Vor Ort erlebt: Kopenhagens Busse fahren komplett elektrisch

Vor Ort erlebt: Kopenhagens Busse fahren komplett elektrisch
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Elektroauto-News

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 7 min

Wenn von vorbildlicher Mobilität in Europa die Rede ist, fällt der Blick fast automatisch in den Norden. Die skandinavischen Länder gelten als Maßstab für eine konsequente Verkehrswende, das gilt für Norwegen ebenso wie für Schweden, Finnland und Dänemark. Wie viel davon im Alltag wirklich ankommt, lässt sich allerdings nur dort beurteilen, wo Mobilität jeden Tag stattfindet. Elektroauto-News war Mitte April in Kopenhagen unterwegs, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen – von Ladeinfrastruktur, E-Auto-Anteil im Straßenbild, Radverkehr und weiteren Alternativen. Einer der ersten Berührungspunkte mit dem dänischen Mobilitätssystem aber war fast unausweichlich der ÖPNV, und hier vor allem das Busnetz.

Wer in Kopenhagen aus dem Bahnhof tritt und in einen Stadtbus einsteigt, bemerkt schnell etwas, das sich zunächst nicht zeigt, sondern hörbar wird – oder eben gerade nicht. Das Anfahrgeräusch dieselbetriebener Stadtbusse, in vielen europäischen Hauptstädten ein prägendes Element der akustischen Kulisse, fehlt hier weitgehend. Busse gleiten nahezu lautlos an Haltestellen an und ab. Dahinter steht keine Momentaufnahme, sondern das Ergebnis einer politischen Entscheidung, die vor zehn Jahren begann und nun vollendet ist.

Ein Endpunkt nach zehn Jahren Umstellung

Kopenhagen hat den städtischen Busverkehr vollständig auf elektrischen Antrieb umgestellt. Mit dem Wechsel der Linien 5C und 19 auf batterieelektrische Busse sind alle 42 durch die Stadt finanzierten Buslinien emissionsfrei unterwegs. Kein Stadtbus mit Verbrennungsmotor verkehrt mehr im Auftrag der Kommune. Die Umstellung markiert einen Endpunkt, der 2016 mit einem Beschluss im Kopenhagener Rathaus begann.

Damals entschieden die Politiker:innen, dass alle von der Kommune finanzierten Buslinien schrittweise auf Fahrzeuge ohne CO2-Ausstoß am Motor umgestellt werden sollten. Parallel dazu einigten sich Movia, das größte öffentliche Verkehrsunternehmen in Dänemark, und die dahinterstehenden Eigentümer – 45 Kommunen und zwei Regionen auf Seeland – auf ein regionales Ziel: Bis 2030 sollte die Hälfte aller Busse elektrisch fahren. Diese Marke wurde bereits 2024 erreicht, sechs Jahre früher als ursprünglich geplant.

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Seither hat sich der Anteil weiter erhöht. Mit der jüngsten Indienststellung von 62 neuen E-Bussen auf den Linien 5C, 350S und 19 liegt der Elektroanteil in Movias Gesamtflotte bei 72 Prozent, was fast 800 Fahrzeugen im täglichen Einsatz entspricht. Die 37 neuen Busse auf der Linie 5C, die 15 auf der Linie 19 und die zehn auf der Linie 350S bedienen Strecken in der Hauptstadtregion sowie in den Kommunen Brøndby, Frederiksberg, Glostrup, Herlev, Rødovre und Tårnby.

Linie 5C ist bis zuletzt mit Biogas gefahren, seit 2017. Mit der aktuellen Umstellung auf Batterieantrieb verschwindet damit auch die letzte gasbetriebene Großlinie aus dem Stadtbild. Linie 19, die zwischen Glostrup Station, Frederiksberg und Valbyparken verkehrt, war zuvor noch dieselbetrieben. Für Kopenhagen bedeutet die Umstellung eine jährliche Einsparung von rund 14.700 Tonnen CO2. Auf der Ebene Movias summiert sich die Reduktion durch die gesamte Umstellung auf Seeland und den umliegenden Inseln auf etwa 54.000 Tonnen CO2 pro Jahr.

