Deutsche Automobilzulieferer verlieren Marktanteile

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Die deutsche Automobilzuliefererindustrie ringt inmitten der elektromobilen Transformation um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit. Im vergangenen Jahr kamen die deutschen Zulieferer zwar auf 25 Prozent Weltmarktanteil, allerdings bedeutet das einen weiteren Verlust von 1,4 Prozentpunkten im Vergleich zu 2020. Das geht aus der aktuellen Automobilzulieferer-Studie von Strategy& hervor, der globalen Strategieberatung von PwC.

Demgegenüber blüht das Geschäft der chinesischen Zulieferer auf: Die Herausforderer aus China konnten ihren globalen Marktanteil im gleichen Zeitraum mit einem Zuwachs von 4,2 Prozentpunkten fast verdoppeln und kamen 2023 bereits auf fast 10 Prozent Weltmarktanteil. Insgesamt hat sich die globale Zuliefererbranche im vergangenen Jahr zwar stabilisiert, dennoch fällt sie hinter das Wachstum der Automobilhersteller zurück. Die Autohersteller konnten 2023 beim Umsatz um 8 Prozent zulegen, die Zulieferer erzielten ein Plus von 3 Prozent.

Deutsche Zulieferer haben die E-Mobilität verschlafen

Für die angespannte Lage der deutschen Automobilzuliefererindustrie seien vor allem verspätete und bislang zu zaghafte Anpassungen an die Elektromobilität verantwortlich, so Strategy&. Die Transformation der Automobilbranche schreite in nicht-linearen und teils schwierig berechenbaren Zyklen voran und die Zulieferer ringen noch immer mit den Dynamiken des neuen Markts.

Viele Hersteller setzen etwa weiterhin auf lineare Kapazitätsplanung, obwohl die E-Auto-Absätze seit Jahren schwanken. In Deutschland wurden 2023 beispielsweise über 1 Million weniger Autos produziert als noch 2021 prognostiziert, was einer Fehlkalkulation von mehr als 20 Prozent entspricht. Zugleich schaffen es die deutschen Zulieferer immer seltener, mit lebenswichtigen Innovationen zu punkten. Sie erhöhen zwar ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung, können sich damit aber nicht mehr vom Wettbewerb absetzen – und entscheidende Innovationen kommen aus Asien.

Zulieferer-Automobilindustrie-Marktanteile
Strategy&

Gleichzeitig agieren deutsche Zulieferer beim Ausbau sowie der Skalierung neuer Technologien zu zaghaft, warnt Strategy&. Während chinesische Wettbewerber ihre Investitionen in den vergangenen sechs Jahren um mehr als 300 Prozent gesteigert haben und das Fundament für den Erfolg von morgen legen, scheuen die deutschen Zulieferer oft das unternehmerische Risiko. Im Ergebnis ziehe die Konkurrenz aus China beim Umsatzwachstum davon – wenn auch noch zu Lasten der Kapitaleffizienz.

„Grundlegende Dynamiken und Mechanismen der Branche ändern sich fundamental“

Die Automobilindustrie und ihr weit verzweigtes Zulieferernetz haben über Dekaden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft gebildet. Aktuell gerät dieses fein austarierte System ins Wanken, weil sich grundlegende Dynamiken und Mechanismen der Branche fundamental ändern. Jahrzehntelang erprobte und bewährte Prämissen funktionieren nicht mehr“, sagt Henning Rennert, Studienautor und Partner bei Strategy& Deutschland.

Gleichzeitig beobachten wir, dass der Strukturwandel nicht linear verläuft, sondern sich Bremsperioden und Beschleunigungsphasen abwechseln. Technologische Sprünge, neue Wettbewerber sowie politische Entscheidungen bestimmen das Tempo der Transformation“. Zulieferer, die in dieser dynamischen Situation erfolgreich bleiben wollen, müssen sich strategisch neu aufstellen, sagt Rennert: „Sie müssen flexibler auf die volatile Volumenentwicklung reagieren, fokussierter und mit mehr Kundenzentrierung Innovationen vorantreiben und diese auch mit unternehmerischem Risiko skalieren.“

„Die gesamte deutsche Automobilindustrie steht an einem Scheidepunkt“

Gerade die kapitalintensive Skalierung werde dabei angesichts angespannter Finanzierungsbedingungen für viele Zulieferer zur Herausforderung. Nach Jahren der Krise und Unsicherheit sind die Möglichkeiten vieler Zulieferer, an Kapital zu kommen, begrenzt. Vor allem kleinere Hersteller kämpfen um die oft schon in wenigen Monaten anstehende Refinanzierung.

Umso wichtiger werden strategisch priorisierte Investitionen und neue Partnerschaften – insbesondere mit den Autoherstellern, die ihre EBIT-Margen im Gegensatz zu den dünnen Kapitaldecken der Zulieferer zuletzt steigern konnten. Wenn einst höchst erfolgreiche Zusammenarbeitsmodelle zwischen Automobilherstellern und Zulieferern revitalisiert werden, könnte dies dazu beitragen, fit für eine gemeinsame Zukunft zu werden.

Die gesamte deutsche Automobilindustrie und vor allem ihre Zulieferer stehen aktuell an einem Scheidepunkt, an dem strategische Agilität wichtiger ist denn je. Verbleibende Potenziale aus dem Verbrennergeschäft müssen abgeschöpft und konsequent in Zukunftstechnologien investiert werden. Die deutschen Zulieferer müssen dabei aus dem Evolutions- in den Innovationsmodus kommen und auch in der Elektromobilität wieder Positionen als Weltmarktführer beanspruchen. Der Schlüssel liegt auch in der neuen Automobilwelt weiterhin in den alten Stärken Ingenieurskunst, Innovation und Geschwindigkeit“, sagt Henning Rennert.

Und weiter: „Erfolg in der Elektromobilität erfordert für die Zulieferer allerdings die Bereitschaft, ihre bisherige Wertschöpfung neu zu tarieren und sich an wandelnde Kundenbedürfnisse anzupassen. Dazu braucht es unternehmerisches Denken, Mut und Risikoaffinität. Der globale Konsolidierungswettbewerb ist längst in vollem Gang. Höchste Zeit also, sich von alten Mustern zu verabschieden und in der neuen Automobilwelt anzugreifen.

Quelle: Strategy& – Pressemitteilung vom 30.08.2024

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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