fährt jeder vierte Neuwagen elektrisch

Schwellenländer ziehen an, USA fallen zurück: 2026 fährt jeder vierte Neuwagen elektrisch

Tobias Stahl  —  

Laut BloombergNEF fährt 2026 bereits jeder vierte Neuwagen elektrisch. Bis 2035 soll der Anteil auf über 50 Prozent steigen – doch einzelne Länder könnten zurückfallen.

Automechanika Frankfurt: Aftermarket im Aufbruch

Automechanika Frankfurt: Aftermarket im Aufbruch

Sebastian Henßler  —  

Die Automechanika Frankfurt öffnet im September ihre Tore. 4500 Aussteller, neue KI-Formate und ein Rekord bei den Innovation Awards erwarten die Branche.

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Sebastian Henßler  —  

Eine VDA-Umfrage unter 116 Unternehmen zeigt, dass sich die Geschäftslage im automobilen Mittelstand deutlich verschlechtert hat.

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

Sebastian Henßler  —  

Chinesische Autobauer sichern sich Produktionsstandorte in Europa, bevor ein neues EU-Gesetz Direktinvestitionen aus China erschwert.

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

Tobias Stahl  —  

Volkswagen, Stellantis und Renault wenden sich in einem gemeinsamen Schreiben an die EU – und fordern möglichst simple Regeln zum Schutz der hiesigen Automobilindustrie.

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

Sebastian Henßler  —  

Nicht Zeitpläne, sondern technische Durchbrüche entscheiden über die Zukunft der Festkörperbatterie. CATL-Chef Zeng erklärt, wo die Technologie heute steht.