JACs Plan für Europa: Erst das Ökosystem, dann die Fahrzeuge

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JAC Motors

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 9 min

Im städtischen Lieferverkehr ist der elektrische Transporter kein Sonderfall mehr. Nahezu jeder Hersteller führt inzwischen einen Transporter für die letzte Meile im Programm, entsprechend eng ist der Wettbewerb um Flottenkunden in Europa. Neue Anbieter treten deshalb nicht allein über Reichweite, Ladevolumen und Nutzlast an, sondern über das, was nach dem Kauf folgt: Zugang zur Werkstatt, Ersatzteile, Finanzierung und passende Aufbauten. Auf der IAA Transportation 2026 in Hannover hat JAC Motors genau diesen Teil des Geschäfts in den Vordergrund gestellt.

Den Anlass liefert ein E-Fahrzeug, das nun konkret wird. Der Sunray Pro, ein rein elektrischer Kastenwagen für die urbane Zustellung, feierte auf der Messe seine Europa-Premiere. Vor zwei Jahren hatte das Unternehmen an gleicher Stelle unter dem Leitmotiv „For Greener Cities, NOW“ seine europäischen Absichten formuliert, damals ohne belastbare Struktur im Rücken und mit einem leichten E-Lkw als einzigem Exponat. Diesmal steht ein Datum im Raum: Die Markteinführung ist für die erste Hälfte des Jahres 2027 vorgesehen.

Deutschland gehört dabei zur ersten Welle. „Wir haben die Demofahrzeuge vor fünf Wochen erhalten und führen derzeit die Tests durch“, so Mr. Yu, General Manager der International Business Division von JAC Motors, im Gespräch mit Elektroauto-News-Herausgeber Sebastian Henßler. Im vierten Quartal 2026 sollen ausgewählte Flottenkunden den Transporter unter realen Einsatzbedingungen erproben, parallel läuft die Erprobung in weiteren europäischen Ländern. Erste kleinere Tests mit einzelne Kund:innen hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits vorgenommen.

Austausch zwischen Mr. Yu und EAN-Herausgeber Sebastian Henßler

Auf die Frage, womit sich die Marke von den etablierten Anbietern abheben will, verweist Mr. Yu nicht auf technische Daten. „Das Produkt ist wichtig, es bildet die Basis für die Lösung, die der Kunde braucht. Aber es geht nicht allein um das Produkt, sondern stärker um den Service nach dem Kauf, um Ersatzteile, um die Finanzierung und um die unterschiedlichen Aufbaulösungen.“ Sein Ziel beschreibt er als Ökosystem, das eine verlässliche Gesamtlösung bieten soll. Dass ein solches Netz Zeit braucht, räumt er offen ein: „Wir verstehen, dass das langfristig angelegt ist. In einem oder zwei Jahren lässt sich das nicht erreichen.“

Das Ökosystem entsteht vor dem Marktstart

Ein Teil dieser Arbeit liegt bereits hinter dem Unternehmen. Im Dezember 2025 gründete JAC in Turin seine erste europäische Tochtergesellschaft, die als Regionalzentrale dient. „Wir haben unsere Aktivitäten in Europa etabliert, eine Regionalgesellschaft in Italien gegründet und Partner in Spanien, Deutschland, Polen und vielen weiteren Ländern gewonnen“, so Mr. Yu. Zu diesem Netzwerk zählen Vertrieb und Kundendienst ebenso wie Aufbauhersteller und Finanzdienstleister. Aktuell ist die Marke in 13 europäischen Ländern vertreten, mit acht Vertriebspartnern, mehr als 50 Verkaufsstellen und über 100 Servicepunkten.

JAC Motors

Aus diesen Bausteinen soll ein Angebot werden, das den Fahrzeugverkauf nur noch als Einstieg begreift. Auf der Pressekonferenz umriss der Hersteller eine Komplettlösung, die neben dem E-Fahrzeug selbst die Finanzierung, Energiespeicher und Ladeinfrastruktur, das Flottenmanagement, Service und Wartung sowie das Recycling der Batterien umfasst. Flottenbetreiber sollen damit für den Umstieg auf elektrische Antriebe nur einen Ansprechpartner benötigen, statt sich die einzelnen Leistungen am Markt zusammenzusuchen.

