Erneuerbare Energien überholen Gas und Kohle in der EU-Stromerzeugung

Erneuerbare Energien überholen Gas und Kohle in der EU-Stromerzeugung
Copyright:

shutterstock / Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 1069016036

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Europa konnte 2020 das grünste Stromjahr aller Zeiten verzeichnen: Zum ersten Mal übertraf die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien jene aus fossilen Brennstoffen. Erneuerbare Energien hatten 2020 einen Anteil von 38 Prozent am europäischen Strommix, wohingegen fossile Energieträger nur auf 37 Prozent kamen. Das zeigt eine gemeinsame Analyse von Agora Energiewende und dem britischen Thinktank Ember.

Vorangetrieben wurde der Wandel durch das rasante Wachstum der Wind- und Solarstromerzeugung; diese hat sich seit 2015 fast verdoppelt. Im Jahr 2020 stammte bereits ein Fünftel des EU-Stroms aus Wind- und Solarenergieanlagen. Die höchsten Anteile wurden in Dänemark (61 Prozent), Irland (35 Prozent), Deutschland (33 Prozent) und Spanien (29 Prozent) verzeichnet.

Umgekehrt zum Wachstum bei den erneuerbaren Energien hat sich die Kohleverstromung seit 2015 halbiert. Allein im Jahr 2020 sank sie um ein Fünftel. Kohlekraftwerke lieferten damit nur noch 13 Prozent des europäischen Stroms. Die Stromerzeugung aus Erdgas sank 2020 hingegen nur um 4 Prozent. Hintergrund dieser ungleichen Entwicklung ist der deutlich gestiegene Preis für Emissionszertifikate. Dadurch produzierten vergleichsweise klimafreundliche Gaskraftwerke vielfach den billigsten Strom unter den fossilen Kraftwerken. Sie unterboten in Deutschland, Polen und Tschechien sogar erstmals für einige Monate die Braunkohleverstromung.

„Europa hat zu Beginn eines Jahrzehnts globaler Klimaschutzmaßnahmen einen Meilenstein erreicht. Das rasante Wachstum von Wind- und Solarenergie hat die Kohle zum Niedergang gezwungen. Doch das ist erst der Anfang, denn Europa setzt auf Wind- und Solarenergie, um nicht nur den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2030 sicherzustellen, sondern auch um die Verstromung von Gas auslaufen zu lassen, stillgelegte Kernkraftwerke zu ersetzen und den steigenden Strombedarf von Elektroautos, Wärmepumpen und Elektrolyseuren zu decken.“ – Dave Jones, leitender Stromanalyst bei Ember und Hauptautor des Berichts

Die europäische Stromnachfrage sank 2020 um vier Prozent und erreichte im April während der ersten Corona-Welle einen Tiefstand. Der Zuwachs bei den erneuerbaren Energien war trotz der Pandemie robust. Ein weiterer Rückgang bei den fossilen Energien wurde durch den Anstieg der Stromnachfrage später im Jahr sowie eine unterdurchschnittliche Erzeugung von Atomstrom gebremst.

Die Studie ergab auch, dass Europas Strom im Jahr 2020 um 29 Prozent weniger CO2-intensiv war als 2015. Die Kohlenstoffintensität der europäischen Stromerzeugung erreichte im Jahr 2020 ein Rekordtief von 226 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. In Deutschland verursachte die Stromerzeugung in 2020 noch 301 Gramm CO2 je Kilowattstunde, verglichen mit 460 Gramm in 2015 ebenfalls ein deutlicher Rückgang um gut ein Drittel.

„Die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie darf den Klimaschutz nicht ausbremsen. Wir brauchen daher eine starke Klimapolitik – wie zum Beispiel den Green Deal -, um einen stetigen Fortschritt zu gewährleisten.“ – Dr. Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende

Der Zuwachs von Strom aus Wind- und Solarenergie liegt mit 51 Terawattstunden im Jahr 2020 über dem durchschnittlichen Wachstum der vergangenen zehn Jahre mit im Mittel 38 Terawattstunden. „Um die für die Klimaneutralität erforderlichen 100 Terawattstunden jährlichen Zubaus zu erreichen, ist jedoch eine Verdoppelung des Niveaus von 2020 notwendig“, erklärt Agora-Direktor Graichen. Die aktuellen Nationalen Energie- und Klimapläne (NECP) der EU-Mitgliedsstaaten würden diesen Wert bis 2030 nur auf 75 Terawattstunden pro Jahr erhöhen.

Die Studie „The European Power Sector in 2020“, hier als PDF im Volltext (englisch), enthält aktuelle Daten zur EU-27 sowie zu 19 einzelnen Ländern.

Quelle: Agora Eneriewende – Pressemitteilung vom 25.01.2021

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in News

Deutschlands E-Autos sparen zwölf Millionen Badewannen Sprit

Deutschlands E-Autos sparen zwölf Millionen Badewannen Sprit

Sebastian Henßler  —  

Mehr als zwei Millionen E-Autos sind nun in Deutschland zugelassen. Diese sparen 1,8 Milliarden Liter Sprit und bis zu 5,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.

Finnischer Wunder-Akku: Donut-Lab ringt um Glaubwürdigkeit

Finnischer Wunder-Akku: Donut-Lab ringt um Glaubwürdigkeit

Daniel Krenzer  —  

Donut Lab legt erste Prüfdaten zur umstrittenen Feststoffbatterie vor. Der Report bestätigt die Schnellladefähigkeit – doch zentrale Fragen bleiben offen.

Kostendruck: Stellantis erwägt Einsatz von Leapmotor-Technik in Europa

Kostendruck: Stellantis erwägt Einsatz von Leapmotor-Technik in Europa

Tobias Stahl  —  

Insidern zufolge erwägt Stellantis den Einsatz von Leapmotor-Technik in europäischen Elektroautos. Die Entscheidung würde einen Wendepunkt darstellen.

Deutsche Autoexporte nach China brachen 2025 stark ein

Deutsche Autoexporte nach China brachen 2025 stark ein

Sebastian Henßler  —  

Ein Drittel weniger Autos gehen nach China, zugleich wächst der Importdruck. Das Handelsdefizit steigt auf 90 Milliarden Euro.

Ford stattet E-Transit mit Allradantrieb und mehr Reichweite aus

Ford stattet E-Transit mit Allradantrieb und mehr Reichweite aus

Michael Neißendorfer  —  

Die neue Kombination aus emissionsfreiem Fahren und sicherer Traktion dürfte vor allem in Skandinavien und den Alpenregionen Anklang finden.

Lithium-Abbauprojekt in Finnland – Europas Rohstoff-Hoffnung?

Lithium-Abbauprojekt in Finnland – Europas Rohstoff-Hoffnung?

Maria Glaser  —  

Vor kurzem hat das Bergbauunternehmen Keliber in Finnland mit dem Lithiumabbau begonnen. Es ist das erste Projekt in Europa dieser Art.

FEV verweist auf TCO- und Klimavorteil von Range-Extender-Lkw

FEV verweist auf TCO- und Klimavorteil von Range-Extender-Lkw

Michael Neißendorfer  —  

Lkw mit Range-Extender sind bei Kosten und CO2 dem Diesel voraus, so FEV in einer aktuellen Analyse. Leider fehlen in den Berechnungen Elektro-Lkw.