Rund 46 Milliarden Euro an Abschreibungen haben globale Automobilhersteller bis Anfang 2026 im Zusammenhang mit ihren Elektroauto-Offensiven verbucht. Die Summe geht aus einer Analyse von Automotive News hervor und verdeutlicht, wie stark die Branche die Nachfrage nach batterieelektrischen Autos über- und den Gegenwind der ewigen Zauderer und Bewahrer unterschätzt hat. Allein auf Stellantis entfallen mehr als 22,6 Milliarden Euro an Wertberichtigungen. Auch Honda, General Motors und Ford mussten erhebliche Verluste ausweisen.
Die Reaktion vieler Hersteller: eine vorsichtigere Gangart bei der Elektrifizierung. Ambitionierte Zeitpläne werden gestreckt, Investitionen neu priorisiert. Analysten warnen allerdings davor, dass ein Rückzug langfristig deutlich teurer werden könnte als die aktuellen Verluste. Denn die regulatorischen Anforderungen steigen, und chinesische Wettbewerber bauen ihren Vorsprung bei Kosten und Technologie weiter aus.
Jürgen Reers, globaler Leiter des Bereichs Automotive und Mobilität bei Accenture, sieht in der Entwicklung keine Trendumkehr. „Die Elektrifizierung bleibt unvermeidlich, sie verläuft nur langsamer als ursprünglich erwartet“, so Reers. Er beschreibt die Situation als zeitliche Diskrepanz zwischen Erwartung und Marktrealität. Über die kommenden zehn bis 15 Jahre rechnet er mit einem Nebeneinander mehrerer Antriebstechnologien, in dem Plug-in-Hybride und alternative Kraftstoffe eine Brückenfunktion übernehmen. Batterieelektrische Autos blieben dabei die energieeffizienteste Lösung mit den besten Langfristaussichten, gestützt durch sinkende Batteriekosten und technologische Fortschritte.
Pedro Pacheco, Vice President of Research bei Gartner, geht noch einen Schritt weiter. Wer die Ausgaben für batterieelektrische Autos kürze, kürze letztlich die Investitionen in die eigene Zukunft. „Selbst wenn ein Automobilhersteller sich von batterieelektrischen Autos abwenden möchte, gibt es nicht wirklich viel anderes“, sagte Pacheco. Denn auch ein wettbewerbsfähiger Plug-in-Hybrid setze wettbewerbsfähige Elektroauto-Technologie voraus. Eine Strategie, die auf Verbrenner setze, würde Hersteller in schrumpfende Nischen wie das obere Luxussegment drängen. Mehrere Automobilhersteller befänden sich derzeit „in der Mitte der Brücke“, ohne klare strategische Richtung — ein Zustand, der Ressourcen verwässere und die Wettbewerbsfähigkeit gefährde.
Verschärfte Regeln und ein geteilter Weltmarkt
In Europa bleiben die Vorgaben ambitioniert. Die EU verlangt bis 2030 eine Reduktion der CO₂-Emissionen bei Neuwagen um 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 2021. Vor diesem Hintergrund könnte ein Investitionsrückgang bei Elektroautos die künftige Marktposition europäischer Hersteller erheblich schwächen.
In den USA hat sich die Lage derweil grundlegend verändert. Die Regierung unter Donald Trump hat im September 2025 die bundesweite Steuergutschrift in Höhe von 7000 US-Dollar (rund 6525 Euro) für Elektroautos gestrichen. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research in Bochum, erwartet daher, dass batterieelektrische Autos und Hybride auf dem US-Markt kurzfristig kaum an Boden gewinnen werden. Verbrenner dürften dort vorerst dominieren. Für europäische Hersteller ist das relevant: Laut einer Analyse von KPMG exportieren sie jährlich rund 500.000 Autos in die USA und sind damit stark von handels- und industriepolitischen Veränderungen abhängig.
Das Ergebnis ist ein zunehmend geteilter Weltmarkt. Dudenhöffer spricht von einer „Zwei-Welten-Realität“. Auf der einen Seite China, wo Hersteller wie BYD mit günstigen Elektroautos voranpreschen — etwa dem Seagull für umgerechnet rund 8700 Euro, weit unter dem Preisniveau europäischer Modelle. Auf der anderen Seite die USA, die sich wieder stärker dem Verbrenner zuwenden. Europa steht dazwischen, getrieben von regulatorischem Ehrgeiz, gebremst durch die Marktrealität und durch konservative politische Kräfte. Chinesische Hersteller hätten sich erhebliche Kostenvorteile erarbeitet, während der Fortschritt in Europa nach übereilten Investitionen etwas langsamer verlaufe, so Dudenhöffer.
Die Botschaft der Analysten an europäische Automobilhersteller ist dennoch eindeutig: Durchhalten beim Elektroauto bleibt entscheidend. „Wenn sie jetzt aufgeben, werden sie in fünf Jahren größere Probleme haben“, sagte Dudenhöffer. Die aktuellen Abschreibungen seien der Preis dafür, im Markt von morgen wettbewerbsfähig zu bleiben.
Quelle: Automotive News Europe – Europe’s automakers risk lagging behind China if they slow EV efforts








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