Wie tragfähig der Ansatz sein kann, zeigt sich bislang vor allem in Spanien. Den dortigen Marktanteil im Segment der 7,5-Tonner bezifferte Jimmy Deng, stellvertretender Geschäftsführer der Region Europa und Nordamerika bei JAC International, auf der Pressekonferenz für das erste Halbjahr 2026 auf 41 Prozent. Zudem ist das Unternehmen in Spanien für den Titel „Eco Truck of the Year“ nominiert. Der weitere Ausbau läuft nach Unternehmensangaben in Frankreich, Italien, Polen, Tschechien, der Slowakei und Rumänien. Bis 2028 sollen alle großen europäischen Märkte abgedeckt sein.

Warum eine Fertigung in Europa zum Muss wird

Offen bleibt die Frage, ob dem Vertriebsnetz eine Produktion folgt. Mr. Yu verweist dabei auf den EU-Aktionsplan für die Automobilindustrie, der zu Jahresbeginn diskutiert wurde, und formuliert die Konsequenz für sein Unternehmen ohne Umschweife: „Alle in der Automobilindustrie wissen, wie das derzeitige Umfeld aussieht. Uns ist klar, dass es langfristig ein Muss ist, in Europa präsent zu sein, und nicht nur Fahrzeuge hierher zu verkaufen.“

Der Einstieg soll dort erfolgen, wo die Wertschöpfung ohnehin lokal stattfindet. „Wir arbeiten bereits mit lokalen Partnern zusammen. Vielleicht starten wir mit einigen Aufbauherstellern und den lokalen Anwendungen und schauen dann auf die lokale Produktion“, erläutert er. Das Unternehmen befinde sich in Gesprächen und Studien, ein Termin steht nicht im Raum. „Zum Zeitplan möchte ich nichts sagen. Wir haben es im Kopf und glauben, dass es in Zukunft kommen wird.“

Leitend sei dabei der Gedanke, beiden Seiten einen Vorteil zu verschaffen: „Wir müssen gemeinsam etwas schaffen, um die Stärken beider Seiten zu teilen.“ Gemeint sind nicht nur Zulieferer und Aufbauhersteller, sondern ausdrücklich auch Händler und Kund:innen, mit denen JAC nach Darstellung von Mr. Yu Erfahrung und Wissen teilen will.

Eine Plattform, die viele Aufbauten tragen soll

Die technische Antwort auf die Vielfalt europäischer Anforderungen liegt in der Architektur. Der Sunray Pro steht auf einer neu entwickelten Skateboard-Plattform, die Antrieb, Thermomanagement, Fahrwerk und Domänensteuerung zusammenfasst und damit unterschiedliche Karosseriegrößen und Antriebsvarianten tragen kann. Vorgesehen sind fünf Karosserieversionen, wahlweise als Links- oder Rechtslenker, in zwei Längen mit fünf und 5,4 Metern sowie mit drei Dachhöhen. Das Ladevolumen reicht dann von 7,3 bis 11,25 Kubikmetern, neben dem Kastenwagen sollen Personentransporter, Kombis und Fahrgestelle entstehen. Als Einsatzfelder nennt JAC unter anderem Kühltransporte, mobile Werkstätten und Krankenwagen.

