Deutschland subventioniert fossile Dienstwagen mit knapp 14 Milliarden Euro pro Jahr

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Michael Neißendorfer
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Die Bundesregierung subventioniert jedes Jahr fossil betriebene Dienstwagen mit 13,7 Milliarden Euro und erschwert damit den Umstieg auf E-Mobilität, so eine neue Studie von Transport & Environment (T&E). Damit zählt Deutschland zu den Spitzenreitern unter den Ländern, die vom Beratungsunternehmen Environmental Resources Management (ERM) im Auftrag von T&E untersucht wurden. Lediglich Italien bezahlt mit 16 Milliarden Euro mehr Subventionen für umweltschädliche Dienstwagen. T&E fordert von der Bundesregierung eine umfassende Reform der Dienstwagenbesteuerung, um trotz knapper Haushaltskassen den heimischen Absatzmarkt für E-Autos stärker anzukurbeln.

Die Studie untersucht die Effekte der wichtigsten Steuervergünstigungen, die traditionell für Dienstwagen gewährt werden und privaten Autobesitzenden nicht zur Verfügung stehen. Dazu zählen der Vorsteuerabzug, Abschreibungen, die Pauschalbesteuerung des geldwerten Vorteils von Dienstwagen und Tankkarten. Statt sich auf Durchschnittswerte oder einzelne Beispielmodelle zu beziehen, wurden die Steuervorteile für alle zugelassenen Automodelle berechnet. Analysiert wurden die sechs größten Automobilmärkte Europas. In der Summe subventionieren sie fossil betriebene Dienstwagen mit 42 Milliarden Euro pro Jahr: Italien (16 Mrd. Euro), Deutschland (13,7 Mrd. Euro), Frankreich (6,4 Mrd. Euro) Polen (6,1 Mrd. Euro) und Spanien (0,1 Mrd. Euro).

Im Vereinigten Königreich werden Verbrenner deutlich höher besteuert als E-Dienstwagen. Diese Anreize haben der E-Mobilität den notwendigen Anschub gegeben. 21,5 Prozent der neuen Dienstwagen in Großbritannien fahren bereits elektrisch. In Deutschland sind die steuerlichen Anreize zu gering, um den Umstieg auf E-Mobilität zu fördern. Für ein geleastes E-Auto wie den VW ID.4 entsteht für den Arbeitgeber ein Steuervorteil von nur 12 Euro pro Jahr gegenüber einem vergleichbaren Verbrenner wie dem VW Tiguan. Im ersten Halbjahr 2024 waren daher nur 11,7 Prozent der gewerblichen Neuzulassungen elektrisch, im Gegensatz zu 16,6 Prozent bei privaten Neuzulassungen.

Je größer das Auto, desto höher die Steuervorteile

Die Studie zeigt zudem, dass es höhere klimaschädliche Steuervorteile gibt, je größer das Auto ist. Auf einen geleasten Opel Corsa kommen in Deutschland Subventionen in Höhe von 4015 Euro pro Jahr, auf einen geleasten Audi A6 fast doppelt so viel. Vor allem mit fossilen Brennstoffen betriebene SUV-Dienstwagen erhalten hohe Steuervorteile, die jährlich zwischen 6477 und 8544 Euro liegen. Dies erklärt auch, warum Unternehmen mehr klimaschädliche SUV zulassen als private Haushalte. Von den insgesamt 13,7 Milliarden jährlichen Subventionen für fossile Dienstwagen gehen 4 Milliarden an SUV.

Unser Steuersystem bietet keinen echten Anreiz, auf E-Dienstwagen umzusteigen. Jedes Jahr subventionieren wir fossile Dienstwagen mit Milliarden, während deutsche Hersteller wie zuletzt VW über einen schwachen heimischen Absatzmarkt für E-Autos klagen“, sagt Susanne Goetz, Referentin für E-Mobilität bei T&E Deutschland. Es werde „höchste Zeit, dass der Staat unser Geld in die Technologie der Zukunft steckt. Das wäre gut für das Klima und die Industrie.“

In Deutschland entfallen zwei Drittel aller Neuzulassungen auf gewerblich genutzte Autos. Knapp die Hälfte dieser Firmenwagen sind Dienstwagen, die neben der geschäftlichen Nutzung auch privat gefahren werden dürfen. T&E fordert daher von der Bundesregierung, dass bei der anstehenden Reform der Dienstwagenbesteuerung und Abschreibungsregeln für Firmenwagen Folgendes umgesetzt wird:

  • Die angekündigten Sonderabschreibungen für gewerblich zugelassene E-Autos sollten mit reduzierten Abschreibungsmöglichkeiten für Verbrenner eingeführt werden.
  • Der pauschale Steuersatz bei der Dienstwagenbesteuerung für Verbrenner soll auf 2 Prozent erhöht werden, um eine höhere Spreizung zwischen dem Preis für Elektroautos und der auslaufenden Verbrenner-Technologie zu schaffen. Zudem soll der Steuersatz mit dem CO₂-Ausstoß des Autos steigen.
  • Die im Koalitionsvertrag angekündigte Anpassung des Steuersatzes für Plug-in-Hybride muss umgesetzt werden.

Neben steuerlichen Maßnahmen sollten nach dem französischen Beispiel auch in Deutschland Programme wie Social Leasing auf den Weg gebracht werden. Social Leasing ermöglicht es Bevölkerungsgruppen, die bislang keinen Zugang zu E-Autos hatten, diese vergünstigt zu leasen. Gleichzeitig schaffe die Maßnahme mehr Planungssicherheit bei den Herstellern. Erst vor wenigen Tagen hat der deutsche Bundesrat die Bundesregierung dazu aufgefordert, eine ähnliche Förderung in Deutschland einzuführen. 

Susanne Goetz sagt: „Die Bundesregierung hat mit der Wachstumsinitiative den ersten Schritt getan, um das enorme industriepolitische Potential der Firmen- und Dienstwagenbesteuerung zu nutzen, indem sie gewerbliche E-Autos attraktiver gemacht hat. Das reicht aber längst nicht“.

Was fehle, sei „der Mut zum effizienteren Schritt: Verbrenner unattraktiver zu machen. Damit tun wir uns in Deutschland im Vergleich zum Belgien oder dem Vereinigten Königreich leider schwer. Dabei könnten wir die zusätzlichen Steuereinnahmen gut brauchen, um E-Autos für Haushalte mit niedrigen Einkommen bezahlbar zu machen. Die Lösungen liegen schon lange auf dem Tisch. Wir müssen sie nur umsetzen.“

Quelle: Transport & Environment – Pressemitteilung vom 21.10.2024

 

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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