Autonome Shuttles ohne Sicherheitspersonal könnten in absehbarer Zeit fester Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs werden. Vor wenigen Tagen haben Deutsche Bahn, Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und der Fahrzeughersteller Holon dafür zwei parallele Schritte angekündigt: Mit Kira+ startet ein konkretes Testprojekt im Rhein-Main-Gebiet, während ein bundesweites Konsortium daran arbeitet, die dafür nötige Betriebsbereichsgenehmigung deutlich schneller verfügbar zu machen. Beide Vorhaben sollen den Übergang vom Pilotbetrieb in den Regelbetrieb vorbereiten.
Kira+ ist das Nachfolgeprojekt des bis Ende 2026 laufenden Vorhabens Kira. Getestet wird autonomer On-Demand-Verkehr in Teilen von Darmstadt und dem Kreis Offenbach, gemeinsam mit den lokalen Partnern Heag mobilo und der Kreisverkehrsgesellschaft Offenbach. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Testbetrieb, erste Fahrten zum Einlesen der Gebiete sind im Laufe des Jahres 2027 geplant. Gebucht wird über eine eigene App des Unternehmens ioki, das Fahrtanfragen koordiniert und die Routenplanung übernimmt.
Zum Einsatz kommt der barrierefrei ausgelegte Holon urban mit autonomer Fahrtechnologie von Mobileye. Das Fahrzeug bietet fünf Sitzplätze sowie einen Rollstuhlplatz, bei dessen Nutzung drei Sitzplätze verbleiben. Sicherheitspersonal begleitet die Fahrten auf SAE-Level 4 und überwacht die Systeme durchgehend. Nach Hamburg und Paderborn ist das Rhein-Main-Gebiet die dritte deutsche Region, in der der Holon urban auf öffentlichen Straßen fährt.
Modellregion Rhein-Main als erklärtes Ziel
Übergeordnetes Ziel von Kira+ ist die Vorbereitung einer Modellregion für autonomes Fahren im ÖPNV, in der autonome Angebote nicht mehr nur pilotiert, sondern Teil des regulären Nahverkehrs sind. RMV-Geschäftsführer Knut Ringat sieht darin die Chance, „auch künftig überall und zu jeder Zeit einen attraktiven und finanzierbaren ÖPNV anzubieten“, sofern die nötige politische Unterstützung folgt. DB-Regio-Vorstandsvorsitzender Harmen van Zijderveld betont, autonome Fahrzeuge müssten „klug in den ÖPNV integriert“ werden, statt einfach zusätzliche Autos auf die Straße zu bringen. Dazu gehören für ihn auch die Nutzbarkeit für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste und eine verlässliche technische Aufsicht in der Leitstelle.
Eingebettet ist das Projekt in das Förderprogramm MILA.mobility des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, das eine gemeinsame Middleware-Architektur für Leitstellen und Dispositionssysteme entwickeln soll. Kira+ zählt dort zu den fünf Testfeldern. Wissenschaftlich begleitet wird das Vorhaben vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt, Branchenpartner ist der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Bereits vorhandene Kompetenzen aus dem Vorgängerprojekt KIRA werden weiter genutzt.
Genehmigung soll künftig in drei Monaten stehen
Parallel dazu treibt ein weiteres, bundesweites Konsortium die rechtlichen Grundlagen für den fahrerlosen Betrieb voran. Beteiligt sind neben DB Regio und RMV der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund, das Kraftfahrt-Bundesamt, die Landesbaudirektion Bayern München, Hessen Mobil, DEKRA, Holon, Mobileye, der VDV, UnternehmerTUM mit MCube Consulting sowie die RÖDL Beratungsgesellschaft. Ziel ist es, die Betriebsbereichsgenehmigung künftig innerhalb von rund drei Monaten zu erreichen, sobald die ersten autonomen Fahrzeuge auf den Markt kommen. Die Ergebnisse sollen direkt in kommende Genehmigungsverfahren in Hessen und Bayern einfließen.
Der Weg zum fahrerlosen Einsatz führt über zwei Genehmigungsstufen: die Typgenehmigung des Fahrzeugs, die bislang niemand für ein autonomes Fahrzeug vollständig durchlaufen hat, und die anschließende Betriebsbereichsgenehmigung durch die zuständigen Landesbehörden. Diese legt fest, auf welchem Straßennetz ein Fahrzeug fahrerlos unterwegs sein darf, etwa in einer Stadt oder einem Landkreis. Aufwändig ist bislang vor allem der Abgleich zwischen den Fähigkeiten eines Fahrzeugs, der sogenannten Operational Design Domain, und dem tatsächlichen Betriebsbereich, von Straßenbreiten über Kurvenradien bis zur Fahrbahnoberfläche. Da künftige Betriebsbereiche mehrere tausend Streckenkilometer umfassen können, soll dieser Abgleich automatisiert und damit präziser und schneller werden.
Konkret umfasst das Vorhaben vier Arbeitsschritte: die Vereinheitlichung der Fähigkeitsbeschreibung am Beispiel des Holon urban, die detaillierte Beschreibung zweier realer Betriebsbereiche, einer in Hessen, der andere in Bayern, ein automatisierter Abgleich zwischen Betriebsbereich und Fahrzeugfähigkeiten auf Basis echter Straßendaten sowie ein vollständiger, dokumentierter Durchlauf des Genehmigungsverfahrens inklusive Prüfung durch einen Technischen Dienst. Ein rechtsverbindlicher Bescheid ist damit nicht verbunden.
Das Projekt läuft von Oktober 2026 bis zum Sommer 2027, in dieser Zeit sollen auch Genehmigungsformulare und formale Anforderungen an die Unterlagen entstehen. Entscheidend für die Fahrzeugseite ist die Wiederholbarkeit des Verfahrens: Erst wenn ein einmal beschriebenes Fahrzeug in verschiedenen Regionen nach demselben Verfahren genehmigt werden kann, entsteht die Planungssicherheit, die Serienfertigung und ein flächendeckender Einsatz voraussetzen.
Quelle: Deutsche Bahn AG – Pressemitteilung / Rhein-Main-Verkehrsverbund GmbH – Pressemitteilung









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