Elektroauto-News | JAC N42 EV

In Hannover zeigte der Hersteller die fünf Meter lange Variante als ersten Vertreter dieser Familie. Eine LFP-Batterie von CATL mit rund 83,5 kWh Kapazität ermöglicht nach WLTP eine kombinierte Reichweite von 348 km, im reinen Stadtzyklus sind es 523 km. Angetrieben wird die Vorderachse von einem permanenterregten Synchronmotor, der dauerhaft 75 kW und in der Spitze 150 kW leistet, das Drehmoment liegt bei 170 beziehungsweise 330 Nm. Der Laderaum fasst 8,3 Kubikmeter, die Nutzlast beträgt 1300 kg, hinzu kommt eine Ladekante von 495 Millimetern, die das Be- und Entladen im Zustellbetrieb beschleunigen soll. Diese vier Werte bezeichnete Deng als die professionellen Kernvorteile des Transporters. Mr. Yu setzt sie ins Verhältnis zu den Abmessungen, die bei 5000 × 1980 × 2180 Millimetern liegen: „Von der Größe her ist es ein mittelgroßer Transporter. Er kann aber das Volumen eines großen Vans bieten.“

Praktisch relevant ist zudem das zulässige Gesamtgewicht. Mit 3,5 Tonnen bleibt der Sunray Pro im Bereich des gewöhnlichen Pkw-Führerscheins, was ihn für Zustelldienste ohne eigene Lkw-Fahrer:innen zugänglich macht. Das Leergewicht liegt bei 2,2 Tonnen, die Höchstgeschwindigkeit bei 120 km/h, im Fahrerhaus finden drei Personen Platz.

Elektroauto-News | T9 PHEV

Über die Wirtschaftlichkeit entscheidet im Zustellbetrieb auch die Standzeit. JAC setzt beim Laden auf eine Rate von 2C, was bei der verbauten Kapazität rechnerisch gut 167 kW entspricht. Flüssigkeitskühlung und -heizung sollen die Zellen in unterschiedlichen Einsatzszenarien stabil auf Temperatur halten, sodass der Vorgang von 30 (!) auf 80 Prozent nach Herstellerangaben gut 29 Minuten dauert, und zwar auch bei minus 10 Grad Celsius. Deng übersetzte das in den Arbeitsalltag: Der Ladestopp entspreche einer Kaffeepause. Am Wechselstromanschluss lädt der Transporter mit 11 kW, eine volle Ladung von null auf 100 Prozent dauert dort 9,2 Stunden. Auf die Batterie gewährt das Unternehmen eine Garantie über acht Jahre oder 600.000 km, den Zugriff auf die Zelltechnik sicherte sich JAC im Oktober 2025 über eine strategische Kooperation mit CATL.

Über den Transport hinaus lässt sich der Kastenwagen als Energiequelle nutzen. Ein Wechselstromausgang mit sechs kW versorgt externe Geräte, während das E-Fahrzeug selbst geladen wird, was den Einsatz als mobile Werkstatt oder auf Baustellen erleichtern soll. Zur Ausstattung zählen eine Wärmepumpe für die Klimatisierung, ein 12,3 Zoll großer Touchscreen, eine 360-Grad-Kamera sowie 25 Ablagen im Innenraum. Ein umfassendes Assistenzpaket soll neben dem Fahrpersonal auch Ladung und andere Verkehrsteilnehmer:innen schützen. Flottenbetreiber erreichen das E-Fahrzeug zudem aus der Ferne, per App lassen sich Verriegelung, Vorkonditionierung, Ladeplanung und Ortung steuern.

Aerodynamik, die im Jahresbudget der Flottenbetreiber ankommt

Der Transporter ist allerdings nur eines von vier Modellen, die JAC für den europäischen Markt vorbereitet. Daneben stehen zwei leichte E-Lkw für die städtische Verteilung und ein Pickup mit Plug-in-Hybridantrieb, der sowohl gewerbliche als auch private Käufer:innen adressiert. Zusammen decken sie die Bandbreite ab, die das Unternehmen für den Zustell- und Handwerksbereich als relevant ansieht.

