Für die Belegschaft von Volkswagen geht es um grundlegende Regeln des Arbeitsalltags. Der Konzern hat am Mittwoch zehn Tarifverträge gekündigt, darunter den Manteltarifvertrag, der unter anderem Arbeitszeit und Urlaubstage festlegt. Wer diesen Schritt angestoßen hat, ist inzwischen selbst zum Streitpunkt geworden. Betriebsrat und IG Metall werfen Konzernchef Oliver Blume vor, in einem Interview den Ablauf falsch wiedergegeben zu haben.
Auslöser ist ein Gespräch, das Blume dem Portal „The Pioneer“ gegeben hat und das dort als Podcast erschienen ist. Auf die Frage, weshalb Volkswagen fast alle Tarifverträge aufgekündigt habe, verwies der 58-Jährige auf ein verändertes Umfeld: „Die Welt hat sich in den letzten zwei Jahren erheblich verändert, deshalb gibt es jetzt diese Revision.“ Für deutlichen Widerspruch sorgte vor allem sein Nachsatz. „Auch die Arbeitnehmerseite hat das gefordert“, sagte Blume.
Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo reagierte mit einer Mitteilung. Die Aussagen des CEO seien „eine echte Zumutung für die Konzernbelegschaft und verursachen zusätzlich einen weiteren Schaden für das ohnehin schon ramponierte Vertrauen der Mitbestimmung in den CEO“, erklärte die 51-Jährige. Das jüngste Interview schlage „dem Fass nun echt den Boden aus“, was Blume dort gesagt habe, sei hochnotpeinlich. Offen fragt Cavallo, ob dahinter Unwissenheit oder pure Absicht stecke, und ergänzt: „Ich weiß nicht, was schlimmer ist.“
Die IG Metall schildert die Vorgeschichte anders als der Vorstandsvorsitzende. Nach Angaben der Gewerkschaft hat sie innerhalb des Zukunftstarifvertrags aus dem Jahr 2024 lediglich die Gesprächsklausel gezogen. Anlass seien fehlende klare Aussagen zur Zukunft der vier bedrohten Werke gewesen, weshalb man die Arbeitgeberseite zu einem Überprüfungsgespräch aufgefordert habe. Parallel dazu sei fortlaufend deutlich gemacht worden, dass die getroffenen Vereinbarungen einzuhalten seien.
Ein Gesprächswunsch, zwei völlig verschiedene Lesarten
Erst im Anschluss habe auch das Unternehmen die Klausel für ein solches Gespräch gezogen. Kurz darauf sei dann unvermittelt mitgeteilt worden, dass Volkswagen die Tarifverträge kündige. Eine Forderung nach Aufkündigung des Tarifwerks, wie sie Blumes Aussage nahelegt, findet sich in der Darstellung der Gewerkschaft nicht.
Scharfe Worte wählt auch Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall und Verhandlungsführer für den VW-Haustarif. „Die Behauptung von Oliver Blume, die Arbeitnehmerseite würde die Kündigung von Tarifverträgen tolerieren, ist nicht nur abenteuerlich, sondern eine bewusste Verdrehung der Tatsachen“, so Gröger. Selten sei der Abstand zwischen Mitbestimmung und Konzernspitze größer gewesen als heute.
Der Konflikt fällt in eine Phase tiefgreifender Einschnitte. Vor rund einem Monat hatte der Aufsichtsrat angesichts einbrechender Ergebnisse einem Plan zugestimmt, der umfangreiche Sparmaßnahmen vorsieht. Dazu zählen Einsparungen in Milliardenhöhe beim Personal, in deren Zuge der Vorstand Zehntausende Stellen abbauen will.
Ungeklärt ist darüber hinaus, wie es mit mehreren deutschen Autofabriken des Konzerns nach 2030 weitergeht. Genau diese Unsicherheit hatte die IG Metall nach eigener Darstellung dazu bewogen, das Überprüfungsgespräch einzufordern. Mit dem Wegfall von zehn Verträgen, darunter jenem zu Arbeitszeit und Urlaub, reicht die Auseinandersetzung nun bis in die Grundlagen der Beschäftigungsbedingungen hinein.
Quelle: Manager-Magazin – „Blumes Aussagen sind eine echte Zumutung“









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