Was im Stadtraum davon ankommt

Wie sich diese Bilanzzahlen im Alltag niederschlagen, lässt sich auf der Linie 5C besonders unmittelbar beobachten. Dänemarks am stärksten nachgefragte Buslinie mit rund 17 Millionen Fahrgästen pro Jahr fährt in dichter Taktung, in den Stoßzeiten teilweise im Fünf-Minuten-Abstand, bei vollbesetzten Fahrzeugen. An den Haltestellen entlang der Strecke folgt in den Morgenstunden ein Bus auf den nächsten – ohne dass der gewohnte Geräuschteppich entsteht. Türen öffnen, Fahrgäste steigen ein und aus, der Bus fährt weiter. Was in vielen anderen Großstädten als hörbarer Vorgang wahrgenommen wird, geschieht hier fast geräuschlos.

Auffällig ist auch, was im Straßenraum nicht zu sehen ist. Ladeinfrastruktur ist für Fahrgäste praktisch nicht präsent. Keine Ladesäulen an Endhaltestellen, keine Pantograph-Konstruktionen über den Stoppplätzen, kein sichtbarer Hinweis auf die Energieversorgung der Flotte. Das hat einen technischen Grund: Movia setzt überwiegend auf Depot-Laden. Die Busse werden über Nacht auf den Betriebshöfen der privaten Betreiber mit Strom versorgt, die das Unternehmen im Rahmen langfristiger Ausschreibungen mit den Linien beauftragt. Die Energie kommt dorthin, wo die Fahrzeuge ohnehin stehen, und nicht dorthin, wo Fahrgäste ein- und aussteigen.

Nur für einzelne Einsatzszenarien – etwa die besonders lange Linie 600S zwischen Ishøj und Hillerød mit 74,5 Kilometern – sind zusätzliche Ladepunkte an Endhaltestellen vorgesehen. Darüber hinaus hat Siemens einen Rahmenvertrag mit Movia über Hochleistungsladestationen mit Pantograph-Technik geschlossen, die je nach Bedarf mit 150, 300 oder 450 kW laden können. Im sichtbaren Stadtbild bleibt diese Infrastruktur jedoch die Ausnahme.

Günstiger als in deutschen Metropolen

Auch der Tarif lässt sich im Stadtbild nicht übersehen, sondern im Portemonnaie ablesen. Ein Einzelticket für zwei Zonen, das im zentralen Kopenhagener Netz den Großteil der 5C-Strecke abdeckt, kostet 24 dänische Kronen. Umgerechnet entspricht das rund 3,10 Euro. Die Fahrkarte gilt anschließend für 60 Minuten und ist auf Bus, Metro, S-Bahn und Hafenbus gleichermaßen einsetzbar.

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Im Vergleich mit den großen deutschen Verkehrsverbünden liegt Kopenhagen damit spürbar günstiger. In Berlin kostet der Einzelfahrausweis AB seit Januar 2026 vier Euro, in München 4,10 Euro für die Zone M, in Hamburg werden 3,90 Euro fällig. Dänemarks Hauptstadt unterbietet die drei Referenzstädte um rund einen Euro pro Fahrt – bei allerdings kürzerer Gültigkeitsdauer, denn die deutschen Einzelfahrkarten sind je nach Verbund zwischen 90 und 120 Minuten gültig. Für Vielfahrer:innen bietet Movia den City Pass Small an, der für 100 DKK, rund 13 Euro, 24 Stunden unbegrenzte Fahrten in den Zonen 1 bis 4 inklusive Flughafenanbindung ermöglicht.

