E-Auto-Restwerte setzen VW-Finanzsparte unter Druck

E-Auto-Restwerte setzen VW-Finanzsparte unter Druck
Copyright:

abitaev.art / shutterstock / 1816094663

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Wer in Deutschland einen elektrischen Volkswagen fährt, hat ihn meistens nicht gekauft. Mehr als 80 Prozent der Stromer der Marke laufen hierzulande über die Bücher der Volkswagen Financial Services AG (VWFS), also über Leasing- oder Finanzierungsverträge. Über den Ertrag entscheidet damit weniger der Neupreis als der Betrag, den ein Auto nach drei oder vier Jahren im Gebrauchtmarkt noch erlöst. Genau an dieser Stelle wird es für die Finanzsparte gerade ungemütlich.

Nach Erhebungen der Deutschen Automobil Treuhand sind drei Jahre alte E-Autos in Deutschland im Schnitt nur noch gut die Hälfte ihres ursprünglichen Preises wert, exakt 50,9 Prozent. Verbrenner halten sich zwar etwas besser, stehen wegen der hohen Spritpreise aber ebenfalls unter Druck. Benzinmodelle kamen im Juni auf 59,6 Prozent, Diesel auf 58,8 Prozent und damit auf die niedrigsten Werte seit 2021.

Bilanziell schlägt diese Entwicklung unmittelbar durch. Weil Neuwagen seltener gekauft und häufiger geleast werden, wächst die Zahl der Autos, deren Restwert die Finanzsparte selbst kalkulieren muss. Von 2024 auf 2025 kletterte das ausgewiesene Restwertrisiko laut Geschäftsbericht um gut eine Milliarde auf fast 5,9 Milliarden Euro. Liegen die Kalkulationen im Mittel nur einen Prozentpunkt daneben, kostet das knapp 60 Millionen Euro. Im Zwischenbericht für das erste Halbjahr 2026 weist das Unternehmen darauf hin, dass diese Risiken seit Beginn des zweiten Quartals nochmals zugenommen haben.

Absehbar ist zudem, welche Autos als Nächstes zurückkommen. In den kommenden Monaten laufen größere Kontingente gebrauchter Elektromodelle der ersten Generation aus den Verträgen, darunter ID.3 und ID.4. Deren Vermarktung dürfte auch deshalb schwierig werden, weil die staatliche Förderung neue E-Autos für Kaufinteressierte attraktiver macht. Man sitze „auf einer Bombe“, wird ein Insider zitiert.

Wenn der Gewinnbringer selbst ins Wanken gerät

Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil die Finanzsparte im Konzern bislang als verlässliche Ertragsquelle gilt. In den vergangenen fünf Jahren hat sie rund 20 Milliarden Euro operativen Gewinn erwirtschaftet, im ersten Halbjahr 2026 waren es knapp 1,7 Milliarden Euro und damit mehr als bei jeder einzelnen Fahrzeugmarke. Trotzdem fiel das operative Ergebnis um 7,6 Prozent, obwohl Vertragsbestand und Vertragszugänge zulegten. Als Grund nennt das Unternehmen gestiegene Kosten für Restwertrisiken.

Die Dimensionen dahinter sind erheblich. VWFS trägt eine Bilanz von fast 290 Milliarden Euro und muss jährlich eine Refinanzierung von rund 115 Milliarden Euro darstellen. „Wir beobachten die Situation sehr genau“, sagt ein Investor. Ruhig sei es bislang trotzdem, das Vertrauen des Marktes bestehe weiter.

An der Spitze steht seit Anfang des Jahres Anthony Bandmann, der seit 2000 für Autofinanzierer und Autobanken arbeitet. Er hat kürzlich eine Vertragsleistungsbeschreibung an mehrere Unternehmensberatungen verschicken lassen, die dem Manager Magazin vorliegt. „Captive of the future“ steht auf der Titelseite, auf den folgenden elf Seiten reihen sich Begriffe wie „Future Operating Model“ und „Transformations-Roadmap“.

