Deutschland hat sein CO2-Budget für das 1,5 °C-Ziel schon verbraucht

Deutschland hat sein CO2-Budget für das 1,5 °C-Ziel schon verbraucht
Copyright:

Shutterstock / 1554029774

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 2 min

Wo steht Deutschland beim Klimaschutz? In einem aktuellen Kurzpapier aktualisiert der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) seine Berechnungen zum verbleibenden deutschen CO2-Budget. Es umfasst die Menge an CO2-Emissionen, die Deutschland bei einer international gerechten Verteilung des globalen Budgets maximal noch ausstoßen dürfte.

Für eine Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5 °C ist dieses deutsche CO2-Budget fast oder sogar schon vollständig aufgebraucht – je nachdem, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Klimagrenze eingehalten werden soll. Es stellt sich die Frage nach dem Umgang damit.

Das noch verbleibende CO2-Budget schmilzt rapide“, sagt Prof. Wolfgang Lucht. „Die Klimawissenschaft hat stets gewarnt, dass sich das Fenster schließt, in dem Deutschland einen ausreichenden und fairen Beitrag zur Einhaltung der 1,5 °C-Grenze leisten kann, ohne auf spekulative Maßnahmen wie eine künftige Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre oder Budgetzukäufe im Ausland zurückzugreifen“.

Inzwischen sei es „unausweichlich“, dass die Deutschen mehr CO2 ausstoßen, als ihnen zusteht, wenn der Anteil an der Weltbevölkerung zugrunde gelegt wird. „Die Überschreitung dieses fairen deutschen Budgets für 1,5 °C muss daher umso mehr Ansporn sein, mit neuer Entschlossenheit an einer schnelleren Reduzierung der Emissionen zu arbeiten. Es wirft aber auch die Frage nach der Verantwortung für Schäden und Verluste aufgrund der Überschreitung auf“, sagt Lucht.

Konkret hat Deutschland seinen fairen Anteil an einem globalen CO2-Budget, mit dem die 1,5 °C-Grenze mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent eingehalten werden kann, bereits Anfang 2023 überschritten. Legt man eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent zugrunde, verbleibt noch ein sehr geringes deutsches Restbudget, das im Verlauf von 2024 aufgebraucht wird. Für eine Temperaturgrenze von 1,75 °C mit 67 Prozent Wahrscheinlichkeit umfasst das maximale CO2-Budget für Deutschland noch 3,9 Gigatonnen CO2. Würden die Emissionen in diesem Fall ab heute linear auf null reduziert, müsste Deutschland spätestens 2037 CO2-neutral sein.

Aus Sicht des SRU sollte sich die deutsche wie die internationale Klimapolitik weiterhin an der Einhaltung der 1,5°C-Grenze orientieren, auch wenn das hierfür verbleibende CO2-Budget auch auf globaler Ebene inzwischen sehr klein ist.

Die Berechnungen beruhen auf aktuellen Emissionsdaten sowie verbesserten wissenschaftlichen Analysen zum verbleibenden globalen CO2-Budget, die seit den letzten Veröffentlichungen des Weltklimarates erschienen sind. Sie verwenden ansonsten die gleiche Methodik wie die früheren Veröffentlichungen des Umweltrats zum CO2-Budget aus den Jahren 2020 und 2022.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen berät die Bundesregierung seit über 50 Jahren in Fragen der Umweltpolitik. Die Zusammensetzung des Rates aus sieben Professorinnen und Professoren verschiedener Fachdisziplinen gewährleistet eine wissenschaftlich unabhängige und umfassende Begutachtung, sowohl aus naturwissenschaftlich-technischer als auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive.

Quelle: SRU – Pressemitteilung vom 25.03.2024

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Politik

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Michael Neißendorfer  —  

Eine aktuelle Befragung zeigt: Die Deutschen wechseln verstärkt vom Verbrenner zum Elektroauto – und fordern von der Politik mehr Initiative für E-Mobilität.

Kommentar: Schwächere CO2-Ziele sichern keine Jobs

Kommentar: Schwächere CO2-Ziele sichern keine Jobs

Sebastian Henßler  —  

Die Union will die CO2-Ziele weiter senken. Doch die Frage, wie viele Jobs das sichert, bleibt unbeantwortet. Eine Einordnung der Fakten dahinter.

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Michael Neißendorfer  —  

Verbände und Experten lassen kein gutes Haar am neuen „Klimaschutzprogramm“ der Bundesregierung. Wirklich neues habe es gar nicht zu bieten.

Union will mehr Verbrenner – Klimaziele wackeln

Union will mehr Verbrenner – Klimaziele wackeln

Sebastian Henßler  —  

Die EU-Kommission hat die Emissionsregeln für Neuwagen bereits gelockert. CDU und CSU reicht das nicht, sie fordern eine Absenkung auf 80 Prozent.

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

Sebastian Henßler  —  

VDIK-Präsidentin Labbé schlägt eine staatliche Ladekarte mit Guthaben vor. Damit ließen sich Tarifchaos und umständliches Laden auf einen Schlag beseitigen.

Streit im ADAC: Technologieoffenheit findet keine Mehrheit

Streit im ADAC: Technologieoffenheit findet keine Mehrheit

Daniel Krenzer  —  

Alles auf Elektromobilität oder neutrale Haltung zu allen Antriebsformen? Im größten deutschen Automobilclub gibt es einen Richtungsstreit.

BGH weist Klimaklagen der DUH gegen BMW und Mercedes ab

BGH weist Klimaklagen der DUH gegen BMW und Mercedes ab

Sebastian Henßler  —  

Die Deutsche Umwelthilfe wollte BMW und Mercedes den Verkauf von Verbrennern ab 2030 verbieten lassen. Der BGH wies die Klagen nun endgültig ab.