Noch unmittelbarer rechnen lässt sich der Nutzen bei den beiden leichten E-Lkw. N42 EV und N90 EV erhalten ein neues aerodynamisches Design, das den Luftwiderstandsbeiwert um 3,15 Prozent senkt und die Reichweite um 33,3 km verlängert. Bezogen auf die knapp 182 km, die JAC für den N90 EV nach WLTP angibt, sind das gut 18 Prozent, erreicht allein über die Form der Karosserie. Bei einer monatlichen Fahrleistung von 3000 km beziffert der Hersteller die Ersparnis auf 1500 Euro im Jahr.

Technisch trennt die beiden Modelle einiges. Der N42 EV fährt mit gut 77 kWh Batteriekapazität 190 km weit, lädt am Gleichstromanschluss mit bis zu 77 kW und leistet in der Spitze 105 kW bei 300 Nm. Sein größerer Bruder nutzt eine LFP-Batterie mit 100 kWh, kommt auf knapp 182 km, lädt mit 100 kW und bringt 180 kW sowie 550 Nm an die Hinterachse. Deutlicher fällt der Abstand beim Transportvermögen aus: Bei neun Tonnen zulässigem Gesamtgewicht erreicht der N90 EV bis zu 5,9 Tonnen Chassis-Tragfähigkeit und bewältigt unter Volllast Steigungen von 30 Prozent, während der N42 EV mit 4,25 Tonnen Gesamtgewicht und zwei Tonnen Zuladung eine Klasse darunter angesiedelt ist. Als Aufbauten sind Kühlkoffer, Abfallsammler und Kipper vorgesehen.

Aus der Reihe fällt der T9 PHEV, ein Pickup auf Basis der dritten Pickup-Generation des Hauses. Das System leistet 360 kW und stellt 674 Nm bereit. Mit einer Batterie von 31,2 kWh seien laut Hersteller 100 km rein elektrisch möglich, kombiniert 975 km. Geladen wird wahlweise mit Wechsel- oder Gleichstrom, ein Stromausgang mit 3,3 kW gehört ebenfalls zum Paket, hinzu kommen Assistenzsysteme nach Level 2 und Updates über die Luftschnittstelle.

Vom Exportgeschäft zur Präsenz vor Ort

Hinter den vier Modellen steht ein Konzern, dessen Auslandsgeschäft älter ist als sein Europaengagement. Gegründet 1964, hat JAC nach eigenen Angaben mehr als 12 Millionen Fahrzeuge an Kund:innen in 150 Ländern ausgeliefert. Der Export begann 1990 mit den ersten größeren Lieferungen nach Lateinamerika und erstreckt sich heute auf über 130 Länder. Im Ausland betreibt das Unternehmen 1200 Verkaufs- und Servicestellen, weltweit sind es über 5000, dazu kommen 31 Produktionsstandorte.

Der Anteil elektrischer Antriebe wächst dabei von einer schmalen Basis aus. Von den 220.000 Nutzfahrzeugen, die 2025 weltweit verkauft wurden, entfielen 23.000 auf emissionsfreie Antriebe. Zu den Flottenkunden zählen unter anderem DHL, Walmart, Carrefour, Coca-Cola und PepsiCo, also Unternehmen, die ihre Zustellflotten in mehreren Märkten parallel umstellen.

Wie weit dieser Aufbau in Europa trägt, entscheidet sich in den kommenden Jahren. Den Unterschied zum Auftritt von 2024 bei der IAA Transportation in Hannover beschreibt Mr. Yu über die Reaktion der Kundschaft: „Damals war es sehr schwer, Kund:innen überhaupt zu einem Test zu bewegen.“ Inzwischen gebe es feste Partner, die wiederholt bestellten. „Wir sehen das Wachstum, aber wir stehen immer noch am Anfang.“ Mit Blick auf 2030 erwartet er eine deutliche Veränderung der Branche, getragen von der Elektrifizierung und den Kosten fossiler Kraftstoffe: „Europäische Kund:innen brauchen sauberere Lösungen. Wir sind hier, um unseren Beitrag zu leisten.“

Quelle: JAC Motors – Pressegespräch auf der IAA Transportation, 14. September 2026 / JAC Motors – Pressemitteilung

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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