Der Zeitplan ist eng gesetzt. Nach den Bieterpräsentationen will sich die Finanzsparte voraussichtlich Ende August auf ein Angebot festlegen, bereits Ende November sollen die Ergebnisse der gemeinsamen Projektarbeit dem Aufsichtsrat vorliegen. Bei einem Berater, den das Papier erreicht hat, löst das Verwunderung aus: „Ich habe noch nie eine derart hilflose Ausschreibung gesehen.“

Im Papier selbst finden sich sowohl laufende Vorhaben als auch offene Fragen: Genannt werden eine Neuausrichtung des Gebrauchtwagengeschäfts, ein Ausbau des Versicherungs- und Servicegeschäfts sowie Nutzungsmöglichkeiten künstlicher Intelligenz, zugleich fehle bislang der Überblick, wie sich die eigenen Zielbilder verbinden lassen und welche Maßnahmen Priorität haben. Die Gemeinkosten sollen signifikant sinken. Im Gesamtkonzern lautet die Vorgabe von Oliver Blume und Arno Antlitz, diese Kosten um etwa 20 Prozent zu senken, weshalb am Braunschweiger Sitz mit 10.400 Beschäftigten die Nervosität steigt.

Das Unternehmen selbst erklärt, man wolle wachsen, die Ertragskraft steigern und sich so kostengünstig wie möglich aufstellen, verfolge dieses Ziel aber unabhängig von der gegenwärtigen Lage im Konzern. Bandmann lässt ausrichten: „Wir planen keinen Arbeitsplatzabbau und keinen Verkauf von Unternehmensteilen.“

Quelle: Manager-Magazin – Warum der Chef der VW-Finanzsparte Alarm schlägt

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Volkswagen (VW) Elektroautos

VW ID. Polo im Test: Wo Volkswagens Versprechen hakt

VW ID. Polo im Test: Wo Volkswagens Versprechen hakt

Sebastian Henßler  —  

Der VW ID. Polo lernt vom Schwarm, hält an roten Ampeln und verbraucht kaum 12 kWh auf 100 km. Warum Fahrwerk und Schildererkennung trotzdem Fragen aufwerfen.

VW baut Werk Osnabrück zu Rüstungsstandort um

VW baut Werk Osnabrück zu Rüstungsstandort um

Sebastian Henßler  —  

Volkswagen gibt die Autoproduktion in Osnabrück auf und macht den Standort mit Niedersachsen und Aurelius zu einem Zentrum für Verteidigungstechnik.

VW-Aufsichtsrat: Fallen sogar bis zu 110.000 Stellen weg?

VW-Aufsichtsrat: Fallen sogar bis zu 110.000 Stellen weg?

Sebastian Henßler  —  

Offiziell sollen 50.000 Jobs entfallen. Ein 23-seitiges Papier addiert weitere 60.000 Stellen aus Marken- und Gemeinkostenzielen bis 2030 hinzu.

E-Kleinwagen VW ID. Polo schon vor Verkaufsstart ausverkauft

E-Kleinwagen VW ID. Polo schon vor Verkaufsstart ausverkauft

Sebastian Henßler  —  

Der neue ID. Polo ist bei Volkswagen bereits vor dem offiziellen Verkaufsstart ausverkauft, die Wartezeit liegt bei mindestens zehn Monaten.

Zwei Jahre Verspätung: Scout-Comeback lässt US-Kunden warten

Zwei Jahre Verspätung: Scout-Comeback lässt US-Kunden warten

Stefan Grundhoff  —  

VWs US-Marke Scout verschiebt den Marktstart von Traveler und Terra auf das Jahr 2028, statt wie ursprünglich geplant bereits 2026 an den Start zu gehen.

VW-Konzern bestätigt Rochade an der Vertriebsspitze

VW-Konzern bestätigt Rochade an der Vertriebsspitze

Sebastian Henßler  —  

Elektroauto-News hatte die Personalpläne bereits im Juli exklusiv vermeldet, nun bestätigen Volkswagen, Audi und Skoda die Rochade offiziell zum Oktober.

VW-Aufsichtsrat billigt Zukunftsplan 2030 einstimmig

VW-Aufsichtsrat billigt Zukunftsplan 2030 einstimmig

Sebastian Henßler  —  

Der Aufsichtsrat der Volkswagen Group hat den Zukunftsplan 2030 einstimmig gebilligt, eine Entscheidung über vier deutsche Werke steht aber weiterhin aus.