Chinesische Hersteller dominieren die E-Bus-Flotte

Ein Blick auf die eingesetzten Fahrzeuge zeigt, dass die dänische Hauptstadtelektrifizierung stark auf asiatischer Industrie aufbaut. Movias Flotte umfasst nach eigenen Angaben 262 Elektrobusse des chinesischen Herstellers Yutong, die seit 2019 schrittweise in Betrieb genommen wurden. Hinzu kommen Fahrzeuge von BYD, die vom privaten Betreiber Anchersen auf mehreren Linien eingesetzt werden – darunter 13 Meter lange Niederflurbusse mit Lithium-Eisenphosphat-Batterien und einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Aber auch einige europäische Hersteller sind vertreten, etwa mit 25 MAN Lion’s City 12 E, die ebenfalls für Movia fahren.

Diese Herkunftsverteilung ist nicht frei von politischen Fragen: Im November 2025 startete Movia gemeinsam mit dem norwegischen Betreiber Ruter eine Untersuchung einer Sicherheitslücke bei den Yutong-Bussen. Die Fahrzeuge können laut Analyse „over the air“ mit Software-Updates und Diagnosedaten versorgt werden, was theoretisch auch eine Fernabschaltung durch den Hersteller ermöglichen würde. Movia hat angekündigt, diese Zugänge einzuschränken. Der Vorgang zeigt, dass die Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs inzwischen auch geopolitische und sicherheitstechnische Dimensionen berührt.

Kopenhagens Position im europäischen Vergleich

Im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten wird die Besonderheit der Kopenhagener Umstellung deutlich. Oslo, oft als Vorreiter der nordeuropäischen Elektromobilität genannt, betreibt derzeit rund 450 Elektrobusse und strebt einen emissionsfreien öffentlichen Nahverkehr bis 2028 an. Helsinki verfügt über etwa 450 E-Busse, Amsterdam arbeitet ebenfalls an einer schrittweisen Umstellung. London setzt mit knapp 1400 Elektrobussen auf Volumen, bei einer Zielmarke von vollständig emissionsfreier Flotte bis 2034. Die Zahlen stammen aus Erhebungen des Smart City Expo World Congress.

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Der Unterschied liegt im Abschluss. Während andere Hauptstädte den Anteil elektrischer Stadtbusse schrittweise erhöhen, hat Kopenhagen den Übergang für den kommunal finanzierten Teil des Netzes bereits abgeschlossen. Die verbleibenden regionalen Linien, die durch Movia und andere Kommunen auf Seeland mitfinanziert werden, folgen dem gleichen Pfad, aber mit anderen Zeithorizonten. Dänemark gehört außerdem zu den Ländern, in denen nach Angaben von Transport & Environment bereits heute nahezu 100 Prozent der neu verkauften Stadtbusse emissionsfrei sind.

Was sich im Stadtraum davon ablesen lässt, ist der unmittelbare Effekt: weniger Lärm, weniger Partikel, weniger Stickoxide. Dass der Wechsel auf elektrische Busse funktionieren kann, wenn Kommunen, Verkehrsverbünde und Betreiber über ein Jahrzehnt hinweg in dieselbe Richtung arbeiten, zeigt Kopenhagen nun im vollen Umfang. Die Frage, wie belastbar diese Infrastruktur im Dauerbetrieb und unter extremen Wetterbedingungen ist, werden die kommenden Winter beantworten – Oslo hat hier bereits gezeigt, dass auch gut geplante Flotten an ihre Grenzen stoßen können.

Quelle: Elektroauto-News – Recherche vor Ort im April 2026 / kk.dk – Nu sker det: Københavns buslinjer overgår til 100 procent el / Movia – Nye elbusser på gaden – nu kører 72 pct. af Movias busser på el / Sustainable Bus – Copenhagen achieves 100% electric bus network as Movia deploys 62 new units / NBC News – Fearing vulnerability to China, Europe has a new worry: Electric buses / CleanBusPlatform.eu – Interview: how Movia is realising the green transition in Copenhagen / SmartCityExpo – The top European cities with the greenest transportation
/ Sustainable Bus – Zero-emission buses reach 60% of EU city bus market in 2025

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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