Die Elektromobilität hat die automobile Luxusklasse zuletzt vor eine grundsätzliche Frage gestellt: Wie viel Wandel verträgt eine Marke, deren Wert gerade in Tradition, Handwerkskunst und einem unverwechselbaren Markenkern liegt? Viele Hersteller haben ihre Elektrifizierungspläne in den vergangenen Monaten angepasst. Bentley geht diesen Weg nun deutlicher als andere Marken und rückt den reinen Verbrennungsmotor wieder stärker in den Mittelpunkt der eigenen Zukunftsstrategie.
Verantwortlich für diesen Kurswechsel ist Frank-Steffen Walliser, CEO von Bentley. Der britische Luxus-Autobauer, eine Marke des Volkswagen-Konzerns, positioniert sich unter seiner Führung neu: weniger Fokus auf eine vollständige Elektrifizierung, dafür mehr Betonung auf Tradition, Sportlichkeit und wirtschaftliche Eigenständigkeit. Im Gespräch mit Press-Inform erläutert Walliser, warum der Achtzylinder auch künftig zur Marke gehört, wohin sich Bentley technologisch entwickelt und wie er die nächste Käufer:innengeneration erreichen will.
Bentley streicht den letzten Sechszylinder aus dem Programm, die Nachfrage dafür liegt laut Walliser praktisch bei null. Der Achtzylinder hingegen bleibt fester Bestandteil des Angebots und gilt als Kernstück der Markentradition. Walliser sagt: „Ich glaube, mit dem Achtzylinder sind wir für die Zukunft gut aufgestellt.“ Reine Verbrennungsmotoren stoßen laut Walliser weiterhin auf Nachfrage, während der Plug-in-Hybrid zwar akzeptiert, aber selten aktiv nachgefragt werde: „Aber niemand kommt in den Laden und fragt: Haben Sie einen Hybrid?“
Für sämtliche künftigen Modelle plant Bentley deshalb weiterhin eine Variante mit reinem Verbrennungsmotor, die Antriebe werden dabei kontinuierlich weiterentwickelt. Als nächsten größeren Technologieschritt nennt Walliser den elektrischen Turbolader, der sich grundlegend von einem separaten elektrischen Verdichter unterscheide. Diese Technik ähnelt jener aus dem aktuellen Porsche 911, was Walliser auf Nachfrage bestätigt.
Bentley Torcal bleibt bis 2030 einziger Stromer
Bis 2030 bleibt der Torcal das einzige batterieelektrische Modell der Marke, erst danach soll das nächste vollelektrische Bentley-Modell folgen. Bei Sportwagen und klassischen Gran-Turismo-Autos dürfte die Elektromobilität nach Einschätzung Wallisers eher spät ankommen, weil gerade der GT für große Reichweiten und lange Reisen stehe. Näher liegt für ihn deshalb ein weiteres SUV, weil das Nutzungsprofil dort häufig am besten zur Elektromobilität passe. Kleiner als der Torcal, der als Einstieg in die Marke dient, werde Bentley aber nicht gehen.
Den Vorwurf, der Torcal wirke für eine Luxusmarke zu konventionell gestaltet, weist Walliser mit einem Blick auf die Marktentwicklung zurück. In der Frühphase der Elektromobilität hätten Early Adopters ein bewusst anderes Design verlangt, um ihre Technologiewahl auch optisch zu zeigen. Damals ging es allerdings um einen Marktanteil von drei bis fünf Prozent. Heute liegt dieser laut Walliser branchenweit bei 25, 30 oder 35 Prozent, wodurch die Erwartung an ein auffälliges Elektroautodesign entfalle. Die Rückmeldungen der Kund:innen seien eindeutig: „Gott sei Dank sieht er nicht anders aus, es ist ein echter Bentley.“
Die enge technische Anbindung an den Volkswagen-Konzern sieht Walliser überwiegend als Vorteil: Bentley könne ohne grundsätzliche Restriktionen auf Konzerntechnologien zugreifen, während das eigene, kleine Volumen bei besonderen Lösungen helfe. Eine echte Einengung spüre er trotz Konzernsteuerung und Zielvorgaben für Ausgaben und Investitionen nicht. Zukünftige Produkte müsse Bentley aus dem selbst erwirtschafteten Cashflow finanzieren, zusätzliche Mittel vom Konzern erwarte er nicht.
