Warum E-Autos reisekrank machen können – und was Hersteller dagegen tun

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Michael Neißendorfer
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  —  Lesedauer 3 min

Es klingt zunächst ein wenig nach dem nächsten Versuch der Verbrenner-Lobby, Elektroautos schlecht zu reden: „E-Autos machen seekrank“ berichten mehrere Medien auf Basis aktueller Studien, die sich mit Reisekrankheit im Zusammenhang mit E-Autos auseinandergesetzt haben, nachdem Fahrgäste in Foren und Sozialen Medien von Übelkeit, Schwindel und Unwohlsein vor allem auf der Rückbank von E-Autos berichtet hatten. Die Studien belegen tatsächlich, dass die Symptome in Elektroautos um etwa 10 bis 30 Prozent häufiger und intensiver auftreten können als in Autos mit Verbrennungsmotor.

„Größere Übelkeit in E-Autos kann auf fehlende Erfahrung mit dieser Art der Fortbewegung zurückgeführt werden – sowohl als Fahrer als auch als Mitfahrer“, erklärt William Emond, Doktorand an der französischen Universität Belfort-Montbéliard, der zur Reisekrankheit forscht. Das Gehirn sei an bestimmte Bewegungsreize gewöhnt – etwa das Aufheulen eines Verbrennungsmotors vor dem Beschleunigen – und könne sich in geräuschlosen E-Autos schlechter auf bevorstehende Bewegungen einstellen.

Mehrere typische, eigentlich positive Merkmale von E-Autos wie der fehlende Motorsound, weniger Vibrationen und das sogenannte regenerative Bremsen gelten als potenzielle Auslöser. Letzteres sorge durch spürbares, langgezogenes Verzögern für besonders starke Irritationen im Gleichgewichtssinn. Eine Studie aus dem Jahr 2024 bestätigt: Je stärker die Rekuperation, desto höher das Risiko für Übelkeit.

Xiaomi stellt „Motion Sickness Relief Mode“ vor

Dass Autohersteller das Problem ebenfalls bereits erkannt haben, zeigt ein aktuelles Beispiel aus China: Der neue Xiaomi YU7 – ein elektrischer Luxus-SUV – bringt einen speziellen Modus gegen Reisekrankheit mit. Dieser soll durch eine optimierte Abstimmung von Leistungsentfaltung, Rekuperation und Fahrwerk das Fahrgefühl ausbalancieren. Erste Tests zeigen positive Ergebnisse: Die Häufigkeit von Übelkeit sank demnach um 51 Prozent, das Einsetzen der Symptome verzögerte sich im Schnitt um 16 Prozent.

„Die Wahrnehmung von Bewegung basiert auf Signalen aus Augen, Gleichgewichtsorgan und Körpergefühl“, so Emond. Kommen diese Informationen nicht überein, entsteht ein sogenannter „neuronaler Konflikt“, den das Gehirn als Gefahr interpretiert – mit typischen Symptomen wie Übelkeit, Schweißausbrüchen oder Schwindel. Ein weiteres Problem: Immer größere Displays im Innenraum lenken den Blick weg von der Straße. Dadurch fehlen wichtige optische Reize, die dem Gehirn helfen könnten, Bewegungen besser einzuordnen.

Was gegen Übelkeit in E-Autos hilft

Neben technischer Abhilfe – wie dem neuen „Motion Sickness Relief Mode“ von Xiaomi oder ähnlichen Funktionen bei Dongfeng-Nissan – können auch einfache Maßnahmen helfen: Der Platz auf dem Beifahrersitz ist meist stabiler, das Öffnen der Fenster verbessert die Sauerstoffzufuhr. Auch fettarme Mahlzeiten vor der Fahrt und im Zweifel Medikamente wie Dimenhydrinat können Linderung verschaffen.

Langfristig könnte vor allem Gewöhnung helfen: Wer häufiger E-Auto fährt, trainiert sein Gehirn auf die neue Art der Fortbewegung. Genau darin liegt laut Emond auch die Lösung: „Wenn wir ein neues Bewegungsumfeld entdecken, muss sich das Gehirn anpassen – wie bei der ersten Erfahrung in Schwerelosigkeit.“

Quelle: The Guardian – Do electric vehicles make people more carsick? / 36kr – Xiaomi YU7 has launched a „motion sickness relief mode“

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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