Die Batterieproduktion für E-Autos soll in Europa weiter hochgefahren werden, um die Abhängigkeiten vom asiatischen Markt zu reduzieren. Dabei stehen die Batteriehersteller jedoch vor allem im Ramp-up-Prozess trotz Milliardeninvestitionen unter enormem Druck. Der Head of Digital Engineering & Climate Tech bei Capgemini Engineering, Michael Müller, hat jetzt im Interview mit Automobil-Industrie eingeordnet, was die Gründe dafür sind.
Müller zufolge stehen alle europäischen Batteriehersteller unter großer Belastung. Dies liege jedoch nicht nur am Geld, sondern vor allem auch an der asiatischen Konkurrenz in Bezug auf Qualitätsstandards, Output, Prozessoptimierung und den Maschinenbau. Dabei stelle sich für viele die Frage, wo Europa denn überhaupt noch realistische Chancen hat mitzuhalten.
Unternehmen am Anfang des Ramp-up-Prozesses kämpfen demnach vor allem damit, den Erwartungen der Stake- und Shareholder in Bezug auf Output und Qualität gerecht zu werden. Kunden brauchen hohe Stückzahlen in entsprechender Qualität, wodurch bei den Herstellern Zeitdruck und die Sorge entstehen, das Vertrauen der Abnehmer zu verlieren.
Hersteller, deren erste Linie bereits laufe, hätten laut Müller hingegen mit Innovationsmangel zu kämpfen. Schließlich ginge es oft nur noch darum schnellstmöglich hochzuskalieren und dabei die Qualitätsstandards zu wahren. Der Fokus auf die reine Ausführung würde es fast unmöglich machen, neue Ideen einzubringen.
Den Druck spüren jedoch nicht nur europäische Firmen. Auch bei chinesischen Herstellern wie CATL, die an neuen europäischen Standorten wie etwa Erfurt Fabriken hochziehen, gibt es Anlaufschwierigkeiten. Zwar haben diese Unternehmen bereits standardisierte Produkte und Prozesse, doch es sei eben etwas anderes, eine Fabrik in Deutschland aufzubauen als in China, so Müller. Bei den Genehmigungsverfahren und nötigen CE-Zertifizierungen beschaffter Anlagen gibt es fundamentale Unterschiede zur Abwicklung in China, was auch etablierten Playern den Start in Europa erschwert.
Chinesische Partner als Anschubhilfe?
Gleichzeitig wächst bei europäischen Unternehmen laut Müller der Respekt vor der chinesischen Expertise immer weiter. Immer mehr Hersteller aus der EU suchen demnach Partner und sind an einer engeren Zusammenarbeit mit chinesischen Firmen interessiert. Diese könnten schließlich dabei unterstützen, Produktionslinien aufzubauen, zu betreiben und zu optimieren.
Eine konkrete Form der Zusammenarbeit sieht Müller zufolge oft so aus, dass chinesische Unternehmen für einen klar definierten Zeitraum auf Partnerschaftsebene den kompletten Betrieb von Produktionslinien übernehmen und so in der kritischen Phase eine Art Anschubhilfe leisten. Das sei für viele europäische Unternehmen die einzige Möglichkeit, die jahrelange Mehr-Erfahrung aufzuholen, über die chinesische Hersteller verfügen.
Europas Maschinenbauer stoßen an ihre Grenzen
Eine der größten Stärken Europas ist laut Müller eigentlich das starke Ökosystem an Maschinen- und Anlagenbauern, die bestimmte Aufgaben sogar besser erfüllen können als die asiatischen Hersteller. Allerdings gäbe es zwei zentrale Probleme, welche sie trotzdem an ihre Grenzen stoßen lassen. Einerseits fehlt es Müller zufolge an wettbewerbsfähigen Kostenpositionen. Höhere Lohn-, Energie- und Materialkosten machen es offenbar fast unmöglich, international konkurrenzfähige Preise anzubieten.
Andererseits mangele es an Flexibilität für neue Geschäftsmodelle. Europäische Fabrikausrüster kommen demnach aus dem klassischen CAPEX-Geschäft, bei dem es schlicht und einfach darum geht, Maschinen zu verkaufen und bezahlt zu werden. Allerdings brauche es heute eben auch alternative Geschäftsmodelle, beispielsweise mit output-orientierten Bezahlmodellen, womit sich europäische Maschinenbauer jedoch noch sehr schwertun.
In anderen Branchen gäbe es derartige Betreibermodelle schon längst, doch im Batteriesektor fehle aktuell wohl noch der Mut zu Partnerschaften auf Augenhöhe. Mitverantwortlich dafür sei laut Müller auch der Druck, unter dem Zellproduzenten stehen. Das Aufsetzen neuer Vertragsmodelle koste schließlich Zeit, die kaum vorhanden sei. Einen klaren Kontrast dazu stelle das Geschäft mit der Batteriemontage dar. Dies sei schließlich ein klassisches Zuliefergeschäft, bei dem es zwar einzelne kritische Prozessschritte gebe, das Ganze aber insgesamt deutlich einfacher beherrschbar sei.
Müller sieht Europas Chancen bei kleineren Stückzahlen
Der Volumenmarkt ist zwar hart umkämpft, doch es gibt Müller zufolge durchaus auch Branchen, in denen geringere Stückzahlen benötigt werden und weniger Konkurrenzdruck herrscht. Demnach gebe es viele relevante Anwendungen in den Bereichen kritischer Infrastruktur, Verteidigungsfähigkeit, Luftfahrt, Militär, Bergbau und Landwirtschaft, bei denen Batterien benötigt würden und Abhängigkeiten reduziert werden sollen.
Batteriefabriken in der Hochlaufphase können in Europa zudem von der EU-Battery-Booster-Facility profitieren, die 1,5 Milliarden Euro als zinslose Darlehen für Unternehmen mit mindestens 10 GWh Zielkapazität bereitstellt. Dieses Förderinstrument löst besagte Probleme bei Qualität und Output zwar nicht automatisch, dürfte aber trotzdem eine wertvolle Unterstützung für neue europäische Marktteilnehmer sein.
Müller bezieht sich im Interview als Positivbeispiel auch auf das von Capgemini mitgetragene Forschungscluster FastBat, welches dabei ist eine eigene Wertschöpfungskette für Batterie- und Recyclingtechnologien aufzubauen. Dabei setze man vor allem auf hohe Variantenvielfalt, kurze Markteinführungszeiten und KI als strategischen Hebel. Ziel sei es, eine voll digitalisierte Werkzeugkette zu schaffen und Entwicklungszeiten um bis zu 50 Prozent zu verkürzen.
Müllers Einschätzung zum europäischen Batterieproblem zeigt klar auf, dass das Ganze nicht nur mit neuen Fabriken und Förderprogrammen gelöst werden kann. Entscheidend ist es vielmehr, ein Marktumfeld zu schaffen, in dem Hersteller Output, Qualitätsstandards und Kosten im Hochlauf schneller kontrollieren können. Zudem scheint es kaum der richtige Weg zu sein, sich nur auf den von China dominierten Volumenmarkt zu konzentrieren. Stattdessen könnte ein stärkerer Fokus auf spezialisiertere Anwendungen und mehr Flexibilität im Geschäftsmodell dabei helfen, konkurrenzfähig zu bleiben.
Quelle: Automobil Industrie – Die Batteriezellfabrik ist ein komplexes Unterfangen







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