Nach Jahren der Ankündigungen, Pilotprojekte und Testfelder rückt ein lange diskutiertes Konzept näher an den Alltag heran: Elektroautos sollen nicht nur Strom verbrauchen, sondern als flexible Energiespeicher für Gebäude dienen. Mit dem Start der Serienproduktion der Evems-Box will das Unternehmen Evems zeigen, dass bidirektionales Laden mehr sein kann als ein theoretisches Versprechen. Der Anspruch ist hoch, denn bisher scheiterten vergleichbare Ansätze oft weniger an der Idee als an ihrer praktischen Umsetzung.
Im Kern geht es um eine bekannte Schwachstelle heutiger Energiesysteme. Photovoltaikanlagen erzeugen Strom, wenn er nicht immer gebraucht wird, während Speicherlösungen in vielen Haushalten begrenzt sind. Gleichzeitig stehen in Garagen leistungsfähige Batterien, die meist ungenutzt bleiben, sobald das Auto geparkt ist. Die Evems-Box soll diese Lücke schließen, indem sie Haus, Stromerzeugung, stationären Speicher und Auto-Batterie in einem System verbindet.
Ein zentraler Punkt in der Argumentation ist die Notstromfähigkeit. Bei einem Ausfall des öffentlichen Netzes, wie er zuletzt etwa in Berlin auftrat, soll das Gebäude weiter versorgt bleiben. Evems verweist darauf, dass viele bestehende Photovoltaikanlagen in solchen Situationen automatisch abschalten und damit selbst bei Sonnenschein keinen Strom liefern. Das System des Unternehmens soll dieses Problem umgehen, indem es einen Inselbetrieb ermöglicht und Erzeugung, Speicher und Verbraucher intern koordiniert.
In der Theorie ist dieser Ansatz schlüssig, in der Praxis jedoch anspruchsvoll. Inselbetrieb erfordert eine saubere Trennung vom Netz, stabile Regelung von Spannung und Frequenz sowie eine Priorisierung der Verbraucher. Zwar nennt Evems konkrete Leistungsdaten, etwa eine Abgabeleistung von bis zu 15 Kilowatt im Notstrombetrieb, doch sagt dieser Wert allein wenig darüber aus, wie ein Haushalt mit Wärmepumpe, Ladeinfrastruktur und weiteren Großverbrauchern im Ernstfall tatsächlich versorgt werden kann. Entscheidend dürfte sein, wie flexibel das System Lasten begrenzt und welche Reserven realistisch verfügbar sind.
Stationärer Speicher und Auto-Akku im Zusammenspiel
Als Puffer dient ein integrierter Batteriespeicher mit 35 Kilowattstunden Kapazität. Reicht diese Reserve nicht aus, soll zusätzlich die Batterie eines angeschlossenen Elektroautos genutzt werden können. Damit verschiebt sich die Rolle des Autos: Es wird vom reinen Verkehrsmittel zu einem Bestandteil der häuslichen Energieversorgung. Das Unternehmen spricht davon, dass nahezu alle Elektroautos entladen werden könnten, demonstriert wird dies unter anderem an einem elektrischen Transporter mit integrierter Evems-Box.
Gerade diese breite Kompatibilitätsaussage verlangt jedoch eine differenzierte Betrachtung. Bidirektionales Entladen über CCS ist technisch möglich, wird aber von den Autoherstellern unterschiedlich freigegeben. Softwarestände, Sicherheitsmechanismen und Ladefreigaben variieren teils erheblich. Dass ein Anschluss physisch vorhanden ist, bedeutet nicht automatisch, dass das Auto im Alltag zuverlässig als Energiespeicher genutzt werden kann. Hier dürfte sich erst im Feld zeigen, wie groß der Kreis der tatsächlich kompatiblen Modelle ist und welche Einschränkungen gelten.
Ein weiteres Szenario, das Evems beschreibt, ist das aktive „Nachladen“ von Energie. Ist die Hausversorgung erschöpft, kann das Auto extern geladen und anschließend wieder ans Gebäude angeschlossen werden. Das erinnert an klassische, netzunabhängige Versorgungskonzepte, etwa mit Brennstoffen. Allerdings setzt dieses Modell voraus, dass Ladeinfrastruktur verfügbar ist und Mobilität nicht gleichzeitig benötigt wird. In städtischen Regionen oder bei längeren Stromausfällen stößt diese Logik schnell an praktische Grenzen.
Sobald Auto-Batterien regelmäßig in die Energieversorgung eingebunden werden, rückt die Frage nach Alterung und Garantie in den Fokus. Evems betont, dass in den Garantiebedingungen der Hersteller kein ausdrücklicher Ausschluss für bidirektionales Laden zu finden sei. Das stimmt formal, ist jedoch nur bedingt belastbar. Die meisten Garantien definieren Grenzwerte für Alter und Restkapazität, nicht aber jedes denkbare Nutzungsszenario. Ob bidirektionales Laden im Schadensfall akzeptiert wird, hängt daher vom Einzelfall und der Auslegung durch den Hersteller ab.
Moderate Nutzung als technisches Gegenargument hinsichtlich Batterieschädigung
Technisch ist der Hinweis auf moderate Lade- und Entladevorgänge nachvollziehbar. Batterien altern langsamer, wenn sie nicht dauerhaft vollgeladen oder tiefentladen werden. Evems gibt an, die Auto-Batterien im Regelbetrieb nur in einem Bereich zwischen etwa 30 und 80 Prozent zu nutzen und die Leistung meist im niedrigen Kilowattbereich zu halten. Solche Werte liegen innerhalb dessen, was auch durch Nebenverbraucher wie Heizung oder Klimatisierung entsteht. Dennoch bleiben Langzeiterfahrungen unter realen Bedingungen bislang begrenzt.
Für die eigenen Komponenten gewährt Evems eine fünfjährige Herstellergarantie auf Batterie und Wechselrichter. Für die Hochvoltbatterien der Autos kann das Unternehmen naturgemäß keine Verantwortung übernehmen, da der Zugriff auf Batteriemanagementsysteme und Fahrzeugdaten bei den Herstellern liegt. Diese Trennung der Zuständigkeiten ist branchenüblich, zeigt aber auch, warum sich viele V2H- und V2G-Konzepte bislang schwer in den Markt integrieren lassen.
Der Start der Serienproduktion markiert dennoch einen Schritt nach vorn. Systeme wie dieses zeigen, dass die Diskussion um bidirektionales Laden aus der Konzeptphase herauswächst. Ob sich der Ansatz im Alltag durchsetzt, wird weniger von technischen Datenblättern abhängen als von Kompatibilität, Installationsaufwand, rechtlicher Klarheit und der Frage, wie viel Verantwortung Nutzer:innen bereit sind, ihrem Auto als Teil der Energieinfrastruktur zu übertragen.
Quelle: Austausch mit Evems / Evems – Pressemitteilung








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