Was sich in Deutschland in Sachen Elektromobilität ändern muss

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Die Selbstgefälligkeit der Auto-Bosse wird sich rächen“ betitelt die Süddeutsche Zeitung einen Kommentar über die aktuelle Lage der deutschen Autoindustrie. Diese habe zu lange an der Produktion von Verbrenner-Fahrzeugen festgehalten und nicht schnell genug auf den globalen Trend zur Elektromobilität reagiert – dies gefährde „mehr Arbeitsplätze als jeder Abgas-Grenzwert, so die SZ.

Im Dieselskandel habe die Regierung monatelang herumgedruckst, die Autoindustrie ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Und die betroffenen Autofahrer fühlen sich betrogen, zumal niemand die Verantwortung übernehmen will. Es sei „zum Verzweifeln: Weder kriminelle Machenschaften noch Umweltverpestung ändern etwas an der Autofixierung vieler Deutscher. Sie haben aus Bequemlichkeit dem Automobil ihre Städte untergeordnet, sich an Abgase und Motorenlärm gewöhnt“, so die SZ. Dabei könne von „Mobilität“ gar nicht mehr die Rede sein. Schließlich verbringen viele Großstädter mehr Zeit im Stau als im fließenden Verkehr.

Dennoch halte die Bundesregierung, statt sich für umwelt- und menschenfreundlichere Lösungen einzusetzen, „ihre schützende Hand über eine milliardenschwere Industrie, der Klima und Gesundheit offenbar gleichgültig sind.“ Von Wandel keine Spur, im Gegenteil: Die Autobosse argumentieren, schärfere CO2-Werte würden die rund 800.000 Arbeitsplätze im deutschen Automobilsektor gefährden.

Ihre Kritiker sehen das anders. Gerade das Festhalten an der Auslauf-Technologie Verbrennerfahrzeug gefährde die deutsche Schlüsselindustrie. Die „Selbstgefälligkeit der Bosse“, so die SZ, werde sich rächen: „Sie ist die viel größere Gefahr für Arbeitsplätze, als es irgendein Grenzwert je sein könnte.

Schließlich stehen alle Zeichen der Zeit auf Wandel. Immer mehr Menschen fahren mit der Bahn, einem E-Roller oder dem Fahrrad, oder gehen zu Fuß. Und während immer weniger Autofahrer einen Diesel kaufen, legen die Verkäufe von Elektroautos und Plug-in-Hybriden stetig zu. Im ersten Halbjahr 2018 betrug die Zuwachsrate stolze 50 Prozent, eine Tendenz, die seit Jahren zu beobachten ist und in anderen Ländern noch deutlich höher liegt.

Doch die deutschen Autobosse zeigen sich unbeeindruckt“, schreibt die Süddeutsche: „Stur halten sie an den altbewährten Otto- und Dieselmotoren fest, damit sich ihre teuren Produktionsanlagen noch möglichst lange rentieren. Das kann nicht gut gehen, wenn gleichzeitig der Markt mit der höchsten Strahlkraft (Kalifornien) und der mit dem größten Volumen (China) auf E-Mobilität setzen“.

Viele Lösungen des Dilemmas wären denkbar. Mehr und bessere Elektroautos aus Deutschland zum einen, vor allem auch bezahlbare Modelle für kleine Geldbeutel. Der Staat müsse zum anderen für genügend Ladesäulen sorgen und endlich das Dieselprivileg abschaffen – der Kraftstoff wird steuerlich mit hohen Milliardenbeträgen subventioniert. Eine CO2-Steuer soll Fahrer von Sprit- und Stromschlucker stärker zur Kasse bitten, lautet eine andere Forderung.

Das Fazit der SZ: „Das würde für die Verbraucher Anreize schaffen, auf klimafreundliche Alternativen umzusteigen. Mit einer mutlosen Regierung und selbstgefälligen Autobossen aber wird Deutschland den Wettbewerb um saubere Mobilität verlieren.

Quelle: Süddeutsche Zeitung – Die Selbstgefälligkeit der Auto-Bosse wird sich rächen

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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