Elektro-Lkw dürfen auch nachts über den Brenner

Elektro-Lkw dürfen auch nachts über den Brenner
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

MAN Truck & Bus und die Spedition Dettendorfer testen im Juli und August vier Wochen im Rahmen eines Pilotprojekts den nächtlichen Einsatz von vollelektrischen Lkw auf einer Brennerroute zwischen Raubling und Bozen. Dank der bestehenden Ausnahme vom Nachtfahrverbot auf der A12 (Inntal-Autobahn) dürfen Elektro-Lkw im Gegensatz zu Diesel-Lkw auch nachts fahren. Ziel des Projekts ist es, die Verkehrsflüsse am Brenner zu entzerren, Staus zu vermeiden, CO2- und Lärm-Emissionen zu senken und die Versorgungssicherheit zu erhöhen – insbesondere in der Ferienzeit.

„E-Lkw können ein wichtiger Teil der Lösung für den alpinen Güterverkehr auf der Brennerroute sein. Wenn wir die Verkehrswende ernst nehmen, müssen wir auch den Straßengüterverkehr nachhaltiger gestalten. Der nächtliche Einsatz von Elektro-Lkw zeigt: Weniger CO₂, weniger Lärm und eine bessere Ausnutzung der Infrastruktur sind möglich. Das ist ein wichtiges Signal für grüne Nutzfahrzeug-Korridore in ganz Europa. Jetzt kommt es auf einen konsequenten, grenzüberschreitenden Ausbau der Ladeinfrastruktur an”, sagt Christian Bernreiter, Bayerischer Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr.

Der „Nachtsprung“ mit Elektro-Lkw über den Brenner ist grundsätzlich seit 2021 möglich. Für den Fernverkehr mangelte es bislang jedoch an einer breiten Fahrzeugverfügbarkeit und an Ladeinfrastruktur. Mit dem MAN eTruck, der seit Juni 2025 in München in Serie produziert wird, lassen sich mit einer Zwischenladung zu jeder Jahreszeit problemlos Tagesreichweiten von bis zu 800 km realisieren. Dank der Ausnahme vom Nachtfahrverbot auf der Inntal-Autobahn (A12) in Tirol kann der vollelektrische Lkw nachts grenzüberschreitend auf der gesamten Strecke zwischen Deutschland und Italien verkehren – etwa von München nach Verona oder von Rosenheim über den Brenner nach Bozen und zurück.

Damit erschließen Elektro-Lkw Routen, die mit Diesel-Lkw aufgrund der nächtlichen Fahrverbote bislang nicht mehr realisierbar waren – ein echter Fortschritt für effiziente, leise und emissionsfreie Nachtlogistik im Alpenraum und besonders interessant für Transporte in der Kühl- und Pharmalogistik oder bei zeitkritischen Lieferketten. So entlasten E-Lkw die Brennerroute in verkehrsarmen Nachtstunden.

Eine Modellrechnung zeigt, dass bereits 300 in der Nacht eingesetzte Elektro-Lkw die Blockabfertigung in Kufstein während des Tages um bis zu eine Stunde verkürzen können. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz: Jeder Elektro-Lkw spart im Schnitt rund 95 Tonnen CO₂ pro Jahr ein, bei einer jährlichen Fahrleistung von 110.000 km. Schon bei 300 Fahrzeugen täglich ergibt sich ein jährliches Einsparpotenzial von bis zu 28.000 Tonnen CO₂, was dem Ausstoß einer Kleinstadt entspricht.

„Elektrische Schwerlastlogistik revolutioniert den Straßengüterverkehr – selbst unter anspruchsvollsten topografischen Bedingungen, die in alpinen Regionen vorherrschen. Mit diesem Projekt zeigen wir, dass vollelektrische Lkw nicht nur praxistauglich sind, sondern unter anderem durch Rekuperation und die Möglichkeit nächtlicher Transporte neue Maßstäbe in Effizienz, Nachhaltigkeit und Verkehrssteuerung setzen. Politik und Industrie müssen Hand in Hand arbeiten, um emissionsfreie Logistik flächendeckend Realität werden zu lassen“, sagt Dr. Frederik Zohm, Vorstand Forschung & Entwicklung bei MAN Truck & Bus.

