Eine aktuelle Analyse korrigiert die Erwartungen an das Tempo der Elektromobilität in Deutschland nach unten. Sowohl der Marktspezialist Dataforce als auch die bundeseigene Now GmbH gehen davon aus, dass 2030 deutlich weniger Elektroautos auf den Straßen rollen werden, als bisherige Ziele vorsahen. Damit verschiebt sich auch die Grundlage, auf der Energieversorger und Politik den künftigen Strombedarf kalkulieren.
Dataforce rechnet in einer Prognose für die Automobilwoche mit knapp sechs Millionen batterieelektrischen Autos im deutschen Bestand bis 2030. Eine Studie der Now GmbH im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums kommt auf rund acht Millionen Fahrzeuge. Beide Werte liegen klar unter den bisher kursierenden Schätzungen, die meist mindestens zehn Millionen E-Autos im Bestand vorsahen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und in Folge auch die Ampel-Regierung hatten sogar 15 Millionen Elektroautos bis 2030 als politisches Ziel ausgegeben.
Der Markt zeigt sich derweil zweigeteilt. Im März erreichte der Anteil reiner Elektroautos an den Neuzulassungen 24 Prozent – der höchste Wert seit mehr als zwei Jahren. Trotz dieser Dynamik bleibt der Weg zur Elektrifizierung des Gesamtbestands lang. Rund 50 Millionen Pkw sind hierzulande zugelassen, und der jährliche Austausch über Neuzulassungen erfolgt nur in begrenztem Tempo.
Erneuerung des Bestands braucht Jahrzehnte
„Bei 50 Millionen Pkw und jährlich 2,8 Millionen Neuzulassungen dauert es rechnerisch 18 Jahre, um den Bestand einmal komplett zu erneuern“, erklärt Benjamin Kibies, Senior-Analyst bei Dataforce. Selbst bis 2040 erwartet er höchstens 18 Millionen Elektroautos im deutschen Bestand. Das entspräche etwas mehr als einem Drittel aller Pkw – ein Hinweis darauf, dass Verbrennerfahrzeuge auch in der kommenden Dekade die Mehrheit der Flotte stellen dürften.
Für den Strombedarf hat diese Verzögerung konkrete Folgen. Die derzeit knapp 2,2 Millionen Elektroautos – Pkw und leichte Nutzfahrzeuge, Stand Ende 2025 – verbrauchen nach Berechnungen von Dataforce etwa 5,4 Terawattstunden Strom pro Jahr. Für 2030 erwartet das Unternehmen einen Anstieg auf rund 15 Terawattstunden. Den Berechnungen liegt ein Verbrauch von 20 Kilowattstunden je 100 Kilometer und eine jährliche Fahrleistung von 12.500 Kilometern pro Auto zugrunde.
Auch die Bundesregierung bewegt sich bei ihren Annahmen in einem breiten Korridor. Der Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums zur Energiewende vom November 2025 hält fest: „In den untersuchten Szenarien steigt die Stromnachfrage an. Es besteht jedoch Unsicherheit im Niveau und der Geschwindigkeit.“ Für 2030 wird der gesamte Strombedarf in einer Spanne von 600 bis 700 Terawattstunden veranschlagt.
Mehrere Unbekannte in der Strombilanz
Neben der Zahl der Elektroautos bestimmen weitere Faktoren die Nachfrage. Wie schnell Gebäude auf Wärmepumpen umgestellt werden, ist ebenso offen wie die Frage, wie viel Strom künftig in Rechenzentren für künstliche Intelligenz fließt. Die Elektromobilität ist damit nur eine Variable in einer Gleichung mit mehreren Unbekannten.
Hinzu kommt: Die 15 Terawattstunden, die Dataforce für 2030 ansetzt, würden selbst am unteren Rand der Regierungsspanne lediglich 2,5 Prozent des deutschen Stromverbrauchs ausmachen. Damit relativiert sich ein Argument, das in der öffentlichen Debatte häufig zu hören ist – nämlich, dass Elektroautos die Stromnetze überlasten könnten. Die rechnerische Größenordnung deutet in eine andere Richtung.
Die nun vorliegenden Prognosen werfen damit weniger ein Schlaglicht auf die Belastbarkeit der Netze als auf die Frage, wie ambitioniert die ursprünglichen politischen Ziele formuliert waren. Zwischen den 15 Millionen Elektroautos der Ampelvorgabe und den sechs bis acht Millionen, die Dataforce und Now für realistisch halten, klafft eine Lücke, die sich in den verbleibenden Jahren bis 2030 kaum noch schließen lässt.
Quelle: Automobilwoche – Prognose: Nur sechs Millionen E-Autos bis 2030








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