Audi erhöht Druck: “Tradition allein sichert keine Zukunft”

Audi erhöht Druck: “Tradition allein sichert keine Zukunft”
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 5 min

Das Audi-Werk Neckarsulm verliert im aktuellen Planungsszenario des Volkswagen-Konzerns sein wichtigstes Zukunftsprojekt. Der nächste Audi A8 ist für das Porsche-Werk in Leipzig vorgesehen, wo er frühestens ab 2030 gemeinsam mit dem kommenden Panamera auf einer Plattform entstehen soll. Die Zuordnung verspricht dem Konzern geringere Einmalkosten und Synergien, die wirtschaftliche Bewertung des Audi-Porsche-Doppels in Sachsen läuft offenbar bereits. Eine finale Entscheidung steht zwar noch aus, doch für den Standort mit mehr als 15.000 Beschäftigten ist danach kein neues Modell hinterlegt. Neckarsulm fehlt damit vorerst nicht nur ein Prestigeprojekt, sondern auch ein wichtiges Argument für die langfristige Auslastung.

Parallel dazu verlangt Audi von der Belegschaft weitere Zugeständnisse. Auf der Betriebsversammlung in Neckarsulm am Donnerstag kündigte Audi-Chef Gernot Döllner an, die Schlechtwetterklausel aus der im März 2025 geschlossenen Zukunftsvereinbarung zu ziehen. Sie verpflichtet Unternehmen und Arbeitnehmervertretung zu Verhandlungen, sobald sich wesentliche Rahmenbedingungen deutlich verschlechtern. Nach Einschätzung des Vorstands ist genau das eingetreten. Ob die Voraussetzungen formal erfüllt sind, wird derzeit mit der Mitbestimmung geklärt, Döllner rechnet aber zügig mit Sondierungen und anschließend konkreten Verhandlungen.

Begleitet wurde er von Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume, der auf Einladung des Betriebsrats sprach. Teilnehmende beschrieben die Stimmung bei der dritten Betriebsversammlung des Jahres als angespannt und emotional, für Blume gab es Pfiffe und Buhrufe. Am heutigen Freitag folgt die Versammlung in Ingolstadt, wo der Audi-Chef den neuen Verhandlungsbedarf ebenfalls erläutern will.

Fest steht damit: Beim vereinbarten sozialverträglichen Abbau von 7500 Stellen bis Ende 2029 soll es nicht bleiben. Wie groß der zusätzliche Bedarf ausfällt und mit welchen Instrumenten gearbeitet wird, ließ das Unternehmen mit Verweis auf die anstehenden Gespräche offen. Analysiert würden derzeit Prozesse, Strukturen und Vergleichswerte, über konkrete Maßnahmen wolle Audi zuerst intern mit der Arbeitnehmervertretung sprechen. “Die Automobilindustrie befindet sich in einem fundamentalen Umbruch. Darauf müssen wir reagieren, und zwar jetzt”, sagte Döllner.

Kein Bereich bleibt beim Sparkurs verschont

Hinzu kommt, dass neben der Produktion auch Verwaltung, Entwicklung und weitere indirekte Bereiche schlanker werden sollen. Audi hat nach eigenen Angaben bereits eine Hierarchieebene gestrichen und rund ein Viertel der Managementstellen abgebaut, eine weitere Stufe soll folgen. Überprüft werden zudem Entscheidungswege sowie die Organisation der Markengruppe Progressive mit Bugatti und Lamborghini. Zu Ducati kursieren Verkaufsgerüchte.

Den äußeren Rahmen könne Audi nur bedingt beeinflussen, betonte Döllner mit Blick auf Geopolitik, Zölle und Regulierung. Anders sehe es bei Kosten, Qualität, Produktivität und dem Tempo von Entscheidungen aus. Genau darauf konzentriere sich das Unternehmen.

Blume ordnete den Umbau in das konzernweite Zielbild bis 2030 ein. Volkswagen will dauerhaft auf ein Marktvolumen von rund neun Millionen Autos ausgelegt sein und seine Kosten weiter senken. Viele Strukturen seien für größere Märkte und höhere Absätze aufgebaut worden und heute zu groß, erklärte der Konzernchef. Gleichzeitig stelle Volkswagen Milliarden bereit, um den Personalabbau möglichst sozialverträglich zu gestalten. “Nur wer wettbewerbsfähig bleibt, kann investieren. Nur wer investiert, kann wachsen. Und nur wer wächst, kann Arbeitsplätze sichern”, so Blume. Den zugrunde liegenden Zukunftsplan hatte der Aufsichtsrat Anfang September einstimmig gebilligt.

