Mit Schwächen ist das so eine Sache. Bei Menschen werden sie gerne mal geduldet und verziehen – oft genug sogar geschätzt, weil bekanntermaßen außer dem Papst niemand unfehlbar ist, und kleine Fehler erst sympathisch machen. Bei Produkten indes lieben wir es perfekt. Beim Auto ganz besonders, weil man ja einen Haufen Geld hingelegt hat und als Gegenleistung erwartet, dass nichts klappert, wackelt oder gar bricht. Erst recht nicht bei hohem Tempo. Spätestens da ist Schluss mit Nachsicht und Großzügigkeit.
Im slowenischen Revoz-Werk hat der Fehler praktisch nur Feinde. Von Morgengrauen bis Schichtende sind alle hinter ihm her. In den gewaltigen Hallen, an den Bändern, auf Schritt und Tritt. Seit Anfang der 1970er-Jahre bauen sie in Novo Mesto Autos der Marke Renault. Schon zu einer Zeit also, da die Autobranche – und die Kundschaft – noch deutlich gelassener mit kleinen Unzulänglichkeiten umgingen. Wer hätte sich vor einem halben Jahrhundert bei einem R4 an Spaltmaßen oder kleinen Lackfehlern gestört? Man war froh, wenn man überhaupt ein Auto sein Eigen nennen durfte.

Heute stößt das Werk Clios der Generation V und elektrische Twingos aus wie eine Kette Würstchen. Rund 300 Stück am Tag. Die Motoren der einen haben Kolben, die der anderen Wicklung – und nichts darf schieflaufen. Nicht bei den 85 Sattelzügen, die jeden Tag Tonnen von Teilen anliefern. Nicht bei den autonomen Wägelchen, die wie von Geisterhand die Bänder mit Nachschub versorgen – und selbstverständlich nicht bei den 1650 Beschäftigten, die alles sinnreich zusammenfügen. Das Zauberwort heißt Qualitätsmanagement.
Das beginnt schon im sogenannten Body Shop, wo Roboterarme im Sekundentakt Bleche jonglieren – just dorthin, wo mächtige Schweißzangen sie mit 5000 Punkten zu Karosserien zusammenbrutzeln. Laser und Linsen tasten die stählernen Gerippe anschließend an mehr als 70 Messpunkten berührungsfrei auf Ungenauigkeiten ab, prüfen Nähte und Versiegelung gleichermaßen. Künstliche Intelligenz vergleicht die Werte in Echtzeit mit den Vorgaben und schlägt Alarm bereits bei Abweichungen, die noch weit unterhalb der zulässigen Toleranz liegen.

Künstliche Augen finden sich auch abseits automatischer Arbeit: Bei der Tür-Montage etwa, wo menschliche Finger Laufschienen, Gestänge, Kabel und Stecker auf engstem Raum montieren und verlegen müssen, weil sie jedem Greifer überlegen sind. Auch die Verlegung des Teppichbodens im Fußraum ist immer noch Handarbeit. Das Ergebnis dokumentieren Kameras, die 250 Bilder in der Sekunde schießen können.
Ähnliches gilt für den Unterboden, wo strengem Automatenblick und Künstlicher Intelligenz keine fehlende Mutter entgeht, keine schiefe Schraube und kein geplatzter Plastikclip. Am Ende der rund neun Arbeitsstunden, die ein Auto von der ersten Schweißnaht bis zur Endkontrolle braucht, werden mehrere hundert Aufnahmen entstanden sein, die ebenso in die große Datenbank wandern wie die Werte sämtlicher Maschinen – von der Temperatur des Roboterarms bis zum Drehmoment jedes einzelnen Elektroschraubers.


Kein Wunder also, dass es im Büro von Thierry Charvet vergleichsweise spartanisch aussieht. Der Mann, der bei Renault Qualität und Lieferketten verantwortet, braucht im Grunde nichts als Laptop und Sitzgelegenheit. Alles Wichtige sieht er auf riesigen Wandbildschirmen. In Echtzeit und rund um die Uhr. Kleine rote Pünktchen markieren, in welchem Werk auf der Welt es wann zu einem Problem gekommen ist, wo aktuell eine Maschine streikt – und warum womöglich der Nachschub stockt. Man darf daher vermuten, dass Charvets Lieblingsfarbe Grün ist. Dann nämlich stimmen Auslastung, Qualität, Arbeitsplatzsicherheit und all die anderen Parameter, die sich zu Tausenden aus Skalen, Diagrammen und Grafiken herauslesen lassen. Seit zehn Jahren perfektioniert Renault diese Digitalisierung. Mittlerweile sieht sich der Hersteller führend in diesem Bereich.

Und nur mit einer solchen Fülle an Daten lassen sich Entwicklungszeiten von 21 Monaten für ein Auto wie den aktuellen Twingo E-Tech realisieren. Eine Spanne, in der man es vor zwei, drei Jahren gerade mal bis zum ersten Prototypen gebracht hätte. Charvet spricht nicht ohne Stolz von „Benchmark in Europa“. Von der Welt der Maschinen ins Metaversum und weiter in die Kontrollräume vergehen bei Renault nur Millisekunden. Und jeden Tag geht es ein klein wenig schneller.








Wird geladen...