Wert vor Stückzahl als neue Leitlinie
An der Strategie ‚Value over Volume‘ hält Walliser fest, auch wenn sich immer weniger Menschen ein Auto der Marke leisten könnten. Der Kreis derjenigen mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten wachse nachweislich, sagt er mit Blick auf das globale Vermögen. Die eigentliche Herausforderung sieht er woanders: darin, ob sich die nächste Generation überhaupt noch für Autos interessiert und ob Bentleys Modelle für sie attraktiv sind. Verjüngung der Marke, neue Zielgruppen und eine andere Ansprache stehen deshalb im Zentrum. Feste Stückzahlziele wie 25.000 Autos pro Jahr lehnt Walliser ab, im Fokus steht stattdessen der Wert pro Auto.
Die Neuausrichtung stützt sich laut Walliser auf drei Säulen: Produkt, Image und Unternehmen. Der Torcal soll aufgrund seiner Preispositionierung gezielt jüngere Kund:innen zu Bentley bringen. Der Supersports wiederum erschließt eine Zielgruppe, die die Marke zuvor nicht in Betracht gezogen hat, weil ihr Spannung und Sportlichkeit fehlten. Diese neuen Käufer:innen seien im Durchschnitt jünger als die bisherige Kundschaft, so Walliser.
Beim Image räumt Walliser ein, dass sich über die Jahre „etwas Staub“ auf der Marke angesammelt habe, weil die eigene Definition nicht klar genug gewesen sei. Inzwischen habe Bentley eine eindeutige Ausrichtung auf Sportlichkeit gefunden, während andere Modelle stärker auf Prestige, Wirkung und Präsenz setzen sollen. Die dritte Säule betrifft das Unternehmen selbst, das nach Wallisers Worten fit gemacht werden müsse, bei Kosten, Produktionsflexibilität und der Geschwindigkeit, mit der auf Marktveränderungen reagiert wird. Der Supersports habe diesen Anspruch bereits belegt: Entwickelt in zwei statt der üblichen drei Jahre, waren nach der Premiere in New York innerhalb von acht Wochen alle Anzahlungen eingegangen.
Walliser bezeichnet den Supersports als „brand-defining moment“, der im Unternehmen viel bewirkt habe, ohne das Projekt überhöhen zu wollen. Angesichts der großen Nachfrage sollen künftig weitere vergleichbare Projekte folgen.
Handwerkskunst statt reiner Beschleunigungswerte
Zur Abgrenzung von chinesischen Herstellern verweist Walliser auf Herkunft, Historie und Handwerkskunst, die bei Bentley heute breiter zu verstehen seien und auch Elektronik sowie Karosseriebau umfassten. Ebenso wichtig blieben Leder- und Holzverarbeitung, Liebe zum Detail und die verwendeten Materialien. Von Leder werde man nicht abrücken, kündigt Walliser zusätzliche Materialien wie Merinowolle an, allerdings nicht als Ersatz, sondern als Alternative. Parallel dazu müsse Bentley bei Softwareangeboten, Elektronikarchitekturen, Batterien und Ladezeiten technologisch dranbleiben.
Reine Fahrleistungswerte hält Walliser dagegen für wenig aussagekräftig. Ob ein Auto in 2,5, 2,4 oder 1,9 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunige, sei für Kund:innen nicht relevant, sagt er. Bei Elektroautos sei ohnehin vieles technisch machbar, was allein noch nicht interessant mache. Auch 1000 PS führten nicht automatisch zu einem besseren Auto. Entscheidend bleibe für Walliser das emotionale Fahrerlebnis.
Quelle: Press-Inform – Per Mail









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