Ein Jahr Zeit für den Beweis

Für Neckarsulm drängt die Zeit. Das Werk zählt zu vier Konzernstandorten, für die nach 2034 keine Anschlussbelegung vorgesehen ist. Bis Juni 2027 muss Audi einen belastbaren Plan vorlegen, wie die Fabrikkosten deutlich sinken können, erst dann entscheidet der Konzern über eine Folgebelegung oder eine andere Nutzung. Im Hintergrundgespräch stellte Döllner klar, dass die Kosten am Standort im europäischen Vergleich nicht wettbewerbsfähig seien. Unterschiede bei Ausstattung, Fertigungstiefe und Modellmix müssten zwar sauber herausgerechnet werden, am Befund ändere das aber nichts.

Gemeinsam mit der Mitbestimmung soll deshalb ein Maßnahmenplan mit Hebeln und Meilensteinen entstehen. Auch Blume richtete den Blick direkt auf das Werk. “Das Team in Neckarsulm hat viel erreicht, jetzt geht es darum, im europäischen Vergleich weiter aufzuholen und eine starke Perspektive für den Standort zu entwickeln”, sagte er.

Ein Blick auf die künftige Werksbelegung eröffnet allerdings Spielräume. Audi orientiert sich stärker an Plattformen statt an Markengrenzen, Modelle mit den vier Ringen entstehen schon heute in anderen Konzernwerken. Umgekehrt könnten Autos anderer Marken künftig in Audi-Fabriken gebaut werden. Damit wäre jede wirtschaftlich tragfähige Konzernbelegung eine mögliche Perspektive für das Werk, nicht zwingend ein Audi. “Neckarsulm verfügt über große industrielle Kompetenz und eine beeindruckende Geschichte. Aber Tradition allein sichert keine Zukunft”, erklärte der Audi-Chef.

Eine ganze Region schaut nach Neckarsulm

Was auf dem Spiel steht, verdeutlichen Schätzungen von Wirtschaftsexpert:innen. Im Fall einer Schließung könnten in der Region rund 50.000 Arbeitsplätze verloren gehen, denn neben der Belegschaft hängen etwa 1000 Zulieferunternehmen an der Produktion. Insgesamt könnte ein Viertel der industriellen Wertschöpfung wegbrechen.

An seiner Modell- und Technologiestrategie hält Audi dennoch fest. Die Transformation zur Elektromobilität sowie Investitionen in Software, künstliche Intelligenz und automatisiertes Fahren sollen nicht gebremst werden, zugleich will das Unternehmen seine Position in China, Europa und Nordamerika stärken. “Mit Sparen allein führt man kein Unternehmen in die Zukunft”, betonte Döllner.

Der Betriebsrat zeigte sich trotz der schwierigen Lage kämpferisch. “Wer unsere Perspektive anzweifelt, stellt damit einen Standort in Frage, der die Audi AG mit aufgebaut hat”, sagte Gesamtbetriebsrat Jens Stammler. Er verwies auf die Technische Entwicklung, die Fertigungskompetenz und die Rolle bei künstlicher Intelligenz und Digitalisierung, räumte zugleich aber ein, dass Audi wettbewerbsfähiger werden müsse. Von der Unternehmensleitung erwarteten die Beschäftigten mehr als Dankesworte, nämlich “Respekt”, “Verlässlichkeit” und ein klares Bekenntnis zum Standort.

Alexander Reinhart, Vorsitzender des Betriebsrats in Neckarsulm, signalisierte Gesprächsbereitschaft, sofern alle Hausaufgaben gemacht seien. Als Audi die Regelung schon einmal aktivierte, forderte das Unternehmen unter anderem ein abgesenktes Tarifentgelt, gestrichene Zulagen, eine beschnittene Ergebnisbeteiligung und weniger hybrides Arbeiten. Die Arbeitnehmerseite sprach damals von einer “Liste des Grauens”.

Quelle: Audi – Pressemitteilung / Manager-Magazin – Audi will mit Betriebsrat über weitere Einsparungen verhandeln / Automobilwoche – Nächster Audi A8 geht nach Leipzig – Zukunft vor Neuverhandlung

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Sebastian Henßler

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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