Elektro-Lkw am Brenner: Wirtschaftlich, Verkehr entlasten, Klima schützen

Der Betrieb von elektrisch betriebenen Lkw auf der Brennerroute ist nicht nur zur Vermeidung von Blockabfertigung und Stau sinnvoll, sondern auch unter ökonomischen Aspekten. Bei einer Jahreslaufleistung von 110.000 Kilometern auf deutschen Autobahnen ergibt sich eine Mautersparnis von über 60.000 Euro pro Fahrzeug und Jahr – ein klarer wirtschaftlicher Vorteil für den Einsatz batterieelektrischer Lkw. Die 100-prozentige Mautbefreiung gilt dabei aktuell ausschließlich in Deutschland. Erst kürzlich hatte EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas empfohlen, die bisher bis Ende 2025 befristete Mautreduzierung für E-Lkw bis Mitte 2031 auszudehnen. Ziel ist es, die Investitionssicherheit für Logistikunternehmen zu erhöhen und den Umstieg auf E-Mobilität zu beschleunigen.

In anderen Ländern gelten abweichende Regelungen: Auf der A13 in Österreich, der Brennerautobahn, werden Elektro-Lkw insbesondere nachts mit bis zu 75 Prozent weniger Maut belastet. In Italien hingegen gibt es auf der Route über den Brenner nach Bozen nur marginale Unterschiede in der Maut zwischen Diesel- und E-Lkw.

Über eine Laufzeit von drei Jahren, einem typischen Einsatzszenario von Lkw in der Logistik, trägt die Mautersparnis eines Elektro-Lkw zu einem Gesamtkostenvorteil (Total Cost of Ownership) von mehr als 15 Prozent gegenüber mit Diesel betriebenen Fahrzeugen auf der Brennerroute bei. Neben den geringeren Mautgebühren tragen vor allem niedrigere Energie- und Wartungskosten, die Befreiung von der Kfz-Steuer und die zunehmend verfügbare Ladeinfrastruktur entlang der Route zur Wirtschaftlichkeit bei. Beispielhafte Ladeszenarien zeigen: In Raubling kann nachts zu rund 0,41 Euro/kWh, in Bozen zu etwa 0,38 Euro/kWh geladen werden. Zudem steigt die Rekuperation auf der bergigen Strecke auf bis zu 40 Prozent. Während bei Diesel-Lkw Bremsenergie ungenutzt verloren geht, speichert der Elektro-Lkw diese als Strom zurück in die Batterie – ein klarer Effizienzvorteil.

Batterieelektrische Lkw verringern zudem die Lärmemissionen im Vergleich zu Diesel-Lkw erheblich. In akustischen Tests wurde der eTruck von MAN bei beschleunigter Anfahrt als rund halb so laut wahrgenommen wie ein herkömmlicher Diesel. Konkret ergebe sich eine Pegeldifferenz von rund zwölf Dezibel. In etwa entspreche dies dem Unterschied zwischen einer Hauptverkehrsstraße und einer ruhigen Straße in einem Wohngebiet.

Dettendorfer als Logistikpartner mit Pionierrolle

„Für uns ist klar: Wenn wir den Wandel zur klimafreundlichen Logistik schaffen wollen, brauchen wir Lösungen, die im Alltag funktionieren – über Landesgrenzen hinweg und ohne Einschränkungen beim Serviceversprechen“, sagt Georg Dettendorfer, Geschäftsführer der Spedition Dettendorfer. Die familiengeführte Spedition mit Sitz in Raubling gilt als Vorreiter in der nachhaltigen Logistik. Als langjähriger Innovationspartner von MAN testet Dettendorfer seit mehreren Jahren alternative Antriebe im Realbetrieb – nun erstmals auch im grenzüberschreitenden Nachteinsatz. Dabei spielt auch die Dettendorfer Energy GmbH als „First Mover“ und wichtiger Partner beim Projekt eine zentrale Rolle – durch den Aufbau von Ladeinfrastruktur für den Güterverkehr in Ober- und Niederbayern sowie in Tirol.

Quelle: MAN – Pressemitteilung vom 25.07.2025

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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