Autos mit Verbrennungsmotor sollen auch nach 2035 in Europa neu zugelassen werden dürfen. Darauf haben sich die Spitzen der drei größten Fraktionen im Europaparlament verständigt: Konservative (EVP), Sozialdemokraten (S&D) und Liberale (Renew) wollen das CO₂-Reduktionsziel für Neuwagen von 100 auf 87,5 Prozent absenken. Weitere 7,5 Prozent sollen Automobilhersteller wie BMW, Stellantis oder der Volkswagen-Konzern über den Einsatz von CO₂-armem Stahl ausgleichen können. Das geht aus einem Entwurf hervor, der sowohl Bloomberg als auch der Automobilwoche vorliegt.
Mit der Neuregelung entfiele die bisherige Vorgabe, wonach neue Autos ab 2035 im Fahrbetrieb kein CO₂ mehr ausstoßen dürfen. Manfred Weber, Vorsitzender der EVP-Fraktion, wertet die Einigung als “Erfolg für die europäische Automobilindustrie”. Das Verbot des Verbrennungsmotors sei “vom Tisch”, für Hunderttausende Beschäftigte der Branche bedeute das eine gute Nachricht. Von S&D und Renew lag zunächst keine Stellungnahme vor.
Begründet wird der Kurswechsel damit, dass sich Elektroautos langsamer durchgesetzt haben als erwartet. Die Hersteller argumentieren seit Längerem, sie bräuchten mehr Flexibilität, um die Industrie abzusichern. Kritiker:innen halten dagegen, ein aufgeweichtes Klimaziel könne Europa im Wettlauf um die Elektrifizierung der Flotte noch weiter hinter China zurückfallen lassen.
Ein Blick auf die bisherigen Vorschläge zeigt, wie nah die Positionen inzwischen beieinanderliegen. Die EU-Kommission hatte im Dezember 2025 ein Ziel von 90 Prozent vorgeschlagen, wobei ein Teil der Emissionen über CO₂-armen Stahl und alternative Kraftstoffe kompensiert werden sollte. Deutschland und Frankreich verlangten in ihrem gemeinsamen Positionspapier vergangene Woche ebenfalls 90 Prozent, allerdings ohne derartige Gutschriften. Die drei Fraktionen gehen mit ihrem Entwurf nun noch einen Schritt weiter, decken sich mit dem deutsch-französischen Vorstoß aber in wesentlichen Punkten.
Bonus für kleine und sozial geleaste Stromer
Auch bei der Berechnung der CO₂-Flottenwerte sehen die Abgeordneten Erleichterungen vor. Über sogenannte Supercredits sollen bestimmte Elektroautos mehrfach angerechnet werden: kleine Modelle mit dem Faktor 1,4, besonders sparsame mit 1,2. Wird ein E-Auto über staatlich geförderte Leasingprogramme an Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen vergeben, soll es bis zum 1,5-Fachen zählen. Je höher diese Anrechnung ausfällt, desto mehr Verbrenner können Hersteller verkaufen, ohne ihre Flottengrenzwerte zu überschreiten.
Profitieren sollen zudem kleine, in Europa gebaute Elektrotransporter, für Transporter insgesamt sind laut Bloomberg lockerere Regeln geplant. Wie breit die Supercredits greifen sollen, ist unter den Beteiligten noch strittig. Die Kommission will die Sonderregel auf kleine Elektroautos mit höchstens 4,20 Metern Länge beschränken, Berlin und Paris möchten dagegen sämtliche in der EU gebauten Elektroautos begünstigen.
Plug-in-Hybride sollen vorerst nicht strenger bewertet werden. Bis 2029 bliebe der sogenannte Utility-Faktor unverändert, der festlegt, welcher Anteil der gefahrenen Kilometer rechnerisch auf den Elektromotor entfällt. Ein höherer Anteil senkt die CO₂-Emissionen, die dem Hersteller angerechnet werden.
Hinzu kommt eine eigene Fahrzeugklasse für Verbrenner, die ausschließlich mit CO₂-neutral hergestellten Kraftstoffen betrieben werden. Hier liegen die Fraktionen weitgehend auf Linie mit der deutsch-französischen Position. Laurent Donceel, Generalsekretär des Verbands ePURE, hält die geplante Regel für den Betrieb mit erneuerbaren Kraftstoffen nach 2030 allerdings für zu restriktiv und sieht darin kaum mehr als “Augenwischerei”.
Sozialdemokraten hadern noch mit der Einigung
Ganz geschlossen stehen die Fraktionen noch nicht hinter dem Entwurf. Einige Sozialdemokrat:innen tun sich mit dem Deal schwer, den ihre spanische Fraktionschefin Iratxe García Pérez ausgehandelt hatte. Zusammen kommen EVP, S&D und Renew auf 397 der 720 Sitze und damit auf 36 mehr, als für eine absolute Mehrheit nötig sind.
Folgen auch die Kritiker:innen dem Kurs, könnte das Parlament die Lockerung zügig beschließen. Da sich die beiden größten EU-Staaten und die führenden Parlamentsgruppen angenähert haben, gilt eine schnelle Verabschiedung nach Brüsseler Logik als wahrscheinlich. Nach Angaben der Automobilwoche könnte der Umweltausschuss Anfang November abstimmen, eine Entscheidung im Plenum Anfang Dezember folgen. Bloomberg nennt dagegen Ende November als Termin für die finale Abstimmung im Parlament. Anschließend müssen Parlament und Mitgliedstaaten noch den endgültigen Gesetzestext aushandeln.
Quelle: Automobilwoche – Verbrenner-Aus: Ein finaler Kompromiss ist in Sicht / Automotive News Europe – Key EU lawmakers strike deal to relax 2035 car emissions target








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