Deutsche Autoindustrie und ihr wachsendes China-Risiko

Deutsche Autoindustrie und ihr wachsendes China-Risiko
Copyright:

Tada Images / shutterstock / 2414160141

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Die Diskussion über Deutschlands wirtschaftliche Ausrichtung gewinnt an Schärfe, weil führende Unternehmen ihre Investitionen in China ausweiten. Trotz wiederholter Hinweise aus der Politik, das Risiko einseitiger Abhängigkeiten zu senken, fließen weiterhin große Summen in Projekte, die deutsche Firmen noch enger an den chinesischen Markt binden. Nach Auswertungen des Mercator Institute for China Studies stieg das deutsche Kapital, das zwischen 2023 und 2024 nach China floss, um rund 1,3 Milliarden Euro auf insgesamt 5,7 Milliarden Euro. Dieser Anstieg zeigt, wie stark kurzfristige Geschäftsaussichten das strategische Verhalten vieler Konzerne bestimmen.

Wenn Warnungen verhallen und wirtschaftliche Realität dominiert

Während wirtschaftspolitische Vertreter:innen hinter verschlossenen Türen an Konzepten arbeiten, scheuen sie weiterhin davor zurück, in Investitionsentscheidungen direkt einzugreifen. Ein hochrangiger Regierungsvertreter soll mit Blick auf historisch gewachsene Zurückhaltung erklärt haben, dieses Vorgehen liege nicht im nationalen Selbstverständnis. Aus mehreren Gesprächsrunden zwischen Wirtschaft und Politik wurde zudem berichtet, dass beide Seiten sich gegenseitig für die derzeitige Lage verantwortlich machen, ohne konkrete Lösungswege vorzulegen.

Für Unternehmen überwiegt derzeit der Blick auf kurzfristige Erträge. Führungskräfte verweisen darauf, dass sie ohne politische Vorgaben oder finanzielle Unterstützung kaum Anlass sehen, ihre Strategie zu ändern. Gleichzeitig wächst in Berlin die Sorge, dass eine vertiefte Bindung an China der Volksrepublik langfristig zusätzlichen Einfluss auf Europas größte Volkswirtschaft verschaffen könnte. Die Analystin Agatha Kratz vom Rhodium Group brachte diese Befürchtung mit den Worten ein, das Gegenmodell sei eine Welt, in der China Europas außen- und wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum bestimmen könne.

Wie China zur zentralen Stellschraube deutscher Industrien wird

Besonders deutlich zeigt sich die Verflechtung in der Automobilbranche. Zwischen 2020 und 2024 entfielen laut MERICS im Durchschnitt zwei Drittel der deutschen Investitionen in China auf sie. Die Summe wuchs allein zwischen 2023 und 2024 um 69 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro. Hersteller wie BMW, Mercedes-Benz und der Volkswagen-Konzern betrachten China inzwischen als wichtigsten Absatzmarkt und bauen dort ihre Aktivitäten weiter aus. BMW investiert in Shenyang Milliardenbeträge in ein Batterieprojekt und nutzt China als Exportstandort für elektrische SUVs. Mercedes verlegte seine jährliche Strategietagung nach Peking und entwickelt Modelle ausschließlich für den chinesischen Markt. VW bezeichnet China seit Jahren als „zweite Heimat“ und verknüpft digitale und technologische Entwicklungen eng mit lokalen Partnern.

Auch außerhalb des Automobilsektors zeigt sich die zunehmende Abhängigkeit. Der Chemiekonzern BASF eröffnete jüngst ein neues Großprojekt im Wert von 8,7 Milliarden Euro in China. Konzernchef Markus Kamieth erklärte, dieses Engagement sei zentral für das Wachstum des Unternehmens. Beim Zulieferer Bosch wiederum verlagert sich ein wachsender Teil der Entwicklung nach China, während Tätigkeiten in Deutschland reduziert werden.

Die strategische Suche nach Alternativen gestaltet sich jedoch kostspielig. Ersatz für wichtige Materialien oder Komponenten ist zwar möglich, führt aber zu höheren Einkaufspreisen und dem Aufbau neuer Lieferketten. Matthias Zink von Schaeffler und Präsident des Verbands CLEPA warnte, man solle keine Illusionen haben: Es dauere mehrere Jahre, bis ein entflechtetes Netz überhaupt funktionieren könne.

Gleichzeitig wird sichtbar, wie verletzlich deutsche Unternehmen sind. Der kurzzeitige Lieferstopp des Chipanbieters Nexperia führte zu Produktionsproblemen und machte deutlich, wie schnell Engpässe entstehen können. Ökonomen wie Jürgen Matthes warnen seit Längerem vor einem schleichenden Abbau industrieller Strukturen in Deutschland, wenn sich die Produktion weiter nach China verlagert.

In der Politik wächst der Druck zu handeln. Die Bundesregierung arbeitet an einem Aktionsplan für Rohstoffe und einer neuen Strategie zur wirtschaftlichen Sicherheit. Kanzler Friedrich Merz machte jedoch deutlich, dass Unternehmen nicht mit staatlichen Rettungen rechnen können. In Gesprächen betonte er, das Risiko liege bei den Firmen selbst, falls China den Zugang zu Märkten oder Lieferketten beschränke.

Quelle: Automotive News China – German automakers are making too much money in China to back away

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

T&E: Forderungen der Autoindustrie könnten EU 74 Milliarden Euro zusätzlich kosten

T&E: Forderungen der Autoindustrie könnten EU 74 Milliarden Euro zusätzlich kosten

Michael Neißendorfer  —  

Der ACEA und die deutsche Regierung setzen sich für weitere Lockerungen zugunsten von Verbrennern ein. Das könnte die EU-Bürger teuer zu stehen kommen.

Deutschland baut Ökosystem für Natrium-Ionen-Fertigung auf

Deutschland baut Ökosystem für Natrium-Ionen-Fertigung auf

Sebastian Henßler  —  

25 Forschungs- und Industriepartner bündeln ihre Kompetenz: SIB:DE Entwicklung soll eine wettbewerbsfähige Natrium-Ionen-Fertigung in Europa aufbauen.

IG Metall warnt vor Wiederholung des Solar-Debakels

IG Metall warnt vor Wiederholung des Solar-Debakels

Sebastian Henßler  —  

Die Autoindustrie baut massiv Stellen ab. IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärt, was sie von EU, Bundesregierung und Unternehmen erwartet.

KI-Boom treibt Speicherchip-Preise für Autobauer hoch

KI-Boom treibt Speicherchip-Preise für Autobauer hoch

Sebastian Henßler  —  

Tech-Konzerne kaufen den Chipmarkt leer, die Autobranche zahlt drauf. Einzelne Speicherbausteine sind bis zu 400 Prozent teurer geworden.

Europa liegt beim E-Auto-Absatz nur drei Jahre hinter China zurück

Europa liegt beim E-Auto-Absatz nur drei Jahre hinter China zurück

Michael Neißendorfer  —  

Hält Europa an seinen CO2-Grenzwerten fest, könne es den Rückstand auf China noch vor 2030 aufholen und den Ölverbrauch im Verkehrssektor drastisch senken.

Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

Sebastian Henßler  —  

Tozero verarbeitet jährlich 1500 Tonnen Batterieabfälle und gewinnt daraus Lithium, Graphit und Nickel-Kobalt zurück. Die Kosten liegen unter Bergbauniveau.

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Michael Neißendorfer  —  

Eine aktuelle Befragung zeigt: Die Deutschen wechseln verstärkt vom Verbrenner zum Elektroauto – und fordern von der Politik mehr Initiative für E-Mobilität.